Rechter Lesezirkel: Uwe Tellkamp zu Gast bei „Aufgeblättert. Zugeschlagen“ mit Ellen Kositza (li.) und Susanne Dagen. Foto: Screenshot
Um in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen, haben Extremisten die Literatur entdeckt. Ein Gespräch mit dem Stuttgarter Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann über rechte Lesekreise und ihre politische Agenda.
Wenn bald die Buchmesse beginnt, wird die Literatur in vielen Reden vermutlich als natürliche Verbündete der Aufklärung, der Meinungsfreiheit und der offenen Gesellschaft gefeiert. Doch offensichtlich lässt sie sich auch zu ganz anderen Absichten instrumentalisieren. Mit welchen, damit beschäftigt sich der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann.
Torsten Hoffmann Foto: Uni Stuttgart
Herr Hoffmann, ich dachte, die Neue Rechte hätte in Tiktok ihr Medium gefunden, doch offensichtlich setzt sie auf das vergleichsweise klassische Medium der Literatur.
Bei Tiktok denken Sie vermutlich an die AfD. Bei der Neuen Rechten handelt es sich dagegen um eine Strömung innerhalb des Rechtsextremismus, die sich um Intellektualität bemüht. Da spielt Tiktok keine zentrale Rolle.
Bei der AfD gibt es unter literarischen Gesichtspunkten ja in der Tat noch Luft nach oben. Als der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla vor einiger Zeit nach einem Lieblingsgedicht gefragt wurde, fiel ihm keines ein.
Das war besonders aufschlussreich, weil seine Partei gleichzeitig dafür warb, dass an deutschen Schulen wieder mehr Gedichte auswendig gelernt werden müssten. Aber es gibt eben auch Leute wie den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke oder den ehemaligen AfD-Spitzenkandidaten bei der Europawahl, Maximilian Krah, der jetzt in den Bundestag eingezogen ist. Beide arbeiten auch mit literarischen Texten, Krah war schon vor Jahren zu Gast bei der Literatur-Sendung „Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen“. Das ist eine Art Literarisches Quartett der Neuen Rechten.
Brutaler kann man wohl nicht mit Worten spielen und eine bildungsbürgerliche Attitüde mit Mobgewalt zusammenführen als in diesem Titel.
Diese Strategie kennt man ja von der AfD: Etwas zu sagen, das man immer in zwei Richtungen auslegen kann, eine harmlose und eine anstößige. Bei Kritik kann man sich auf die harmlose berufen – und verschafft gleichzeitig der nicht harmlosen Raum.
Sie unterscheiden zwischen der AfD und der Neuen Rechten.
Die Neue Rechte setzt nicht auf kurzfristige Wahlerfolge, sondern auf das, was sie Metapolitik nennt. Es geht darum, im Vorfeld der Politik eine Verschiebung des Diskurses zu erreichen. Man glaubt, wenn man das Denken der Leute erreicht und verändert, mittel- und langfristig auch politische Systeme umbauen zu können. Und dabei spielt Literatur eine wichtige Rolle, so zum Beispiel beim Antaios Verlag und der Zeitschrift „Sezession“ um den neurechten Vordenker Götz Kubitschek in Schnellroda.
Das Konzept der Metapolitik kommt ursprünglich von links.
Die Vordenker der Neuen Rechten empfehlen ganz explizit, linke Theoretiker zu lesen, weil man dort viel lernen könne. Auch wenn die Grünen zu ihren Hauptgegnern zählen, versucht man zu kopieren, was sie geschafft haben: Über die Jahre in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen. Man will von dem Klischee des Bier trinkenden Skinhead wegkommen und ein attraktiveres Lebensmodell vorführen: Seht her, auch wir haben volle Bücherschränke, in denen Goethe und Christian Kracht stehen. Dafür ist Literatur wunderbar geeignet.
Hat die Verkehrung von Widerstandssymbolen und -formationen in ihr Gegenteil Methode?
Es geht darum, linke Begriffe, Konzepte und Symbolfiguren zu kapern, bis hin zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Das gleiche passiert mit den großen dystopischen Romanen, Orwells „1984“ oder Ray Bradburys „Fahrenheit 451“. Man will suggerieren, wir befänden uns gegenwärtig in einer Diktatur ohne Meinungsfreiheit, gegen die man sich wehren müsse, wie sich die Weiße Rose gegen das Hitler-Regime gewehrt hat. Die Demokratie in Deutschland soll als sanfter Totalitarismus diskreditiert werden, um sich selbst dann paradoxerweise als Retter der ‚wahren‘ Demokratie und der Freiheit inszenieren zu können.
Ein rechtes Narrativ lautet, man wolle die kulturelle Dominanz von links brechen.
Es mag ja sein, dass der Kulturbetrieb insgesamt liberaler geworden ist. Aber die Klage, die rechte Kultur werde unterdrückt, ist kontrafaktisch. Noch nie gab es eine Zeit, in der deren Repräsentanten mithilfe auch der neuen Medien so präsent waren wie heute. Es gibt unzählige Podcasts und Videoformate, die mittlerweile so erfolgreich sind, dass man auch auf sie stößt, wenn man sie gar nicht sucht.
