Reaktionen zum S-Bahn-Chaos in Stuttgart „Man hat sich daran gewöhnt“

Von Von unseren Lesern 

Der Erfahrungsbericht von der Horror-Heimfahrt am Montagabend hat viele, auch ausführliche Leserreaktionen hervorgerufen. Sie geben ein gutes Meinungsbild zu den Problemen der S-Bahn in der Region Stuttgart. Wir zeigen eine Auswahl der Kommentare.

Viele Leser haben über ihre Probleme bei der täglichen S-Bahn-Nutzung geklagt. Foto: Michael Steinert
Viele Leser haben über ihre Probleme bei der täglichen S-Bahn-Nutzung geklagt. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Der Erfahrungsbericht von StZ-Volontär Philipp Obergassner zu seinem chaotischen Heimweg im Unwetter vom Montagabend hat auf stuttgarter-zeitung.de viele Leserreaktionen hervorgebracht. Wir möchten einen Ausschnitt dieser Reaktionen gebündelt zusammenfassen.

Kurz nach Erscheinen von Philipp Obergassners Text schickte uns Ralf Thomas Hellwig einen ausführlichen Leserbrief, in dem er ebenfalls von seinen Erfahrungen als Pendler berichtet – am Montagabend ebenso wie an vielen anderen Tagen:

„Gestern Abend (Montag, 29.7.) stand ich pünktlich um 22:00 Uhr am Haltepunkt Goldberg, um mit der S 1 in Richtung Stuttgart meine Heimfahrt anzutreten. Seit geraumer Zeit pflege ich als erstes die Informationsanzeige am Bahnsteig zu betrachten - heute waren 11 Minuten Verspätung angesagt.

Mittlerweile nimmt man dies einfach zur Kenntnis, man hat sich daran gewöhnt, das mindestens einmal in der Woche der Anschluss in Stuttgart oder Böblingen, je nach Fahrtrichtung morgens oder abends, verpasst wird. Allerdings kam der Zug eben nicht um 22:13 - dafür pendelte die Anzeige in steter Regelmäßigkeit zwischen 14 und 7 Minuten Wartezeit hin und her! Und auf eine Lautsprecherdurchsage wartete man vergebens.

Warten auf Godot – oder die S-Bahn

Es hatte etwas von „Warten auf Godot“, man verliert das Zeitgefühl ... Meine erste Vermutung einer Signalstörung (in letzter Zeit häufiger Ursache von Verspätungen zwischen Vaihingen und Böblingen) an der Strecke kann es nicht gewesen sein, denn drei S-Bahn-Züge aus Stuttgart sowie zwei Regionalbahnen, ein IC und ein Bauzug-klv passierten mit Reisegeschwindigkeit den Haltepunkt in diesem Zeitraum.

Aber auch wir Mittfünfziger sind ja mittlerweile der modernen Technik anheim geworden! Also schnell einen Blick auf die VVS-App und – keine Störungsmeldung bezüglich der S 1 zu finden. Auch die Anzeige der Verspätung verhielt sich synchron mit der Informationsanzeige am Bahnsteig; ca. alle sieben Minuten sieben Minuten später. Hierbei gingen mir spontan zwei Fragen durch den Kopf:

1.) Was nutzt denn eine so wunderschöne App, wenn unter Störungsmeldungen stundenlang eine Betriebseinschränkung nicht angezeigt wird?

2.) Wozu hat ein Gericht erst kürzlich die Bahn dazu verurteilt auch auf kleineren Bahnhöfen und Haltepunkten Informationstechnik installieren zu müssen, wenn schon an Bahnsteigen, die diese Technik bereits besitzen, keinerlei (sinnvolle) Informationen angezeigt oder gar durchgesagt werden?

Das war für mich besonders ärgerlich, da ich ohne weiteres einen in Stuttgart-Vaihingen wohnhaften Kollegen hätte bitten können mich zum dortigen Bahnhof mitzunehmen, um von dort aus die zuverlässige Stadtbahn in Anspruch nehmen zu können.

„Generalstabsmäßig durchgezogener Sparkurs“

Doch nun zur Ursache: der von der Politik seinerzeit verordnete und von Mehdorn generalstabsmäßig durchgezogene Sparkurs der DB AG hat nicht nur die Infrastruktur der Berliner S-Bahn ruiniert, sondern wohl auch hier in Stuttgart nachhaltig Spuren hinterlassen. Die diversen (Stellwerks-, Signal-, usw.)Störungen in Cannstatt, Böblingen und anderswo im Netz, sind ja nun wirklich nicht den Stuttgart-21-Pannen anzulasten. Da vermutet man doch eher marode Technik als Verursacher der anhaltenden Misere ...

Die Initiative von OB Kuhn, mehr Verkehr auf den ÖPNV zu bringen, ist folgerichtig und (überlebens-)wichtig, gerade für eine Stadt wie Stuttgart und deren Topologie. Nur wird er damit erfolglos bleiben, wenn das Rückgrad des VVS, und das ist und bleibt nun mal die S-Bahn, nicht (mehr) zuverlässig funktioniert. Eine für mich um etwa 25 Prozent längere Fahrzeit (Stuttgart-Nord nach Böblingen) gegenüber dem Individualverkehr nehme ich gerne in Kauf, da die Fahrt zur Arbeit auf diese Weise doch wesentlich entspannter ist und ich damit auch noch mein Umweltgewissen beruhigen kann.

Aber wenn es unkalkulierbar ist (das gilt gerade auch für die Informationspolitik im Störungsfall), wann ich meine Arbeitsstelle oder mein Zuhause wieder erreiche, dann verdrängt das Ego eben das Gewissen. Dann werde auch ich als passionierter Eisenbahnfreund mir überlegen müssen, ob ich den Geldwert meiner VVS-Jahreskarte nicht doch wieder in den Tank eines Automobiles investiere, da nutzt dann auch der sinnvolle Ausbau der U-Bahn Linien nichts mehr. Und das gilt sicherlich auch für andere Pendler im Großraum Stuttgart.“




Unsere Empfehlung für Sie