Ravensburg Auf leisen Sohlen zum Platz an der Sonne

Im Ravensburger Rathaus glaubt man an die Anziehungskraft einladender Stadtplätze. Foto: mauritius images /Werner Otto

Keine Stadtverwaltung im Südwesten hat bisher mehr für den Klimaschutz erreicht als Ravensburg. Der Oberbürgermeister Daniel Rapp glaubt, dass man den Bürgern nicht Verhaltensänderungen abverlangen kann, ohne selber Vorbild zu sein.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

D Ravensburg - ie Bestmarke steht wie gemauert, schon seit dem Jahr 2016. Eine Erfüllungsquote innerhalb des Anforderungsprofils des European Energy Awards von 86 Prozent – das hat in Baden-Württemberg bisher keine andere Stadt geschafft. Nicht einmal Tübingen oder Freiburg, wo man ebenfalls die Hände nach dem Kommunalzertifikat für die Nachhaltigkeit der Energie- und Klimaschutzpolitik ausgestreckt hat. Da drückt der CDU-Oberbürgermeister Daniel Rapp, 47, der keine lauten Töne mag, zumindest mal die Schultern durch. Was seine Verwaltung leiste, sei das Gegenteil von „Symbolpolitik“. Die Ausrufung eines Klimanotstandes? Ohne Rapp.

 

Das Jugendhaus und eine Großsporthalle vollenergetisch saniert, ein prächtiges neues Kunstmuseum als Passivhausbau errichtet, die Effizienz der Abwasserentsorgung optimiert, die Straßenbeleuchtung auf LED-Technik umgerüstet, Erdgasbusse nebst Tankstelle angeschafft - alles schon passiert und gewissermaßen auch von gestern. Der OB der oberschwäbischen Stadt mit knapp 50 000 Einwohnern will mehr. Die Kommunalwahl im Mai hat auch den Ravensburger Gemeinderat umgekrempelt, die Konservativen dezimiert. Hindern soll das nicht. „Früher waren wir Schwarz-Grün, jetzt sind wir Grün-Schwarz“, sagt Rapp leichthin. Es habe sich gezeigt, dass auch bei Stadtratswahlen nicht nur Köpfe gewählt würden, „sondern auch politische Ideen“.

Auf den Gemeinderat kommen viele Ideen zu

Man wird noch sehen müssen, ob der Rathauschef nicht mehr davon hat, als die Ortspolitik zu schlucken bereit ist. Er will den innerstädtischen Verkehr weiter zurückdrängen und kann sich vorstellen, die Zahl der freien Stellplätze um jährlich drei Prozent zu verringern. Protestierenden Einzelhändlern sagt er: „Es ist tausendmal bequemer, auf dem Sofa zu sitzen und per Internet Waren zu bestellen, als bei euch kurz zu parken.“ Der Bedrohung durch Amazon und Co. müssten Städte zugunsten ihres Handels durch „tolle Aufenthaltsqualität und schöne Plätze“ begegnen. Gerade hat die EU der Stadt 600 000 Euro für den Aufbau von 118 Ladepunkten für Elektroautos bewilligt. Wenn sie stehen, sagt Rapps Stellvertreter Dirk Bastin, besitze Ravensburg die höchste Stromtankstellendichte pro Einwohner im Südwesten. „Wirklich?“, fragt Rapp überrascht und lächelt beglückt.

Der Technikbürgermeister Bastin, ebenfalls von Zukunftsfragen beseelt, gehört zur selben Generation wie Rapp, ebenso Veerle Buytaert, derzeit Klimaschutzmanagerin des Gemeindeverbandes Mittleres Schussental. Die Einigkeit der Gruppe zeigt sich in jedem Blick und manchem Lächeln. Die Belgierin Buytaert, die vor ihrem familiär bedingten Umzug nach Oberschwaben einen Verantwortungsposten im Elfenbeinturm der EU-Verwaltung in Brüssel besetzte, hat sich Rapp sofort in sein „Energieteam“ im Rathaus geholt, wie er das nennt. Dort brennt der Wille zur CO2-Ersparnis. In Kürze möchte er die Managerin, die weiß, wo Brüssels Fördertöpfe stehen, zur Leiterin eines neu zu gründenden Amts für Klimaschutz und Nachhaltigkeit machen.