Inwiefern?
Auch früher existierten schon rechte Zeitschriften. Aber was in ihnen stand, hat nur gelesen, wer sie abonniert hatte. Es war auf einen engen Interessentenkreis beschränkt. Wenn heute Schülerinnen und Schüler ein Gedicht von Gottfried Benn interpretieren sollen und im Internet nach Material suchen, stoßen sie schnell auf einschlägige Videos, in denen rechte Akteure ihre Ideologie etwa in einem Gespräch über den Autor verbreiten. Stichproben an Schulen und Universitäten zeigen, dass viele gar nicht wissen, was sie da rezipieren und mit wem sie es zu tun haben. Das Wort der Neuen Rechten hatte im Literaturbetrieb noch nie so viel Gewicht wie heute.
In den letzten Jahren ist es etwas ruhiger um rechte Verlage auf den Buchmessen geworden.
Lange Zeit waren die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt ein Lieblingsschauplatz für die Neue Rechte. Immer wieder haben sie es geschafft, dass sich die Berichterstattung auf sie konzentriert hat. Seit einigen Jahren setzen sie eher auf eine Parallelstruktur mit eigenen Messen. Gerade wurde publik, dass Susanne Dagen, deren Buchhaus Loschwitz in Dresden ein Scharnier zwischen dem Rechtsextremismus eines Götz Kubitschek und bürgerlichen Kreisen bildet, auf dem Messegelände in Halle/Saale eine eigene Buchmesse veranstalten will. Sie trägt den Titel „Seitenwechsel“ und soll wohl nicht zufällig am 9. November stattfinden. Es geht offensichtlich darum, erstmals mit einer Publikumsmesse größeren Formats, die sich nicht mehr explizit als rechte Messe präsentiert, auch Menschen jenseits der rechten Szene an die rechten Verlage heranzuführen.
Wie prägt Literatur den rechten Diskurs?
Bezeichnend ist, dass die literaturbezogenen Essays oder Texte der Neuen Rechten häufig wesentlich radikalere Positionen vertreten als die offen politischen Texte. In der Zeitschrift „Tumult“ etwa ist ein Gedicht erschienen, das den rechtsterroristischen Anschlag in Norwegen, bei dem 77 Menschen ermordet wurden, rechtfertigt und ästhetisch verbrämt. Und das ist bei weitem kein Einzelfall, hier wird auch der Faschismus beworben. Literatur eröffnet der Neuen Rechten ein Experimentierfeld, auf dem sie austestet, wie weit man gehen kann.
Die AfD fällt immer wieder mit geschichtsrevisionistischen Ausfällen auf. Nach ihren Wahlerfolgen könnte sie die staatliche Förderung für ihren parteinahen Thinktank beantragen. Was würde das bedeuten?
Schon jetzt wird versucht, auf den Kulturbetrieb Druck auszuüben. Das kann man beispielsweise bei den Gedenkstätten beobachten. Immer wieder stellt die AfD Anfragen, wo das Geld herkommt, wie es eingesetzt wird, wen man einlädt. Es geht darum, Arbeitsaufwand zu erzeugen und Vorbehalte gegen diese Institutionen zu streuen. Das Gleiche gilt für Theater und Literaturhäuser. Das wird sich verstärken, wenn nun öffentliche Fördergelder an die Partei fließen und sie in Ausschüssen über die Mittelvergabe mitentscheiden kann. Darauf wird man sich einstellen müssen.
Wie erleben Sie diesen Kulturkampf an der Universität?
Aus dem Umfeld der identitären Bewegung und in Kooperation mit Kubitschek wurde eine sogenannte Aktion 451 gestartet. Die Absicht ist, in Universitätsstädten Lesekreise zu gründen. Wenn man der Homepage glaubt, soll es auch in Stuttgart einen geben. Man will das, was an Universitäten gelesen wird, nach rechts drehen. Bis jetzt kann ich aber nicht beobachten, dass sie mit ihren Bestrebungen besonders erfolgreich wären.
Es heißt immer, Lesen mache empathisch?
Grundsätzlich kann Literatur empathisch machen, klar, aber Literatur kann ganz vieles. Wer ein Buch liest, wird nicht automatisch zum besseren Menschen. Deshalb ist es ja so wichtig, über das Lesen nachzudenken und darüber reflektieren zu können, wozu Literatur und Sprache eingesetzt werden.
Info
Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann, 1973 geboren, leitet an der Universität Stuttgart die Abteilung für Neuere Deutsche Literatur. Er ist Präsident der Internationalen Rilke-Gesellschaft und war 2024 Mitglied der Jury des Deutschen Buchpreises.
Publikation Im letzten Jahr veranstaltete die Universität Stuttgart im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Neurechte Literaturpolitik“ eine Tagung. Dazu ist nun ein Themenheft erschienen: Nicolai Busch, Torsten Hoffmann, Kevin Kempke: „Neurechte Literatur und Literaturpolitik“. Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte (2024) 98.