Reclam in Leipzig kommt ins Museum Buchweltgeschichte auf 50 Quadratmetern

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Es ist ein Ein-Mann-Unternehmen, das Hans-Jochen Marquardt in Leipzig gestartet hat: eine Ausstellung über den Reclam-Verlag in einem Raum. Auswahl: Marquardt. Führungen: Marquardt. Ein Besuch im tiefen Keller der Vergangenheit.

Hans-Jochen Marquardt, Vorsitzender des Literarischen Museums und Initiator der Reclam-Ausstellung, zeigt im Reclam-Museum in Leipzig eine Ausgabe der Reclam Wochenend-Bücherei, die zwischen 1927 und 1930 in einer Blechkassette auf den Markt kam. Foto: dpa-Zentralbild
Hans-Jochen Marquardt, Vorsitzender des Literarischen Museums und Initiator der Reclam-Ausstellung, zeigt im Reclam-Museum in Leipzig eine Ausgabe der Reclam Wochenend-Bücherei, die zwischen 1927 und 1930 in einer Blechkassette auf den Markt kam. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, freundlicherweise bei Gelegenheit doch mal ganz hinten im Regal schauen - falls Sie noch Regale haben und alte, sehr alte Reclamhefte drauf und drinnen. Und zwar nicht in der modern gelb-orange-grün-blau-rot leuchtenden Abteilung, sondern bei den elfenbeinfarbenen Exemplaren in Frakturschrift, genau. Gesucht wird zum Beispiel das „Buch der Schachmeisterpartien, Band 5“, im Jahr 1925 herausgegeben vom gebürtigen Leipziger Jacques Mieses, einem später nach London emigrierten jüdischen Großmeister, dem das Schachspiel an sich nicht nur eine legendäre Eröffnung verdankt, sondern eben auch viele kluge Kommentare. Sollten Sie’s womöglich finden - 04103 Leipzig, Kreuzstraße 12, wäre die Adresse. Es fehlten dann nämlich im Bestand des Sammlers Hans-Jochen Marquardt, der von 1867 bis 1945 fast komplett ist und ansonsten bis heute auf dem Laufenden, nur noch 22 statt 23 Hefte von Abertausenden.

Frage natürlich: Reclam in Leipzig? Gibt’s die da noch? Antwort: nein. Und andererseits: ja, wenn auch nicht als Verlagshaus. Es ist eine Kriegs-, eine Friedens- und eine Revolutionsgeschichte. Sehr verkürzt gesagt geht sie so, dass ein Verlag in Leipzig, gegründet 1828, nach einer genialen Idee Anton Philipp Reclams von 1867 an beginnt, eine „Sammlung von Einzelausgaben allgemein beliebter Werke“ herauszugeben, deren Autorenschutzrechte nach 30 Jahren abgelaufen waren. „Literarische Hochqualität mit niedrigsten Preisen“, wie der bis 2015 amtierende, ehemalige Reclam-Geschäftsführer Frank R. Max in der Verlagschronik schreibt (Band 18280). Bücher für alle also, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden sie in Automaten verkauft, wie später Zigaretten. Man konnte sich Bücher ziehen, die einen erzogen, wenn’s gut ging. Sie waren leicht und handlich und selbst, weil manchmal mit Noppen auf dem Einband versehen, am Wirtshaustisch noch zu gebrauchen, wenn das Bier am Tisch überschwappte. Und welcher Schüler hätte nicht mindestens einmal im Leben so ein gelbes Heft, wie es im Warnwestenfarbton seit 1970 designt wird, in der Hand gehabt?

Warm geworden sind Ost und West nicht

Die Reclam-Geschichte ist aber nicht nur eine bis heute andauernde verlegerische Erfolgsstory, sondern auch ein Spiegel der deutschen Historie, der tief blicken lässt: Nach 1945, um nur diesen Ausschnitt zu nehmen, lebten zwei Verlage fort, in Leipzig (verstaatlicht) und in Stuttgart, später in Ditzingen. Nach der Währungsunion 1990 und der Reprivatisierung durch die Treuhand arbeiteten in Leipzig noch eine Handvoll Mitarbeiter, im Südwesten waren es 140. Kollektiv etwas miteinander anzufangen, gelang Ost und West, wie gesamtgesellschaftlich, nur bedingt, und trotz einiger Großerfolge (Bücher von Sibylle Berg, „Frauen, die Prosecco trinken“ von Marlene Faro und dem Millionenseller „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider), eine Ironie der Geschichte, wurde der defizitäre Standort Leipzig Ende 2005 geschlossen. „Das war so, war nachvollziehbar, aber traurig“, sagt Hans-Jochen Marquardt, heute 65 Jahre alt.

Hans-Jochen Marquardt sitzt im Souterrain eines Hauses in der Leipziger Kreuzstraße und ist umgeben von Reclam-Reliquien: Ausgaben in Leder, Pergament, mit Goldschnitt und ohne, Erinnerungsbilder mit Thomas Mann (der 1928 zum Verlagshundertsten die Festrede hielt und Anton Philipp Reclam „Idealismus sozialer Natur“ bescheinigte). Dann ist da die DDR-Ecke mit der Universal-Bibliothek, die Stuttgarter Ecke, Regal um Regal. Alles Reclam. Marquardt ist Leipziger von Geburt, Jahrgang 1953, und vor Ort seit kurzem so etwas wie der Bewahrer eine Idee. Mit dem 2011 gegründeten Verein „Literarisches Museum e.V.“ ist es ihm nach Jahren gelungen, seine eigene, umfangreiche Reclam-Sammlung zu einem kleinen Museum umzufunktionieren. Führungen, immer Dienstag und Donnerstag, übernimmt er selbst. Im Grunde genommen ist das Reclam Museum ein Ein-Mann-Betrieb. 50 Quadratmeter plus Nebenraum; die Mietkosten übernimmt die Rahn-Stiftung, eine gemeinnützige Schulgesellschaft, die schon das Schumann-Haus in Leipzig vor dem Abriss gerettet hat. Warum ein Reclam Museum?

