Realistische Malerei in Möhringen Kapitalismuskritik in der Art eines Caravaggio

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Clemens Hövelborn hat sich dem Realismus verschrieben. Der 35-Jährige folgt den Spuren der alten Meister und setzt deren Ergebnisse auf seine Art um.

Clemens Hövelborn in seinem kleinen Atelierraum vor dem Triptychon, an dem er derzeit arbeitet. Foto: Sabine Schwieder
Clemens Hövelborn in seinem kleinen Atelierraum vor dem Triptychon, an dem er derzeit arbeitet. Foto: Sabine Schwieder

Möhringen - Schön sind seine Bilder nicht, doch Clemens Hövelborn findet, dass reine Schönheit nicht genug Aufmerksamkeit erregt. Er sieht sich mehr als Dokumentaristen. „Ich will die Welt abbilden, wie sie ist“, sagt der 1980 in Backnang geborene Künstler, der in Möhringen lebt und arbeitet. Er hat sich von Anfang an dem Realismus verschrieben. Genauer gesagt: dem „Neuen kapitalistischen Realismus“. Dabei beruft er sich auf die Tradition von alten Meistern wie Caravaggio, JacquesLouis David oder Artemisia Gentileschi. Seine Bilder sind als Kritik an Politikern, an Bankern, an Drogendealern, an der Kirche, an der Gewalt, die in der Gesellschaft vorherrscht, zu sehen.

Zur Kunst fand Clemens Hövelborn, dessen Vater Kunsterzieher und Maler surrealistischer Bilder ist, eher spät. Nachdem er beruflich vielerlei ausprobiert hatte, ging er 2004 an die Freie Kunstschule in Stuttgart, wo er durch seine Lehrer Andrej Dugin, Olga Dugina und Rolf Kilian mit der nötigen Technik vertraut gemacht wurde. Seit 2011 arbeitet er als Künstler, sorgt mit Nebenjobs und Auftragsarbeiten für seinen Lebensunterhalt und stellt in kleineren Galerien wie der Stuttgarter Zero Arts aus. Die Stadt Meersburg hat ihn beauftragt, ein Porträt des Hitler-Attentäters Georg Elser anzufertigen. Sein Elser ist ein sympathischer Einzelgänger, dessen Porträt er mit der Kulisse Meersburgs und mit den Trümmern des Münchner Bürgerbräu-Kellers verknüpft hat.

Zuletzt bekommen die Bilder eine aggressive Farbigkeit

Meist aber nimmt sich Hövelborn die Bilder alter Meister vor, stellt sie mit Freunden als Models nach und überträgt dann ein Foto der Szene auf eine große Leinwand. Der kleine Atelierraum am Rand von Möhringen wird fast gesprengt von den Bildern, an denen der Künstler arbeitet. Meist verknüpft er die Szenen mit Porträts von Politikern oder anderen Personen des Zeitgeschehens, denen er im Laufe seiner Arbeit immer klarere Konturen gibt. Zuletzt bekommen die Bilder durch die Bearbeitung mit Ölfarbe eine geradezu schreiende, aggressive Farbigkeit. Man könne durchaus von giftiger Koloration sprechen, sagt Hövelborn: „Die Thematik, die ich bearbeite, ist ja durchaus auch giftig.“

Maler wie der frühbarocke Caravaggio oder der klassizistische Jacques-Louis David faszinieren den jungen Künstler nicht nur durch die Art, ihre Zeit in manchmal grausamen Bildern darzustellen, sondern auch durch ihren Lebensstil. Die politische Haltung, vielleicht auch den Anarchismus übersetzt Hövelborn in eine Kapitalismuskritik der Gegenwart.

„Realistische Malerei war im Westen ja eher verpönt und kam erst mit der Leipziger Schule wieder“, erläutert er. Schon als Schüler habe er die abstrakte Moderne „öde“ gefunden und sich den alten Meistern zugewandt. Daneben gibt es aber auch modernere Vorbilder, deren Arbeiten er neu inszeniert: der deutsche Historienmaler Anton von Werner zum Beispiel, der die Zeit des Kaiserreiches dokumentierte, oder der russischen Realist Ilja Repin.

Er sieht sich als einen Handwerker, der dokumentiert

Besonders fasziniert aber ist Clemens Hövelborn von Artemisia Gentileschi (1593 bis 1653). Sie war eine der wenigen erfolgreichen Malerinnen des Barockzeitalters. Die Tochter eines Künstlers wurde von einem Freund ihres Vaters missbraucht und während eines Prozesses gegen ihren Peiniger gefoltert. Ihr Bild „Judith enthauptet Holofernes“ hat Hövelborn in die heutige Zeit übertragen und in zwei Bildern neu gestaltet: Drogendealer bedrohen sich gegenseitig mit Waffen, eine Prostituierte bietet sich an, das Porträt eines Bankers ist neben die Szene der Enthauptung gestellt, ein Priester erinnert an Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche; in eine Art gelben Lichtstrahl ist Tim K., der junge Amokläufer von Winnenden, gestellt. Darüber stehen die Worte „Arbeit“, „Macht“ und „Frei“.

Die Besucherin einer Ausstellung, eine ältere Dame, kommentierte Hövelborns Bilder mit den Worten „Das ist die Welt, so wie sie war und so wie sie immer sein wird.“ Das genau ist Clemens Hövelborns Anliegen: Er sieht sich als einen Handwerker, der dokumentiert und zugleich unterhält. Der damit immer auch zum Gespräch anregt. So wieseine Vorbilder vor ihm.

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