Der August war deshalb in jeder Hinsicht anstrengend. Die Quecksilbersäule erreichte zwei Wochen lang Werte, die weit über der 30-Grad-Marke lagen. Im Neckartal am Gaskessel registrierte der Deutsche Wetterdienst 38,9 Grad. Im Rheintal wurden sogar etwas mehr als 40 Grad gemessen. Wer’s mochte und vertrug, freute sich über tropische Nächte, in denen man feiern konnte wie früher nur in südlichen Ländern.
Auf den Straßen in und um Stuttgart traten wegen der hohen Temperaturen Schäden am Asphalt auf. Selbst die Betonplatten auf den umliegenden Autobahnen zeigten sogenannte Blow-up-Effekte. Durch den erhöhten Druck in Folge der Hitze platzten Teile des Belags ab oder Platten stellten sich gegeneinander auf. Wegen der nötigen Bauarbeiten kam es zu langen Staus. In den Stadtbahnen der SSB fielen wegen der Überhitzung von Bauteilen die Klimaanlagen reihenweise aus, manche Bahnen streikten komplett. Sogar die Gleise wurden so heiß, dass manche sich verschoben und mit einem kräftigen Wasserstrahl heruntergekühlt werden mussten. Herausgefordert war auch das Gesundheitssystem in der Stadt. Im Stuttgarter Süden starb ein Bauarbeiter an einem Hitzekollaps, auch beim Stuttgart-Lauf war ein Todesfall zu beklagen.
In diesem Umfeld hatte Mark Dominik Alscher im Sommer 2003 alle Hände voll zutun. Der heutige medizinische Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses war dort damals Oberarzt, Anfang August war er gerade 40 Jahre alt geworden. Der Supersommer war für ihn beruflich gleich in mehrfacher Weise eine Herausforderung.
„Wegen der Hitze ist es mehr als schwer gefallen, die übliche Produktivität in den Sommermonaten aufrecht zu erhalten“, erinnert er sich an die Arbeit im Krankenhaus. „Teilweise war die Raumtemperatur noch weit über den gemessenen Temperaturen außerhalb.“ Als Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie, die sich mit den Erkrankungen der Niere befasst, war Mark Dominik Alscher im Zentrum des Geschehens.
Er war verantwortlich für die Dialysestation, erst im Mai hatte Alscher dazu noch die Zuständigkeit für die internistische Notaufnahme am RBK erhalten. Viele chronisch kranke Menschen, deren Kreislauf durch die hohen Temperaturen überlastet war, wurden eingeliefert. Man nahm Menschen auf mit akuten Schwindelanfällen, Personen, die völlig dehydriert waren, und vermehrt auch Patienten mit einem Nierenversagen.
Parallel befand sich der Mediziner beim Abfassen seiner Habilitationsschrift an der Universität Tübingen in den letzten Zügen, im gleichen Jahr erhielt er dort die Lehrbefugnis. Trotz unerbittlicher Hitze durch das Hoch „Michaela“ musste Alscher wochenlang „hoch konzentriert arbeiten“. Da war es gut, dass es bei seiner Arbeit „kleine Kälteinseln gab, die halfen, durch den Alltag zu kommen“. Gekühlte Räume wie die OPs, die Intensivstation, das Dialysezentrum und einige andere Funktionsräume, für die es ab etwa 26 Grad eine „Spitzenkühlung“ gibt.
„Revolutionärste Veränderung aller Zeiten“
Ein kühler Kopf war vor allem beim damals in den Krankenhäusern in Bund und Land heißesten Thema wichtig: bei der Einführung der sogenannten Fallpauschalen. Kurz gesagt wurde die Vergütung der Leistungen im Krankenhaus nach Tagessätzen auf feste – also pauschale – Fallbeträge umgestellt, eine lange Liegezeit brachte jetzt nicht mehr Geld, sondern erzeugte von einem bestimmten Zeitpunkt an zwar Kosten, aber keine Einnahmen mehr.
