Noch ist wenig mehr zu sehen als braune Erde, weiße Plastikzäune, Bagger und ein paar Baucontainer. Doch für Mercedes-Benz soll dieser Ort zu einem Symbol eines neuen, nachhaltigeren Wirtschaftens werden. „Hier entsteht eine Mine von morgen“, sagt Produktionschef Jörg Burzer, und die ebenfalls nach Kuppenheim (zwischen Rastatt und Gaggenau) gereiste Landesumweltministerin Thekla Walker lobt die Vorreiterrolle, die Mercedes mit der künftigen Recyclingfabrik für Batterien von Elektroautos einnehme.
Gebuddelt wird auf dem Werksgelände schon seit einigen Wochen. Am Freitag wurde nun symbolisch der Grundstein für die Anlage gelegt, in die Mercedes einen zweistelligen Millionenbetrag investiert – neben den knapp 17 Millionen Euro von der Bundesregierung, die für begleitende Forschungsarbeiten eingeplant sind.
Recycling soll die Abhängigkeiten bei den Rohstoffen verringern
Recycling sei „im Hinblick auf die begrenzte Verfügbarkeit wichtiger und stark nachgefragter Rohstoffe wie Lithium, Kobalt oder Nickel von besonderer Bedeutung“, sagt die grüne Umweltministerin in ihrer Ansprache. Corona und der Angriff Russlands auf die Ukraine hätten allen die Abhängigkeiten von Lieferketten und Primärrohstoffen vor Augen geführt, so Walker. Recycling sei daher „topaktuell und von strategischem Interesse“. Jörg Burzer sieht in dem Projekt „den entscheidenden Schritt zur Schließung des Wertstoffkreislaufs von Batterien“.
Die Pilotanlage soll per Photovoltaik und externer Versorgung mit Grünstrom CO2 -neutral betrieben werden und künftig pro Jahr Batterien mit einem Gewicht von 2500 Tonnen wiederverwerten. Mehr als 96 Prozent der Rohstoffe sollen dadurch zurückgewonnen werden, damit könnten 50 000 neue Batteriemodule für Elektroautos bestückt werden, so die Mercedes-Rechnung. Der Aufbau der Anlage erfolgt in zwei Schritten.
Zuerst wird die Maschinerie für die mechanische Zerlegung der Lithium-Ionen-Batterien erstellt. Sie soll Ende des Jahres in Betrieb gehen. Erst danach werden die hydrometallurgischen Anlagen installiert, gewissermaßen das Herzstück. Hier werden in einer Art chemischem Auswaschungsverfahren die in einer schwarzen Masse gebundenen Rohstoffe getrennt und eingesammelt. Ohne die zweite Ausbaustufe wäre die Pilotanlage nutzlos, noch sind aber offenbar nicht alle Zuschüsse gesichert. Mercedes verweist lediglich auf „viel versprechende Gespräche mit der öffentlichen Hand“.
Die zweite Ausbaustufe wird erst 2024 angegangen
Ziel ist es, nur solche Batterien ins Recycling zu bringen, die das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben. Dem soll das so genannte „Second life“ vorangehen, das zweite Leben der Akkus: Wenn die Kapazität und Ladeleistung nicht mehr den Ansprüchen im Elektroauto genügen, können die Batterien beispielsweise als stationäre Stromspeicher für große Solaranlagen genutzt werden. In der Factory 56 von Mercedes in Sindelfingen ist das bereits Usus.
Der Bedarf an Recyclingkapazitäten wächst bis 2040 rasant
Dass die Pilotanlage auch für Mercedes nur ein erster Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft bei Batterierohstoffen sein kann, ist offensichtlich. Der Bedarf an Recyclingkapazitäten wird Experten zufolge in den kommenden Jahren stark zunehmen. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) rechnet damit, dass 2030 in Europa rund 430 000 Tonnen an Autobatterien zur Wiederverwertung anstehen, zehn Jahre später dann schon mehr als zwei Millionen Tonnen. Die zurückgewonnenen Rohstoffe würden aber längst nicht für die vielen neuen Elektroautos reichen, die bis dahin auf den Markt kommen sollen. 2040, so die Prognose der Fraunhofer-Forscher, könnten rund 40 Prozent des nötigen Kobalts und mehr als 15 Prozent des Bedarfs an Lithium, Nickel und Kupfer aus der „neuen Mine“, den Recyclingfabriken, kommen.
Mercedes kooperiert in Kuppenheim mit der Primobius GmbH, die schon eine Recyclingfabrik in Hilchenbach (Nordrhein-Westfalen) betreibt. Als wissenschaftliche Begleiter der Pilotfabrik fungieren das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie die Technischen Universitäten in Clausthal und Berlin. Im Zentrum der Forschung stehen dabei die Entwicklung von Logistikkonzepten, der Recyclingprozess an sich und die Wiederverwendung der Rohstoffe bei der Herstellung neuer Batterien.