Hans-Jochen Marquardt, der beim Erzählen mühelos über jedes Detail der fünf Generationen von Reclam-Verlegern verfügt, ist – und das erklärt natürlich schon Einiges – der Sohn von Hans Marquardt, ehemals Leipziger Cheflektor und später, von 1961 an, gut 25 Jahre lang Verlagsleiter. Das Verhältnis der beiden war nicht ungetrübt, der Sohn wuchs bei der Mutter auf. Kontakt aber hatten die beiden Männer, und der Sohn, Germanist von Haus aus, bescheinigt seinem Vater noch heute, „ein Ermöglicher statt ein Verhinderer“ gewesen zu sein. Obwohl eher kunsthistorisch interessiert - Marquardt Senior hatte ein Faible für Graphik-Mappen, gestaltet unter andern von HAP Grieshaber und Bernhard Heisig - verkämpfte er sich für Volker Braun und Reiner Kunze und überhaupt viele auch wissenschaftliche Autoren, deren Bücher in der DDR eher unter als über dem Ladentisch verkauft wurden. Für die früh einsetzende Reclam-Leidenschaft von Hans-Jochen hatte der Papa indes nicht viel übrig: „Sammel Kunst!“ gab er als Parole aus. Der Sohn aber sammelte Hefte.

Bildung für wenig Geld

Faszinierend fand Hans-Jochen Marquardt von Anfang an das verlegerische Konzept, „für wenig Geld ein nationalpädagogisches Bildungsprogramm zu schaffen“. Im „Schillerschen Sinn“, setzt Marquardt hinzu, „nicht nur die Herrschaft sollte lesen können, sondern auch die Dienstboten.“ Und dann waren die Bücher „Gebrauchsgegenstände, keine bibliophilen Kostbarkeiten“. Das mag er bis heute. _

Zwei Jahre vor dem Mauerfall endete die Zeit von Hans Marquardt bei Reclam; er zog sich als Kunstsammler auf Rügen zurück. Mitte der Neunziger erfuhr die Öffentlichkeit, dass er Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen war, namentlich angesetzt auf Franz Fühmann und Günter Grass, dessen Barockstudie „Das Treffen in Telgte“ noch zu DDR-Zeiten in Leipzig erschienen war. Der Sohn hat die Akte des Vaters nicht gelesen, will jedoch auch nichts entschuldigen. Die Formel von der „Abhängigkeit zwischen Geist und Macht“ erkläre nicht alles. Seinerzeit war der Sohn, nach einem kurzen Gastspiel bei der PDS im Leipziger Stadtrat, in Leipzig an der Uni als Germanist nach seiner Habilitation mit einer „Bedarfskündigung“ konfrontiert - und ging nach Südafrika als Dozent in Pretoria und Kapstadt. Die Apartheid war dort gerade an ihr Ende gekommen. Nelson Mandela setzte eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ ein. Ähnliches hätte sich Marquardt im vereinten Deutschland gewünscht. Mentalitätsmäßig kranke die Bundesrepublik bis heute daran, dass sich im Westen die wenigsten für ostdeutsche Geschichte interessierten. Simples Beispiel, sagt Marquardt: „,Über sieben Brücken musst du geh’n‘ ist für Westler von Peter Maffay. Dabei ist das Lied von Karat, und der Text vom Leipziger Dichter Helmut Richter.“ Den im Übrigen bereits Hanns Eisler vertont hat.

Immer blieb es bei: Reclam

Marquardt hat das Kleist-Museum in Frankfurt/Oder geleitet und zuletzt für die Gelehrtengesellschaft Leopoldina in Halle gearbeitet. Jetzt ist er pensioniert, wiewohl relativ ruhelos. Was immer geblieben ist, ist Reclam. Seine umfangreiche Sammlung würde er irgendwann einmal gerne der Stadt Leipzig schenken, „wenn die das denn will“. Bis dahin sei das kleine Museum vielleicht ein bescheidener, aber hoffentlich auch ein „nützlicher Beitrag“, um ein wenig Geschichte, ostdeutsche zumal, zu transportieren – über die Verlagshistorie von Reclam hinaus. Die Spitzen der Ditzinger Zentrale waren zur Eröffnung da und haben einen der oben beschriebenen Automaten als Dauerleihgabe mitgebracht. Die Stimmung war gut. Es ist nun nicht mehr das riesige, repräsentative Leipziger Reclam-Carré, das gewinnbringend an Investoren gegangen ist, wo die Weltliteratur im 14, 8-Zentimter-Format steht, sondern ein Raum, der über den Hof und halb im Keller liegt. Aber er ist gemütlich, luftig und man kann Poetry Slams darin abhalten, was Hans-Jochen Marquardt sehr gerne möchte. So lebt die Institution Reclam in Leipzig am Geburtsort fort. Jedenfalls ein bisschen.