Stuttgart - Wenn die Jungs von RB Leipzig und Borussia Dortmund an diesem Samstag so spielen, wie sie oder ihre Verantwortlichen vorher geredet haben, dann ist der Fall klar. Unter einem zünftigen 6:0-Kantersieg für die Roten Bullen geht nichts. „Den Sieg plane ich ein“, sagt Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann also vor dem Duell in der Bundesliga von 18.30 Uhr an und liefert die Begründung mit: „Weil wir mutig sind, weil wir gut drauf sind.“ Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc sieht das offenbar ähnlich, weshalb er sagt: „Aufgrund der Tabellensituation sehe ich uns in der Rolle des Jägers.“
BVB-Innenverteidiger Mats Hummels outete sich nun gar als Anhänger der Bullen: „Auch wenn das in Dortmund nicht jeder so gerne hört: Ich bin ein Fan davon, was in Leipzig passiert und wie sich der Verein entwickelt hat – weil dort gute Arbeit gemacht wird. Geld alleine ist dafür keine Garantie.“
Und nur damit das auch noch klar ist, stellte Julian Nagelsmann dies klar: „In Bezug auf Borussia Dortmund gibt es keinen Grund, nervös zu werden“, sagte er – und meinte damit Gerüchte, er könne nach Ablauf der Saison der neue Trainer des BVB werden: „Es gibt keine Passung und auch keine Notwendigkeit. Ich habe meine Ziele mit Leipzig.“ Punkt. Ausrufezeichen.
Der BVB wollte Nagelsmann verpflichten
Die Bullen aus Leipzig reiten vor dem Duell der Verfolger des FC Bayern die Attacken – und die große Frage lautet: Laufen sie dem BVB auf Sicht sogar den Rang ab, und das nicht nur, was die Gunst bei diesem europaweit begehrten Jungtrainer namens Nagelsmann betrifft? Mit Blick auf die Entwicklungen in dieser Saison ist zumindest eines klar: Nur Leipzig ist ein echter Bayern-Jäger. Und der BVB allenfalls noch ein Jägerchen.
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Dabei ist es längst verbrieft, dass der BVB den aktuellen Leipziger Erfolgstrainer Julian Nagelsmann zur Saison 2018/19 verpflichten wollte. Der BVB und Nagelsmann waren sich einig. Dann allerdings stellte sich heraus, dass die Ausstiegsklausel des Trainers bei seinem damaligen Club TSG Hoffenheim nur für den Sommer 2019 galt, nicht aber für 2018. Nagelsmann blieb ein Jahr länger in Hoffenheim, Dortmund verpflichtete Lucien Favre und hatte dann 2019 keine Stelle frei. Nagelsmann ging zu RB Leipzig.
Lange galt der BVB als einziger Jäger
Seitdem ist viel passiert im Gedränge um die Pole-Position hinter der in den vergangenen Jahren unangefochtenen Nummer eins im deutschen Fußball, dem FC Bayern. Lange galt nur Borussia Dortmund als der wahre Bayern-Jäger. Wenn es jemand schafft, außer dem Serienchampion Meister zu werden, dann der BVB, so hieß es lange. Jetzt ist es anders. Weil RB Leipzig inzwischen gleichauf ist. Mindestens. Auch dank seines Trainers Nagelsmann – dem die Verantwortlichen in Dortmund, auch wenn das niemand sagt, nach der verpassten Chance damals im Sommer 2018 hinterhertrauern.
Fakt ist: Wenn Leipzig an diesem Samstag gewinnt, beträgt der Vorsprung auf den BVB neun Punkte – was die Entwicklungen der vergangenen Jahre unterstreichen würde.
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In Leipzig ist das Konzept so austariert wie erfolgreich: Es gibt eine überfallartige Draufgängerphilosophie auf dem Platz mit meist jungen, entwicklungsfähigen Top-Profis, die auf Trainer wie Ralf Rangnick, Ralph Hasenhüttl oder nun Nagelsmann treffen, die das Konzept vorleben und verfeinern. Dass die Millionen des Großsponsors aus Fuschl am See eine große Rolle spielen, ist klar – dennoch bekommt RB nicht jeden Profi, den es will. Weil die Zuwendungen aus dem Brause-Hause nicht endlos sprudeln.
Und der BVB? Da weinen große Teile des Umfelds samt der Verantwortlichen Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc noch immer Jürgen Klopp nach – auch wenn das auch niemand öffentlich sagen will. Sämtliche Nachfolger auf der Trainerposition seit dem Sommer 2015 scheiterten irgendwann: entweder menschlich (Thomas Tuchel), sportlich (Peter Bosz, Peter Stöger) oder in beiden Bereichen (Lucien Favre, am Ende).
Die BVB-Mischung schien zu stimmen
Dabei wird der BVB ja europaweit dafür geschätzt, jungen Toptalenten das berühmte Sprungbrett für die große Karriere zu bieten. Jungtorjäger Erling Haaland etwa ließ sich deshalb vor einem Jahr für einen Wechsel begeistern. Aufgrund lukrativer Spielerverkäufe in den vergangenen Jahren steht der BVB finanziell gut da und muss sich vor der Kaufkraft von RB Leipzig nicht verstecken.
In dieser Saison schien die Dortmunder Mischung aus jungen Topkräften wie Haaland und Routiniers wie Mats Hummels oder Axel Witsel für den Angriff auf den FC Bayern zu stimmen – allein: Der BVB brachte sein Potenzial nicht auf den Platz. Auch, weil die Siegermentalität offenbar fehlt. Und ein Trainer, der diese Truppe passend zu ihren großen Möglichkeiten ins Rollen bringt.
Für was also steht der BVB, und was ist die Philosophie auf dem Platz? Borussia Dortmund, so scheint es, ist vor dem Duell mit RB Leipzig in einer Art Schwebezustand. Oder anders: Der BVB ist auf der Suche nach sich selbst. Und nach dem passenden Trainer.