Der Erfahrungsbericht von der Horror-Heimfahrt am Montagabend hat viele, auch ausführliche Leserreaktionen hervorgerufen. Sie geben ein gutes Meinungsbild zu den Problemen der S-Bahn in der Region Stuttgart. Wir zeigen eine Auswahl der Kommentare.

Stuttgart - Der Erfahrungsbericht von StZ-Volontär Philipp Obergassner zu seinem chaotischen Heimweg im Unwetter vom Montagabend hat auf stuttgarter-zeitung.de viele Leserreaktionen hervorgebracht. Wir möchten einen Ausschnitt dieser Reaktionen gebündelt zusammenfassen.

Kurz nach Erscheinen von Philipp Obergassners Text schickte uns Ralf Thomas Hellwig einen ausführlichen Leserbrief, in dem er ebenfalls von seinen Erfahrungen als Pendler berichtet – am Montagabend ebenso wie an vielen anderen Tagen:

„Gestern Abend (Montag, 29.7.) stand ich pünktlich um 22:00 Uhr am Haltepunkt Goldberg, um mit der S 1 in Richtung Stuttgart meine Heimfahrt anzutreten. Seit geraumer Zeit pflege ich als erstes die Informationsanzeige am Bahnsteig zu betrachten - heute waren 11 Minuten Verspätung angesagt.

Mittlerweile nimmt man dies einfach zur Kenntnis, man hat sich daran gewöhnt, das mindestens einmal in der Woche der Anschluss in Stuttgart oder Böblingen, je nach Fahrtrichtung morgens oder abends, verpasst wird. Allerdings kam der Zug eben nicht um 22:13 - dafür pendelte die Anzeige in steter Regelmäßigkeit zwischen 14 und 7 Minuten Wartezeit hin und her! Und auf eine Lautsprecherdurchsage wartete man vergebens.

Warten auf Godot – oder die S-Bahn

Es hatte etwas von „Warten auf Godot“, man verliert das Zeitgefühl ... Meine erste Vermutung einer Signalstörung (in letzter Zeit häufiger Ursache von Verspätungen zwischen Vaihingen und Böblingen) an der Strecke kann es nicht gewesen sein, denn drei S-Bahn-Züge aus Stuttgart sowie zwei Regionalbahnen, ein IC und ein Bauzug-klv passierten mit Reisegeschwindigkeit den Haltepunkt in diesem Zeitraum.

Aber auch wir Mittfünfziger sind ja mittlerweile der modernen Technik anheim geworden! Also schnell einen Blick auf die VVS-App und – keine Störungsmeldung bezüglich der S 1 zu finden. Auch die Anzeige der Verspätung verhielt sich synchron mit der Informationsanzeige am Bahnsteig; ca. alle sieben Minuten sieben Minuten später. Hierbei gingen mir spontan zwei Fragen durch den Kopf:

1.) Was nutzt denn eine so wunderschöne App, wenn unter Störungsmeldungen stundenlang eine Betriebseinschränkung nicht angezeigt wird?

2.) Wozu hat ein Gericht erst kürzlich die Bahn dazu verurteilt auch auf kleineren Bahnhöfen und Haltepunkten Informationstechnik installieren zu müssen, wenn schon an Bahnsteigen, die diese Technik bereits besitzen, keinerlei (sinnvolle) Informationen angezeigt oder gar durchgesagt werden?

Das war für mich besonders ärgerlich, da ich ohne weiteres einen in Stuttgart-Vaihingen wohnhaften Kollegen hätte bitten können mich zum dortigen Bahnhof mitzunehmen, um von dort aus die zuverlässige Stadtbahn in Anspruch nehmen zu können.

„Generalstabsmäßig durchgezogener Sparkurs“

Doch nun zur Ursache: der von der Politik seinerzeit verordnete und von Mehdorn generalstabsmäßig durchgezogene Sparkurs der DB AG hat nicht nur die Infrastruktur der Berliner S-Bahn ruiniert, sondern wohl auch hier in Stuttgart nachhaltig Spuren hinterlassen. Die diversen (Stellwerks-, Signal-, usw.)Störungen in Cannstatt, Böblingen und anderswo im Netz, sind ja nun wirklich nicht den Stuttgart-21-Pannen anzulasten. Da vermutet man doch eher marode Technik als Verursacher der anhaltenden Misere ...

Die Initiative von OB Kuhn, mehr Verkehr auf den ÖPNV zu bringen, ist folgerichtig und (überlebens-)wichtig, gerade für eine Stadt wie Stuttgart und deren Topologie. Nur wird er damit erfolglos bleiben, wenn das Rückgrad des VVS, und das ist und bleibt nun mal die S-Bahn, nicht (mehr) zuverlässig funktioniert. Eine für mich um etwa 25 Prozent längere Fahrzeit (Stuttgart-Nord nach Böblingen) gegenüber dem Individualverkehr nehme ich gerne in Kauf, da die Fahrt zur Arbeit auf diese Weise doch wesentlich entspannter ist und ich damit auch noch mein Umweltgewissen beruhigen kann.

