Realschule in Leinfelden-Echterdingen Warum Schulsozialarbeit immer wichtiger wird

Die Schulsozialarbeiterin Julia Häberle  kümmert sich um die Sorgen und Nöte der  Leinfelder Realschüler. Foto: Natalie Kanter
Die Schulsozialarbeiterin Julia Häberle kümmert sich um die Sorgen und Nöte der Leinfelder Realschüler. Foto: Natalie Kanter

Als Schulsozialarbeiterin kümmert sich Julia Häberle seit fast zehn Jahren um die Sorgen und Nöte der Realschüler in Leinfelden. Für sie ist es ein Traumjob. Und es gibt gute Gründe, warum ihre Arbeit immer wichtiger wird.

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Leinfelden - Etwas Süßes steht immer auf dem Tisch von Julia Häberle. „Für die Nerven der Schüler“, sagt sie. Taschentücher liegen bereit. Auf Wunsch gibt es auch eine Tasse Tee. Durchatmen, sich eine kurze Auszeit nehmen – das ist bei der Schulsozialarbeiterin möglich. Der Arbeitsplatz der 34-Jährigen liegt im Keller der Immanuel-Kant-Realschule (IKR). Fotos schmücken die Bürowände. Auf einem scheint ein Junge mit einem Ballon davon zu fliegen. „Das ist mein Lieblingsbild“, sagt sie. Auf dem anderen ist ein Jugendlicher im wahren Wortsinn kopflos. Sein Haupt ruht neben dem Körper. „Diese Motiv hat den Schülern am besten gefallen“, sagt sie und lacht.

Die Bilder haben die Mädchen und Jungs der Kreativ-AG aufgenommen und via Tablet verändert. Das Resultat führt dem Betrachter vor Augen, warum es im Job von Julia Häberle öfters geht: Die Per­spektive wechseln, die Brille seines Gegenübers aufsetzen und und so manches Problem lösen. Die Sozialpädagogin bietet Fünft- bis Siebtklässlern mittags die Kreativ-AG an. Eine Anwesenheitspflicht gibt es nicht. Der Kurs folgt anderen Regeln als der Schulunterricht.

Angst davor, schlechtes Zeugnis heim zu tragen

In den großen Pausen steht sie für Einzelgespräche zur Verfügung. „Wenn jemand heulend vor der Tür steht, dann weiß ich, er braucht sofort einen Termin“, sagt sie. Der Monat Februar sei eine Hochphase der Schulsozialarbeit. „Die Halbjahresinformationen sind dann raus“, sagt Häberle. Mancher habe Angst davor, ein schlechtes Zeugnis nach Hause zu tragen. Die Neunt- und Zehntklässler stecken in der Bewerbungsphase. Die Pädagogin hört genau hin, bohrt nach. Sie will wissen, was los ist – aber auch, wie sie helfen kann, etwa ob der Klassenlehrer oder die Eltern mit ins Boot geholt werden dürfen. Zunächst bleibt das Problem bei ihr: „Ich unterliege der Schweigepflicht.“

Zuhören, trösten, helfen: So lautet die Kurzbeschreibung ihres Aufgabenfeldes. „Das ist schon mein Traumjob“, sagt sie. Seit knapp zehn Jahren ist sie Ansprechpartnerin am IKR. Sie kennt fast alle Schüler und Lehrer und die kennen sie. Sie sagt aber auch: „Viele Kinder und Jugendliche brauchen heute mehr Unterstützung und mehr Aufmerksamkeit als früher.“ Bei immer mehr Schülern sei eine Überforderung zu spüren.

Gründe hierfür gebe es viele: Die Klassen seien sehr heterogen. Das liege am Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung, aber auch am Bildungsplan. Seitdem es an der Realschule die Möglichkeit gibt, den Hauptschulabschluss zu machen, müssen die Lehrer auf drei Lernniveaus unterrichten. Eine Herausforderung, die zu Neiddebatten und Versagensängsten führen kann. Bei machen Kindern und Jugendlichen fehle es auch an Unterstützung von zu Hause aus.

Heimlich Lehrer mit dem Smartphone gefilmt

Lehrer und Schüler seien mit neuen Themen konfrontiert. Obwohl Handys am IKR verboten sind und die Altersgrenze für Whatsapp bei 16 Jahren liegt, haben die meisten Jugendlichen ein Smartphone und nutzen fleißig den Messenger-Dienst. Auch Beleidigungen und Beschimpfungen werden so munter ausgetauscht. Diese Konflikte spielen in den Schulalltag hinein. Lehrer wurden via Handy auch schon im Unterricht gefilmt. Schüler, die das total daneben fanden, kamen in einem Gewissenskonflikt, weil sie niemand verpetzen wollten. „Immer wieder geht es um das Thema Einmischen“, sagt Häberle. „Zwei streiten sich, und die ganze Klasse ist betroffen.“

Wie kann ich zu meinen Fehlern stehen? Was ist Zivilcourage? Was bedeutet es, anderes zu sein? Wie kann aus vielen Ichs ein Wir wachsen? Das sind Fragen, die Häberle mit den Schülern klären will. Sie bildet Streitschlichter aus und Mentoren, welche den neuen Schülern das Ankommen am IKR erleichtern.

Sie kennt jeden Schüler beim Namen

Mittlerweile gibt es an vielen Schulen Sozialarbeit. Das gilt auch für Leinfelden-Echterdingen: An der Ludwig-Uhland-Schule teilen sich eine Frau und ein Mann diese Aufgabe. Eine andere Pädagogin ist in Echterdingen für die Zeppelin- und die Goldwiesenschule – zwei Grundschulen – zuständig. Auf Antrag des Elternbeirats und mit dem grünen Licht des Gemeinderats wird nun auch am Leinfelder Immanuel-Kant-Gymnasium eine halbe Stelle eingerichtet. Häberle sollte auch an dieser Schule mit zehn Prozent tätig sein. Das IKR und das IKG liegen bekanntlich direkt nebeneinander. Faktisch war dies mit Ausnahme von Projektarbeit aber kaum möglich, zu sehr war und ist sie an der Realschule eingebunden.

Mindestens einmal miteinander gelacht oder zumindest gelächelt zu haben, das hat sich Julia Häberle zum Ziel für jedes Gespräch gesetzt. „Nach vorne blicken und einfach eine positive Grundstimmung spüren.“ Das ist ihr genauso wichtig, wie jeden Schüler, jede Schülerin beim Namen zu nennen. „Das fällt ihnen auf, und ich finde, dass dies ein großes Zeichen der Wertschätzung ist“, sagt sie.




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