Rechberghausen: Theaterstück aus historischer Studie gemacht Ein fast vergessener Mord und seine Folgen

Der Jungbauer Kozuszek (Andrea Glietsch) spricht erfolglos beim Amtskommissar (Ecki Müller) vor. Foto: Ines Rudel
Der Jungbauer Kozuszek (Andrea Glietsch) spricht erfolglos beim Amtskommissar (Ecki Müller) vor. Foto: Ines Rudel

Die ehemalige Lehrerin Sybille Eberhardt hat in Archiven die Geschichte eines polnischen Bauern recherchiert, den die Nazis getötet haben. Aus der historischen Studie ist nun ein Theaterstück entstanden.

Regionales: Karen Schnebeck (ks)
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Rechberghausen - Eigentlich ist Sybille Eberhardt vor drei Jahren ins heutige Polen gereist, um der Geschichte ihrer Vorfahren nachzuspüren. Ihre Familie stammt aus einem Dorf in Westpreußen nahe der ehemaligen Stadt Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz. Doch in dem Dorf Nowa Ruda, in dem ihr Großvater einst aufgewachsen war, lernte sie auch die Nachfahren von dessen ehemaligen Nachbarn kennen und stolperte dabei über einen Mordfall aus der Nazizeit, der bis zu ihrem Besuch in Polen als nicht aufgeklärt galt.

„Die Nachbarn glaubten, ein Nachbar habe ihren Vorfahren umgebracht“, erzählt Eberhardt. Beweise hatte die Familie allerdings keine. Offiziell galt der Fall als ungelöst. Tatsächlich gab es nicht einmal eine Leiche. Der Jungbauer Michal Kozuszek war 1940 einfach eines Tages verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Alles, was seine Hinterbliebenen hatten, war ein Zeitungsartikel aus den später 40er Jahren, der Kozuszek in einem Atemzug mit anderen Freiheitskämpfern nannte, denn der Jungbauer hatte sich gegen die Herrschaft der Nazis in seinem Ort aufgelehnt.

Für die Recherche polnisch gelernt

Eberhardt wurde neugierig und begann zu recherchieren, und zwar in polnischen und deutschen Archiven. „Ich habe sogar polnisch gelernt, um die Originalakten lesen zu können“, erzählt die ehemalige Deutsch- und Geschichtslehrerin.

Nach und nach entspann sich Kozuszeks Geschichte vor ihr: Der junge Bauer war wie andere polnische Landwirte von den Nazis enteignet worden. Er musste auf seinem eigenen Hof für einen Treuhänder arbeiten. Entlohnt wurde er mit Naturalien, die seiner Familie gerade so das Überleben sicherten. Kozuszek wehrte sich gegen die Enteignung. Er befürchtete, der neue Herr des Hauses würde sein Eigentum herunterwirtschaften, denn dieser kannte sich mit der Landwirtschaft offenbar kaum aus. Doch Kozuszek sprach vergeblich bei allerlei Instanzen vor und forderte seinen Hof zurück.

Es kam zu einem Streit zwischen dem Jungbauern und dem Treuhänder. Kozuszek wurde handgreiflich und verletzte den Deutschen am Kopf. Er flüchtete zwar und versteckte sich kurze Zeit, wurde dann aber von einer Miliz der Deutschen aufgegriffen, dem sogenannten Selbstschutz, der in der Zeit des Übergangs nach der Besetzung Polens durch die Deutschen den Widerstand der Bevölkerung mit blutigen Säuberungsaktionen gebrochen hat. Für die Deutschen stand schnell fest „Der Pole muss weg“. Denn sie befürchteten, dass sich andere polnische Bauern ein Beispiel an dem jungen Mann nehmen könnten, der damals gerade 26 Jahre alt war. Sie umgingen die Justiz, töteten ihn und ließen seine Leiche verschwinden.

Der Fall wurde zwar während des Dritten Reiches untersucht, doch die Staatsanwaltschaft musste die Ermittlungen auf Druck der SS schließlich einstellen. Nach dem Krieg wurde der Fall in der Bundesrepublik noch einmal ein Thema – am Ende allerdings wieder ohne Ergebnis. Obwohl schon seit den Ermittlungen der NS-Staatsanwälte bekannt war, wer den Jungbauern getötet hat.

Mit dem Theater im Bahnhof kooperiert

Seine Nachfahren haben von den Ermittlungen nie erfahren. „Die Familie hat erst von mir erfahren, wer ihn damals getötet hat“, erzählt Eberhardt. „Und es war nicht der Nachbar, den sie all die Jahre verdächtigt hatten.“

Eberhardt hat der Fall auch nach ihren Recherchen nicht mehr losgelassen. Deshalb hat sie ihr erstes Buch geschrieben: „Der Mordfall Kozuszek im Brennpunkt der deutsch-polnischen Beziehungen“. „Aber die Geschichte hat so viele dramatische Aspekte, die ich darin nicht darstellen konnte, dass ich dachte, eigentlich müsste man daraus ein Theaterstück machen“.

Über ihre Verlegerin, die Göppingerin Manuela Kinzel, ist die 70-jährige Geislingerin mit dem Theater im Bahnhof in Rechberghausen in Kontakt gekommen – und hat das Theaterstück am Ende selbst geschrieben – in Absprache mit dem Regisseur Jürgen Serfass. Vor Kurzem war die Premiere. Die Ansicht der Theatermacher, dass die mehr als 70 Jahre alte Geschichte über Unrecht und Vertreibung, Unterdrückung und Gegenwehr auch heute noch brandaktuell ist, zeigte sich bereits vor der Premiere: Unbekannte beschmierten die Litfaßsäule vor dem Theater bereits während der Proben mit Nazisymbolen und Parolen gegen Ausländer.




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