Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Stuttgarter Staatstheater, bringt die Enttäuschung der Theaterszene auf den Punkt: „Wir dachten, dass die Sonderregel des Landes weiterhin belastbar ist. Es ist kein Infektionsgeschehen bekannt, das von einem Theater ausgegangen ist.“ Jetzt bereiten sich Oper, Schauspiel und Ballett auf einen Spielbeginn zum 1. Dezember vor. „Der Widerstand von unserer Seite“, so Hendriks, „war nicht hör- und sichtbar genug.“ Axel Preuß, Intendant der Stuttgarter Schauspielbühnen, schätzt die Folgen des neuen Lockdowns als „katastrophal“ ein, und mit bangen Blicken sieht er dem nächsten Berliner Corona-Gipfel in zwei Wochen entgegen: „Was, wenn die Maßnahmen verlängert werden? Wieder haben wir keine Planungssicherheit.“
Auch Werner Schretzmeier plagen als Chef des Theaterhauses mehr denn je finanzielle Sorgen: Sechs ausverkaufte Gauthier-Dance-Vorstellungen von „Gershwin“ muss er absagen, dazu populäre Comedians wie Eckart von Hirschhausen. „Der November wäre ein Monat geworden, der ein paar Euro Ertrag abgeworfen hätte.“ Und: „In unseren Vorstellungen bewegt sich kein einziges Aerosol.“
Musik
Michaela Russ, Geschäftsführerin der SKS Russ, muss im November acht Konzerte absagen. Wie lange das noch so gehen kann? Keine Ahnung – die Buchhaltung, die Genaueres sagen könnte, ist, wie alle Mitarbeiter der Agentur, in Kurzarbeit und am Donnerstag nicht da. Durch die Formalien und Fallstricke des Hilfsprogramms „Neustart Kultur“ hat sich ihr Vater, der Seniorchef Michael Russ, zwar eine Woche lang verbissen hindurchgearbeitet, „aber bis jetzt ist noch keine finanzielle Unterstützung hier angekommen“.
Markus Korselt, Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters , hat im November zwei Tourneen streichen müssen, außerdem je ein Konzert in Freiburg, Stuttgart, Ehingen und Backnang. Für das Kammerorchester bedeute dies einen sechsstelligen Gewinnausfall – „dennoch haben wir dieses Jahr so gemanagt, dass wir nicht grundsätzlich gefährdet sind“.
Matthias Mettmann, Geschäftsführer der Konzertagentur Chimperator und Betreiber der Veranstaltungsstätte Im Wizemann, befürchtet, dass nicht nur ein Veranstaltungsverbot, sondern ein striktes Betriebsverbot auf ihn zukommen wird, dass also auch ein geplanter Fernsehdreh oder die „Kesselkirche“ nicht mehr bei ihm stattfinden können. Als Veranstalter befinde man sich zurzeit in der „dritten Verschiebungswelle“ – „wobei in unserer Branche viele nicht einmal mehr an die Möglichkeit für große Konzerte im Jahr 2021 glauben“. Immerhin sorge das Kurzarbeitsgeld dafür, dass die persönliche Lage der Mitarbeiter „nicht mehr so existenzbedrohend“ sei.
Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart, Cornelius Meister, vermisst bei der Entscheidung der Politiker eine „differenzierte Betrachtungsweise“. „Das Schlimme daran“, schreibt er in einem offenen Brief, „ist die Verengung des Denkens, der Tunnelblick, der entstanden ist“: Nur noch Schwarz oder Weiß scheine es als Handlungsoptionen zu geben: entweder werde „gelockert“ und „geöffnet“ oder aber „zurückgefahren“ und „geschlossen“ – Kultur hingegen lehre, „einen differenzierten Blick in humanistischer Tradition auf die Welt zu richten.“ Mit einem kulturlosen November 2020, schließt Meister, „werden wir die Welt nicht retten“.