Aber wenn es unkalkulierbar ist (das gilt gerade auch für die Informationspolitik im Störungsfall), wann ich meine Arbeitsstelle oder mein Zuhause wieder erreiche, dann verdrängt das Ego eben das Gewissen. Dann werde auch ich als passionierter Eisenbahnfreund mir überlegen müssen, ob ich den Geldwert meiner VVS-Jahreskarte nicht doch wieder in den Tank eines Automobiles investiere, da nutzt dann auch der sinnvolle Ausbau der U-Bahn Linien nichts mehr. Und das gilt sicherlich auch für andere Pendler im Großraum Stuttgart.“

Leser schimpfen auf die S-Bahn

Viele weitere Kommentatoren stimmten auf stuttgarter-zeitung.de in die Kritik von Philipp Obergassner und Leserbriefschreiber Ralf Thomas Hellwig ein. Eine Auswahl an Kommentaren:

„Der Bericht reiht sich nahtlos in die Reihe persönlicher Erlebnisse mit der Unfähigkeit der VVS ein, in Störfällen vernünftig zu informieren. Schon bei überschaubaren Störfällen (z. B. Blockierung der Gleise zwischen zwei benachbarten Haltestellen durch Verkehrsunfall) fehlen wichtige Informationen, die über die Standardansagen („...kommt es auf der Linien XYZ zu Fahrplanabweichungen...“) hinausgehen, z. B.: WANN kommt denn die/der nächste Bahn/Bus? Oder wann ‚steht’ der Ersatzverkehr? Lohnt es sich, evtl. einen Umweg zu nehmen? Wenn ja: welchen? Oder kommt die nächste Bahn, wenn man gerade außer Laufweite ist (sehr beliebt)? Trotz installierter Lautsprecher gibt es manchmal auch keinerlei Ansage (schon häufiger bei der Zacke erlebt), wenn es eine Störung gibt (z. B. weil ein Fahrzeug defekt ist). Und warum steht sowas nicht prominent, zeitnah und detailliert auf den Web-Seiten von VVS und SSB? Dafür wären die doch eigentlich prädestiniert.“ (User „Dr. C. C.“)

„Kann ich vollends bestätigen. Geht mir mittlerweile mehrmals im Monat so. Zugegebenermaßen ist das ein Extrembeispiel, aber Ausfälle und anschließende Verspätungen zwischen 30 - 50 Minuten kommen mittlerweile (zu) häufig vor. Zu wichtigen Terminen bei der Arbeit fahre ich mittlerweile mit dem Auto. Zu oft kam ich aufgrund der S-Bahn verspätet ins Büro. Ich fahre seit 15 Jahren mit der S-Bahn, aber in den letzten Jahren wird es merklich schlimmer. Hinzu kommt noch der Umstand, das ab Außentemperaturen über 25°C es in den S-Bahnen sehr stickig und heiß ist. Klimaanlage? Nicht vorhanden, unterdimensioniert oder wie zuletzt wieder einmal, einfach aus(gefallen?). (...) Ob’s 2014 wieder ein Jahresticket wird, muss ich mir noch gründlich überlegen! Einen Dienstleister, der mir beruflich solch fragwürdigen Nutzen und mangelhaften Service liefert, würde ich innerhalb kürzester Zeit feuern!“ (User M. Vogel)

„Ja, so ähnlich ging es bei mir auch: 18:15 Uhr Abfahrt mit der S 1 in Untertürkheim mit 5 Minuten Verspätung. Ca. 18.30 - Stadtmitte - Durchsage dass der Zug nur bis Vaihingen fährt, Reisende nach Hbg sollen die S 60 bis BB nehmen. Stadtmitte - BB via Leonberg dauert ca. 50 Minuten. Da wäre doch der Regionalexpress schneller. Ob der fährt kann mir der Herr an der Information aber nicht sagen. Also zum Hauptbahnhof. Dort zu der Erkenntnis gekommen dass der Zug auch nicht wird fahren können - zumindest auf der Gäubahntrasse. Also irgendwann kurz vor 19 Uhr in die S 60 nach Leonberg/BB gedrängt. Hoffentlich bin ich im richtigen Wagen, denn nach Weil der Stadt möchte ich eher nicht. Mitreisenden geht es ähnlich. ca. 19.30 Uhr: Renningen-Süd: ich bin ich richtigen Wagen ca. 19.45 Uhr: Ankunft in BB. Die S 1 nach Herrenberg steht auf Gleis 2, fährt aber laut Anzeige (planmäßig) erst um 20 Uhr ab. Reger Erfahrungsaustausch mi Mitreisenden, die schon länger unterwegs sind. ca. 20 Uhr: wegen einer Signalstörung verzögert sich die Abfahrt. Zynismus macht sich breit. ca. 20.10 Uhr: die Bahn fährt endlich los. Applaus im Zug. ca. 20.20 Uhr: wir stehen schon wieder – die Strecke ist belegt ca. 20.25 Uhr: es geht weiter – lujah! 20.35 Uhr: endlich in Herrenberg!“ (User „KC“)

