Ravensburger Landrat Zwischen Wirtshaus und Weihrauch

Kurt Widmaier ist ein leutseliger Prinzipal. Wie ein kluger Hirte kümmert er sich um seine Schäflein, kann aber auch mal Fünfe gerade sein lassen. Foto: Rupert Leser
Kurt Widmaier ist ein leutseliger Prinzipal. Wie ein kluger Hirte kümmert er sich um seine Schäflein, kann aber auch mal Fünfe gerade sein lassen. Foto: Rupert Leser

Wie der Ravensburger Landrat Kurt Widmaier seinen Kreis und den Stromkonzern EnBW lenkt - und warum er nun ein schwerwiegendes Problem hat.

Ravensburg - Es war Dreikönig, und dem Landrat stand ein Termin ganz nach seinem Geschmack ins Haus. Im Rathaus von Wangen sollte Walter Kasper, ein Sohn der Stadt, der es bis zum Kardinal in Rom gebracht hatte, aus dem Berufsleben verabschiedet werden. Ihm, dem Landrat Kurt Widmaier, war es bestimmt, ein Grußwort zu sprechen. "Walter Kasper hat immer Line gehalten!", rief Widmaier freudig dem 78-Jährigen zu. "Trotz aller kurialer Einflüsse" habe Kasper immer die Bodenhaftung behalten, sei "immer einer von uns geblieben". Linie halten, am Boden bleiben. Nicht vergessen, wo man herkommt.

So ist die Welt des Kurt Widmaier gebaut, des wohl oberschwäbischsten aller oberschwäbischen Landräte. Die 276.000 Einwohner seines Landkreises Ravensburg hält er für die "glücklichsten Menschen" Deutschlands, wenn nicht gar der ganzen Welt. Als rechtschaffene und gottesfürchtige Leute lebten sie wie in Leibniz' Theorie von der prästabilisierten Harmonie ihr einträchtiges Dasein im Himmelreich des Barocks inmitten einer prächtigen Kulisse des Voralpenlandes zwischen den Spitzen der Zwiebelturmkirchen und mittelalterlichen Stadttoren. Eine Idylle, die nicht mal als Klischee stimmt. Das weiß natürlich auch Widmaier. Doch mit dem Abziehbild des schönen Oberschwaben lebte und regierte seine Partei mit dem C fürs Christliche die vergangenen Jahrzehnte ganz prächtig.

Widmaier ist die barockeste Figur


Oberschwaben, das ist das Land der Landräte. Diese verdanken ihre Macht zwar nicht dem Volk, sondern nur den Stimmen von ein paar wenigen Kreisräten. Die kriegen bedeutet, wen sie zu wählen haben und wen nicht, damit alles wohlgeordnet und katholisch bleibt zwischen Sigmaringen und Friedrichshafen, Isny und Bad Wurzach. Unter den Landvögten ist Widmaier die barockeste Figur. Seit 1999 regiert er für die CDU den Kreis Ravensburg, den flächenmäßig zweitgrößten in Baden-Württemberg. Ein Leben zwischen Weihrauch und Wirtshaus. Wo Tradition und Moderne, Mikrochip und Milchwirtschaft, Atomstrom und Solarenergie, keine sich ausschließenden Gegensätze bilden, sondern sich zum Wohle aller symbiotisch vereinen sollen.

Nie habe er etwas anderes werden wollen als Landrat, erzählt Widmaier den Journalisten, wenn er sie mit auf die Veitsburg nimmt, um ihnen nahezubringen, dass er in seinem Wirkungskreis alles brauchen kann, "nur keine Skandale". Widmaier ist ein leutseliger Prinzipal. Bei öffentlichen Anlässen greift er zum Taktstock und dirigiert die Musikkapellen, er weiht Grenzsteine ein und gluckst vor Freude, wenn im Bauernhausmuseum Wolfegg ein Zicklein Junge kriegt.

Stundenlanges Aktenstudium ist ihm ein Graus


Das hat ihn beliebt gemacht beim Volk. So beliebt, dass bei seiner Wiederwahl 2007 selbst die Grünen und die Sozialdemokraten keinen Parteien mehr kannten und alle für den "Jack" stimmten, wie er allenthalben genannt wird. Der Grünen-Energieexperte Manfred Lucha, einer seiner wenigen Kontrahenten, schenkte ihm damals das Kartenspiel "Black Jack", weil er ihn bei aller politischen Gegnerschaft halt menschlich schätzt und mag.

Black Jack. Sein Spitzname ist ihm Programm: schwarz in der Gesinnung, locker im Umgang. Stundenlanges Aktenstudium ist ihm ein Graus. Dafür hat Widmaier seine Leute in der mehr als 1200 Mitarbeiter fassenden Landkreisverwaltung. Als gestrenger und doch milder Potentat leitet ihn das paternalistische Herrschaftsprinzip. Wie ein kluger Hirte kümmert er sich um seine Schäflein, kann aber auch mal Fünfe gerade sein lassen.

Den sinnlichen Freuden nicht abhold


Beim Blutritt in Bad Wurzach sitzt er am zweiten Freitag im Juli hoch oben am Gottesberg, gleich neben der Kapelle und dicht beim Fürsten Waldburg-Zeil, derweil das andächtige Volk weit unterhalb sein Gebet verrichten darf. Als abgehoben aber will der 61-Jährige weiß Gott nicht gelten. Im Gegenteil. Er ist nah bei den Leuten, isst und trinkt fürs Leben gern und ist den sinnlichen Freuden nicht abhold, sofern sie im Rahmen oder eben unbemerkt bleiben.

Da gilt für ihn das Lebensmotto des früheren Landrats von Biberach, Wilfried Steuer, ein Vorgänger ganz im lebensfrohen Geiste Widmaiers. Der hat sich als Zeugnis der Dankbarkeit in seinem Heimatdorf Emerfeld ein Kreuz aufstellen lassen. Darin findet sich sein Lebensmotto: "Gläubig aufwärts, mutig vorwärts, dankbar rückwärts."

Hinter der Gemütlichkeit steckt ein wacher Verstand


Dem aus Oberschwaben stammenden und in Stuttgart heimisch gewordenen Journalisten Josef-Otto Freudenreich hat Steuer verraten, was in der Auflistung fehlte und was der Bildhauer nicht ins Holz schnitzen durfte: "Heimlich seitwärts." Freudenreich kann darüber schmunzeln. Denn er weiß seine Oberschwaben einzuschätzen, und keinen der Großkopfeten kennt er besser als Widmaier. Doch so weit wie bei Steuer geht Widmaiers barocke Seligkeit dann doch nicht. Mit ihm zusammen drückte der in Wangen im Allgäu die Schulbank des Gymnasiums, und danach begleitete er dessen Karriere. "Der Kurt ist ein granatenmäßiger Spitz, aber in dieser Rolle authentisch. Wo gibt's das in der Politik noch?", fragt der frühere Chefreporter der Stuttgarter Zeitung.




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