Einiges Verwaltungsteam, zwingende Dialektik

Es dürfte dem Gemeinderat schwer fallen, die Frau abzulehnen, in der so viel Sparpotenzial für die Stadtkasse steckt. Sie kann Studien zitieren, wonach Menschen, die sich regelmäßig mit dem Fahrrad durch Innenstädte bewegen, durchschnittlich mehr Waren im örtlichen Handel kaufen als Autofahrer. Alle vier Jahre muss das Gütesiegel neu errungen werden – mit immer schärferen Vorgaben. Nächstes Jahr muss sich Ravensburg erneut den Prüfern stellen. Der Platz an der Sonne, so die Maßgabe, soll verteidigt werden. Rapp lässt das keine Ruhe. Derzeit, sinniert er, koste der Eintritt ins kommunale Naturfreibad Flappachbad, von den Einheimischen „Fläppe“ genannt, knapp vier Euro, das Parken ist gebührenfrei. Der OB kann sich vorstellen, die Verhältnisse einfach umzudrehen, das Baden kostenlos und das Parken kostenpflichtig zu machen. Das ist ein durchaus typisches Beispiel für Rapps Dialektik, in der sanfter Druck und Verlockung zusammenspielen. „Wenn wir eine Politik gegen den Individualverkehr machen, dann wird das keine Mehrheit in der Bevölkerung finden.“ Einschränkungen ließen sich aber durchsetzen, wenn „gleichzeitig ein Angebot gemacht wird“.

Andere Städte machen mehr von sich reden

Parken kostenpflichtig und schwimmen kostenfrei? Da dürften manche Stadtvertreter, die selbstverständlich überall kassieren, große Augen machen. Und es ist schon so: Klimaschutz muss man sich auch leisten können. Rapp weiß das natürlich. Dass die starke Wirtschaftsregion Ravensburg schwer begütert ist, geht ja nur deswegen zuweilen etwas unter, weil das südlich gelegene Friedrichshafen und das nördliche Biberach noch reicher sind. „Privilegiert“ sei seine Stadt, bestätigt der OB. Er glaubt, dass Klimafreundlichkeit zunehmend zum Standortfaktor werden kann, etwa wenn es um die Anwerbung von Fachkräften geht.

So tüftelt der enge Rathauskern am Marienplatz aktuell auch an einer „Klimakonferenz“, paritätisch besetzt mit Bürgern, Naturschützern, Vertretern aus Politik und Verwaltung. Regelhaft solle das Gremium die Handlungsfelder Verkehr und Gebäude beackern, sagt Rapp. „Wir wissen, dass der Verkehr 20 Prozent des CO2-Ausstoßes ausmacht und Gebäude 80 Prozent.“ Vorschläge aus der Mitte der Gesellschaft sollen her, was gegen Schadstoffemissionen getan werden kann. Das eigentliche Ziel sei ja nicht die Ertüchtigung der Rathausinfrastruktur, sondern die Kraft des guten Beispiels, die daraus entspringt. „Die Leute wollen sehen: Wie hältst du es denn selber?“, sagt Rapp.

Hoffen auf den Nachahmereffekt

Und dann, wenn sie überzeugt sind, investieren die Stadtbewohner selber in ihre Häuser und Autos. Oder weil es einfach Statusgewinn verspricht; das ist Rapp am Ende egal. „Wir müssen die privaten Immobilieneigentümer erreichen. Da liegt das Potenzial.“ Dann seien die Chancen für den nächsten Energie-Award bestens. Wohl auch für den Politiker Rapp selber, der nebenbei einen persönlichen Spitzenwert zu verteidigen hat. Bei seiner letzten Wiederwahl im März 2018 erhielt er knapp 93 Prozent der Stimmen.

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