Rebekka Bakken in Stuttgart Eine Stimme frisch wie Wasser und warm wie Samt

Rebekka Bakken im Theaterhaus Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Die norwegische Sängerin Rebekka Bakken hat ihr Publikum im Theaterhaus mit einem Soloprogramm verzaubert.

Keine treibende Rhythmusgruppe, kein Soloinstrument entlastet die Sängerin: Das Publikum erlebt Rebekka Bakken allein, intim, pur. Die hoch gewachsene Frau mit dem blond gelocktem Haar stöckelt auf bleistiftdünnen High-Heels zum schwarzen Flügel. Viele kennen sie von ihren Konzerten auf der Theaterhaus-Bühne, sogar am alten Spielort in Wangen hat sie schon als ganz junge Frau gastiert. Nun nimmt sie das Publikum mit auf einen musikalischen Spaziergang durch ihr Leben: Sie erzählt mit entwaffnender Ehrlichkeit Geschichten, die anderen peinlich wären und singt herzerwärmend ihre Eigenkompositionen – kitschig-sentimentale sind nicht darunter.

 

Bakkens Timing und Rhythmusgefühl sind vom Feinsten, ihre Drei-Oktaven-Stimme strahlt in höheren Registern frisch wie Wasser, in tieferen Altlagen entfaltet sie eine Sinnlichkeit warm wie dunkler Samt. Immer wieder streut sie Songs von Tom Waits ein, vom langsamen Fluss von „Time“ lässt sie sich schaukelnd davontragen.

Gebändigte Kraft und wilde Wucht

Mit tadelloser Modulation, traumhaft sicherer Intonation und punktgenauer Phrasierung steuert sie hinein ins Herz des Auditoriums. Beherzt greift sie in die Tasten und singt mit gebändigter Kraft, manchmal aber auch mit einer wilden Wucht, die man eher von Matrosen erwarten würde, die Rum gebechert haben. Auch in Brechts Dreigroschenoper wäre die Norwegerin richtig besetzt, die mit ihrer Stimme die Säle füllt – zuletzt die Elbphilharmonie und jetzt den großen Saal T1 des Theaterhauses.

Bakken erzählt von einer dominanten Mutter, ihrem netten Geigenlehrer, dem schweigsamen Vater, den sie bewundert hat und sterben sah, von ihrem Bruder, dem nichts gelang und vom Teenie Rebekka, der sich in einem von jungen Männern gestohlenen Auto wiederfand. Unvermittelt steht sie auf, stellt sie sich an den Bühnenrand und singt mutterseelenallein ein Kirchenlied, und die Menschen lauschen andächtig.

Lieder von Ludwig Hirsch und Elvis Presley

Dann nimmt sie das Publikum mit nach New York, nach Wien und singt „Der Schnee draußen schmilzt“, das anrührende Lied von Ludwig Hirsch. Sie sagt, sie mag ihre früheren Lover, den jetzigen und fügt lachend hinzu: auch die zukünftigen. Es folgt passend „Always on my Mind“, das Lied, das Elvis in ihrem Geburtsjahr gesungen hat und die Pet Shop Boys später, als sie siebzehn war. Mit der rauen Poesie von Tom Waits erdet sie sich und singt als Zugabe ein archaisches norwegisches Lied, das, wenn man die Augen zumacht, klingt wie in einer Kathedrale.

Weitere Themen