Seitdem sind 14 Jahre vergangen. Der Hauptwohnsitz ist immer noch Los Angeles, Tokio Hotel tourt weiter durch die Welt, doch die Zeiten und das Leben der beiden haben sich verändert. Wie das aussieht, zeigen die Zwillinge jetzt in ihrer Reality-Serie „Kaulitz & Kaulitz“ auf Netflix. Acht Monate wurden die beiden von einem Kamerateam begleitet.
Es sei eines der verrücktesten Jahre gewesen, die sie jemals hatten, sagt Bill in der ersten Folge. Und: „Es gibt nichts, was ihr nicht zu sehen bekommt.“ So ganz stimmt das allerdings nicht. Zumindest, was Tom betrifft. Das Haus, das er gemeinsam mit Model Heidi Klum, die seit fünf Jahren Heidi Kaulitz heißt, und deren Kindern bewohnt, wird nicht gezeigt. Sind sie in L. A., spielen sich alle gezeigten Szenen in Bills Heim ab. Das kann sich allerdings auch sehen lassen: Er wohnt in einem Haus des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright.
Die Zwillinge plaudern in ihrem Podcast über ihr Leben
Nach vielen Jahren lassen die Zwillinge ihre Fans wieder ganz nah an sich heran. Doch diesmal mit einem großen Unterschied: Die Macht über die Bilder und die Geschichten haben nun weder die Boulevardmedien noch Fans oder Feinde, sondern nur sie selbst.
Die Selbstermächtigung beginnt allerdings nicht erst jetzt auf Netflix. Im September 2021 haben Bill und Tom Kaulitz bei Spotify einen Podcast gestartet. In „Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood“ lassen sie ihre Hörerinnen und Hörer an ihrem mal mehr, mal weniger glamourösen Leben teilhaben. Sie plaudern witzig und sympathisch über Alltägliches, das aktuelle Weltgeschehen und auch über ihre Vergangenheit. Das Image der Teeniestars haben sie spätestens durch ihren Podcast hinter sich gelassen und sich einen ganz neuen Fankreis erschlossen.
Durch die Netflix-Serie wird das Gehörte jetzt mit Bildern verknüpft: Nach fünf Monaten auf Tour mit ihrer Band Tokio Hotel kehren die Zwillinge zurück nach Los Angeles. Hier wird ihr Leben hauptsächlich von ihrer persönlichen Assistentin Lina gemanagt. Sie kümmert sich um die Feier zum 34. Geburtstag im Joshua-Tree-Nationalpark, darum, dass Bill endlich den amerikanischen Führerschein bekommt, und um volle Champagnergläser bei der Shoppingtour. Ganz normale Promi-Alltäglichkeiten eben.
Tom beschäftigt sich derweil mit zwei kleinen Hundewelpen, die er von seiner Frau geschenkt bekommen hat. Die Hunde haben entweder Durchfall oder reagieren allergisch auf Insektenstiche. Dazwischen bereitet er Barbecues vor oder liest – durchaus mit Leidenschaft – Bedienungsanleitungen. „Tom führt das typische Spießerleben“, sagt Bill. „Nur eben etwas bigger.“
Tokio Hotel wurde geliebt – und gehasst
Das ist zwar alles unterhaltsam, spannender und vor allem tiefgründiger wird es aber erst in der zweiten und dritten Folge, wenn es um die Vergangenheit der beiden geht. Sie erzählen von ihrer Kindheit und Jugend in einem kleinen Dorf bei Magdeburg. Schon als Kind trägt Bill lange Haare und kleidet sich, wie er will. Vielen habe das nicht gepasst. Beschützt wird Bill nicht nur vom Bruder, sondern auch von seiner Mutter Charlotte, die ebenfalls in der Serie vorkommt. „Ich habe mir oft anhören müssen, dass meine Kinder anders seien“, sagt sie. Viele hätten gefragt, wer seine Kinder so erziehe. „Ich erziehe die nicht so, sie sind so. Und ich lasse sie sein“, habe sie geantwortet.
Als die beiden gemeinsam mit Georg Listing und Gustav Schäfer dank ihres Songs „Durch den Monsun“ schlagartig berühmt wurden, verehrten Tausende Teeniemädchen ihre Band Tokio Hotel – doch fast genauso heftig wurden sie von vielen gehasst. Damals waren sie gerade einmal 15 Jahre alt und lebten ein Leben unter Polizeischutz. „Wir hatten die härteste Schule, die man haben kann, was Anfeindungen angeht“, sagt Tom. „Der Umzug nach Amerika hat uns gerettet“, ergänzt sein Bruder.
Vor allem für ihn muss der Umzug ein Befreiungsschlag gewesen sein, so legt die Serie nahe. Hier konnte er seine Sexualität frei leben, die er unter Druck von Management und Plattenlabel geheim halten musste.
Eine Zeit, die Spuren bei dem jungen Mann hinterlassen habe. „Ich stand unter großem Druck. Ich habe nicht das Liebesleben geführt, das ich wollte“, sagt Bill. Die Netflix-Serie ist ein weiterer Schritt, die eigene Geschichte selbst zu erzählen – die gegenwärtige und die in der Retrospektive. Natürlich ist das auch alles Teil einer großen Selbstinszenierung, die man schon von anderen derartigen Formaten kennt, allen voran der Reality-Show rund um die Kardashians. Wer sich darauf einlässt, wird aber gut unterhalten – zwischen vielen oberflächlichen und dem Anschein nach auch vielen echten Momenten.
Die Zwillinge in Los Angeles
Die Karriere
Bill und Tom Kaulitz sind 1989 in Leipzig geboren und später in einem kleinen Dorf bei Magdeburg aufgewachsen. Im Alter von 13 Jahren nahm Bill Kaulitz an der von Kai Pflaume moderierten Castingshow „Star Search“ teil. 2001 gründeten er und sein Bruder gemeinsam mit Georg Listing und Gustav Schäfer eine Band. 2005 erzielten sie als Tokio Hotel mit „Durch den Monsun“ den Durchbruch.
Die Serie
Die Zwillinge wurden acht Monate von einem Kamerateam begleitet. Sie zeigen ihren Alltag in ihrer Wahlheimat in Los Angeles und auf Reisen. Bisher haben sie Einblicke in ihr Leben durch ihren Podcast „Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood“ gegeben. Alle acht Folgen sind ab Dienstag, 25. Juni, auf Netflix zu sehen.