Freie Szene
Timo Steinhauer, Geschäftsführer des Friedrichsbau-Varietés, musste die für den 6. November geplante Pop-up-Show verschieben. Die beteiligten regionalen Künstler erhielten nun keine Gage. Die versprochene Überbrückungshilfe sei „bisher nur vereinzelt bis gar nicht angekommen“. „Uns geht die Puste aus“, sagt Alexa Steinbrenner, die zur künstlerischen Leitung des freien Theater-Vereins Lokstoff gehört. Für den Verein, der überwiegend im öffentlichen Raum auftritt, sei es sehr schwer, vom Ordnungsamt Genehmigungen für Auftritte zu bekommen. Gerade erst hatte man alle nötigen Genehmigungen für November erhalten. „Jetzt wissen wir nicht, wie es weitergeht.“
Literatur
Jahrelange Vorbereitung hat die Leiterin des Stuttgarter Literaturhauses, Stefanie Stegmann, in die für den 7. November geplante Hölderlinnacht gesteckt, einer hochkarätig besetzten Gemeinschaftsproduktion mit dem Staatstheater und dem Deutschen Literaturarchiv. Gerade prüft sie, ob sich diese Riesennummer vielleicht doch noch auf den digitalen Weg retten lässt. Und in den Sternen steht auch die „Kometenparade“ – der Jahrmarkt der unabhängigen Verlage Anfang Dezember. Immerhin hat das Literaturhaus während des ersten Lockdowns viel Geld in Videotechnik investiert. Das zahlt sich nun aus. So wird man am 6. November den Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau bei der Premiere seines neuen Dengler-Romans wenigstens per Stream erleben können.
Kinos
Seine Kinos, das Atelier am Bollwerk und das Delphi, sieht Kinobetreiber Peter Erasmus noch nicht am Abgrund, weil das neue Hilfspaket des Bundes vorsieht, kleineren Unternehmen 75 Prozent ihrer Umsatzeinbußen auf der Grundlage der Umsätze vom November 2019 zu ersetzen. „Das ist auch nötig“, sagt der Kinomacher, „schließlich haben wir monatlich 40 000 Euro Fixkosten für Löhne, Mieten und anderes, auch wenn wir gar nicht öffnen können.“ Die bisherigen Hilfszahlungen seien schnell gekommen. Und während des ersten Lockdowns hätten die Stuttgarter für insgesamt 50 000 Euro Kinogutscheine bei ihm gekauft.
Weniger zufrieden mit der Geschwindigkeit der bisherigen Auszahlungen ist Margarete Söhner von den Mertz-Filmtheaterbetrieben. „Wir hoffen, dass das Geld diesmal schneller kommt.“ Auch ihre Häuser – EM, Gloria, Cinema und Metropol – sieht die zum Führungsteam der Innenstadtkinos gehörende Söhner zunächst einmal durch Ausfallzahlungen und Kurzarbeitergeld gesichert. Die gerade erst gestarteten Französischen Filmtage Tübingen/Stuttgart werden durch den Lockdown in der Mitte entzweigeschnitten. Zwar hat der Programmplaner Hasan Ugur über Nacht den Spielplan geändert und so einigen Filmen noch bis Sonntag ein Leinwandplätzchen verschafft.
Museen und Galerien
Die Kunstgalerien betreffen die Schließungen nicht, davon geht zumindest der Stuttgarter Galerist Thomas Fuchs aus. Da Galerien zum Einzelhandel gerechnet werden, könnten sie weiterarbeiten, allerdings unter verschärften Regeln.
Schließen müssen aber die Museen. Im Landesmuseum Württemberg betrifft dies die gerade eröffnete Große Landesausstellung „Fashion!? Was Mode zu Mode macht“ und die Schau „Ran an den Stoff“ im Jungen Schloss. „Wir versuchen“, so die Direktorin Astrid Pellengahr, „die Sichtbarkeit zu erhalten, also das Museum auf Google Arts and Culture zu platzieren.“
Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, muss im November die Eröffnung der Ausstellung „Kamm, Pastell und Buttermilch“ des Archivs Baumeister absagen, außerdem etliche Veranstaltungen rund um die Ausstellung „Wände/Walls“. „Die entgangenen Einnahmen“, so Groos, „können wir selber nicht auffangen, wir brauchen also finanzielle Unterstützung.“ Außerdem: „Wenn die Menschen nicht mehr in die Museen, Theater oder Opern gehen können, nimmt die Vereinsamung zu, die Folgen für die Psyche und Gesundheit sowie die gesamte Gesellschaft werden verheerend sein.“