Für die Umsetzung des neuen Entgeltsystems im RBK war Mark Dominik Alscher zuständig. Kein Stein werde auf dem anderen bleiben, hieß es auch im RBK damals, man erwartete die „revolutionärsten Veränderungen aller Zeiten“ für die Krankenhäuser. Der Wandel vom „eher karitativen System“, so Alscher, zu Effektivität und Effizienz brachte deutlich kürzere Liegezeiten der Patienten, aber auch Fehlanreize und einen extremen wirtschaftlichen Druck.
Das alles wirkt bis heute nach. Mit den negativen Begleiterscheinungen der Fallpauschalen schlägt man sich in den Krankenhäusern und in der Gesundheitspolitik gegenwärtig wieder herum. Der Klimawandel – das Wort wurde 2003 allenfalls von Experten gebraucht – ist in aller Munde.
Ein „Weckruf“ sei der Sommer 2003 gewesen, sagt der RBK-Chef. Vorher hatte man hier Hitze nicht als bedrohlich wahrgenommen, nun wurden „plötzlich die Gefahren des Sommers bewusst, dass die Sonne nicht nur ein Wohlfühlfaktor ist“. Auch wenn das selbst unmittelbar danach noch nicht so dargestellt wurde, hatten viele doch eine „erste Ahnung“ davon bekommen.
Bis zu 70 000 Hitzeopfer
Mag der Sommer 2015 mit einer auf dem Schnarrenberg in Stuttgart gemessenen Temperatur von 38,8 Grad auch einen neuen Höchstwert erbracht haben (2003 erreichte die Temperatur dort 38,1 Grad, im Neckartal wurde 2015 nicht mehr gemessen): Was Dauer und Intensität der Hitzeperiode angeht, konnte der Sommer 2015 dem von 2003 das Wasser doch nicht ganz reichen.
Heute gilt die Hitzewelle vor allem der ersten Augusthälfte 2003 als eines der wichtigsten meteorologischen Phänomene der jüngeren Zeit in Europa. Schätzungen gehen davon aus, dass durch die Hitze bis zu 70 000 Todesopfer zu beklagen waren. In Deutschland sind dabei etwa 3500 Menschen gestorben, insbesondere geschwächte Personen wie Kranke und Senioren. In Frankreich, das besonders betroffen war, geht man von etwa 11 500 Hitzeopfern aus.
Wegen der großen Zahl mussten die Leichen in unserem westlichen Nachbarland zum Teil sogar in Kühllastern und gekühlten Logistikhallen zwischengelagert werden. Der Sommer 2003 gehört damit weltweit zu den opferreichsten Naturkatastrophen nach dem Zweiten Weltkrieg und in Europa zu den schlimmsten Unwetterereignis seit Beginn der modernen Geschichtsschreibung.
Vieles hat sich seither in den Krankenhäusern geändert, zumeist aber nicht die Kühlung für künftige Hitzeperioden, auch wenn das immer wieder von Patienten gefordert wird. Aus mehreren Gründen. Da viele Klinikgebäude schon einige Jahrzehnte alt seien, fehlten diesen etwa „vorgelagerte Balkone oder eine Verschattung“, stellt Mark Dominik Alscher heute fest. Und gerade angesichts des Klimawandels würde eine zusätzliche Kühlung die Klimabilanz der Krankenhäuser noch weiter verschlechtern.
Schon jetzt entspreche der Energiebedarf für ein Patientenbett dem „eines Einfamilienhauses, in dem eine vierköpfige Familie lebt“, sagt der Mediziner. Eine Kühlung über die Funktionsräume hinaus würde den heute schon „riesigen Energiebedarf“ der Krankenhäuser noch deutlich erhöhen, gibt der RBK-Chef zu bedenken. Der Gesundheitssektor trage aber bereits jetzt 4,4 Prozent zum Kohlendioxid-Eintrag bei.