„Die Bahn kann nichts dafür“

Es gibt auch Kommentatoren, die die Bahn in Schutz nehmen – zumindest teilweise:

„Alle Achtung, wie man in der Ferienzeit und bei einem Ereignis nach 16:00 Uhr überhaupt noch Busse bekommt. Für das Unwetter kann die Bahn nichts, oder? Aufgrund einer übergelaufener Straße musste ich gestern auch einen Umweg nehmen. Um Verbesserungsvorschläge wird gebeten.“ (User „einfach so“)

„Also der VVS-App kann man auch nur bedingt vertrauen. Weil entweder ist die im Störungsfall gnadenlos überlastet oder die „Echtzeit“-Anzeige geht nicht. In dem Fall jetzt hatte ich Glück, da meine S-Bahn-Pendelstrecke nur von Untertürkheim nach Kirchheim ist – trotzdem wurde ich von den 20 min Verspätung nicht gewarnt. Und trotzdem pendle ich lieber mit der S-Bahn als über die mit Abzocke-Blitzern gepflasterte B 10 zu schleichen und mich in der Rush Hour in den Stau zu stellen.“ (User „Lukas“)

„Immer auf die Bahn – Jetzt ist sie wohl auch noch an Unwettern schuld? Wo ist der Bericht über den Verkehr in Möhringen, auf der Weinsteige, der Karl-Klos-Str, und in Cannstatt. Alles nicht wegen Unwetters sondern wegen plötzlich unkoordiniert errichteter Baustellen. Ich habe von Möhringen (Filderbahnstraße) bis in den Osten von Cannstatt (Espan) ca. 1:45 Stunden gebraucht.“ (User „Cannstatter“)

„Für das Unwetter und die Folgen kann die DB nichts dafür, aber was sie daraus macht, auf jeden Fall. Zwischenzeitlich ist es Gang und Gebe, dass Informationen an die Fahrgäste bei Störungen tunlichst vermieden werden. Kundenservice sieht anders aus!“ (User „Marion“)

Parallelen zu Berlin?

Allerdings überwiegen die Kommentatoren, denen die Störungen im S-Bahn-Verkehr in jüngster Zeit zu häufig vorkommen. Sie ziehen auch Parallelen zu Berlin:

„In Berlin war die S-Bahn in den 90ern ein höchstzuverlässiges Verkehrsmittel. Was daraus geworden ist, spottet jeder Beschreibung. Eingefrorene Weichen, kaputte Klimaanlagen, liegengeblieben Fahrzeuge. Ohne BVG (U-Bahn, Busse), die im Notfall die schwächelnde S-Bahn teilweise ersetzen können, wäre der ÖPNV schon lange zusammengebrochen. In Stuttgart scheint sich mittlerweile dasselbe abzuspielen. Ich glaube nicht mehr, dass das Zufälle sind.“ (User „Berlin“)

„Ja, dieser Beitrag spricht mir aus dem Herzen. Von wegen bedauerliche Einzelfälle! Das will man uns nur immer wieder weismachen! Nach meinen Erfahrungen ist dies der Regelfall und nur in Einzelfällen wird man gut informiert. Auch wenn ich mich wiederhole: Meine Erlebnisse waren fast identisch, wie in dem Bericht beschrieben – nur dass ich in die Gegenrichtung musste. Wieder einmal schafft es die Bahn nicht, ihre Kunden - ach nee, sind ja nur Beförderungsfälle – auch nur ansatzweise hilfreich zu informieren. Meine Auskunft von der Hotline: „ Es scheinen (!) 3 Busse als Schienenersatzverkehr unterwegs zu sein.“ Und weil es schön ist, haben wir heute schon wieder den ganzen Tag wegen „Witterungsbedingter“ Störung im Bahnhof Böblingen Verspätungen und Zugausfälle! Wann erhalten die S-Bahn-Pendler endlich eine (richtige!) Entschädigung für diesen ganzen Schlamassel?“ (User „Beförderungsfall“)

„Wirklich schön geschrieben. Zum Inhalt: Bitte berichten Sie in Zukunft nur noch, wenn der VVS funktioniert. Einmal ist es zu heiß, dann zu kalt, dann ist’s die Weiche, das Leitsystem, Stromausfall, Undefiniertes usw. Und dann natürlich die normalen Dramen wegen Stuttgart 21 - bei denen man erst am Anfang steht.“ (User „KarlMartell“)