Kritik zu Red Dead Redemption 2 Fünf Gründe, warum das Mega-Spiel zu Tode langweilt

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Sie haben zu viel Zeit, sind sammelwütig und haben einen Westernfimmel? Dann ist „Red Dead Redemption 2“ etwas für Sie. Warum, erklären wir in unserer Polemik gegen den Megaseller.

„Red Dead Redemption 2“ erzählt die Geschichte des Outlaws Arthur Morgan. Foto: Rockstar Games 13 Bilder
„Red Dead Redemption 2“ erzählt die Geschichte des Outlaws Arthur Morgan. Foto: Rockstar Games

Stuttgart - Damit kein Missverständnis aufkommt: Das jüngst erschienene Videospiel „Red Dead Redemption 2“ wird völlig zurecht als Spiel der Superlative gefeiert. Eine derart detailliert und hübsch gestaltete, digitale Spielwelt hat das Publikum bisher noch nicht gesehen. Wer sein Pferd beim Ritt durch die schimmernde Winterlandschaft eine Spur in den frisch gefallenen Schnee ziehen lässt, im Wald Hasen an sich vorbeihoppeln sieht, oder dem Gaul zuschaut, wie er ein paar Pferdeäpfel fallen lässt, dem bleibt gelegentlich kurz der Mund offen stehen.

Dazu eine epische Geschichte, die mit langem Atem erzählt wird und eine Unzahl von Interaktionsmöglichkeiten, die es in ähnlichen Videospielen mit offener Welt noch nicht gegeben hat – „Red Dead Redemption 2“ muss doch jeden Digitalzocker überzeugen, möchte man meinen. Die Antwort lautet: Ja – wenn man ein Sammelwütiger mit zu viel Zeit und einem ausgeprägten Westernfimmel ist. Alle anderen könnten an RDR2, wie es im Netz abgekürzt wird, verzweifeln oder sich beim Spielen zu Tode langweilen – aus fünf Gründen:

1. Ewige Jagdgründe: Der Wilde Westen hat als Genre ausgedient

Auch wenn sich Kultregisseur Quentin Tarantino seit einigen Jahren redlich abmüht: Das Western-Genre ist so tot wie ein verdurstetes Pferd im Death Valley. Durch die jahrzehntelange Mythenbildung in Hollywood politisch diskreditiert, von Kevin Costner in „Der mit dem Wolf tanzt“ halbwegs ins rechte Licht gerückt und von Clint Eastwood in „Erbarmungslos“ endgültig gekrönt, ist die Welt der Cowboys und Indianer auserzählt. Harte Kerle in einer harten Welt sind out.

2. Lass uns drüber reden: Cowboys mit Sprechdurchfall

Das Spiel erzählt seine epische Geschichte mit einem langen Atem. Einem sehr langen Atem. Wer sich Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“ angeschaut hat, hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie dialoglastig „Red Dead Redemption 2“ sein kann. Das ist eine Weile unterhaltsam, aber wenn die Phasen, in den der Spieler ins Geschehen eingreifen kann, kürzer werden als die automatisch ablaufenden Zwischensequenzen, die die Handlung vorantreiben, dann stimmt etwas nicht.

3. Der Bart ist ab: Exzessives Mikromanagement ist so 2000

Kleine Rasur gefällig? Oder mit der Wahl der Pferdedecke nicht zufrieden? Eine bessere Reiseapotheke für das Lager der Gang? In RDR2 muss der Spieler kontinuierlich Entscheidungen über Belanglosigkeiten treffen, die früher oder später nur noch nerven. Hinzu kommen sich endlos wiederholende Routinetätigkeiten. Kleine Auswahl gefällig: Wird das Pferd nicht regelmäßig gestriegelt, erholt es sich langsamer. Die diversen Lebensmittel, mit denen die Hauptfigur Arthur Morgan sich fit hält, haben unterschiedliche Auswirkungen. Die einen fördern mehr die Gesundheit, die anderen mehr die Ausdauer. Hallo?! Exzessives Mikromanagement stammt aus einer Zeit des Spieldesigns, in der es schick, weil möglich war. Aber das war 2000, als „Die Sims“ rauskam.

4. Es ist kompliziert: Die Steuerung ist völlig überladen

Die schier unendlichen Möglichkeiten, mit der Umwelt zu agieren, ziehen als logische Konsequenz eine hochkomplexe Steuerung nach sich, in der die Tasten der Steuerung je nach aktueller Situation eine andere Funktion erfüllen. Arthur Morgan reitet, schießt, spricht, kocht oder macht sonst etwas, womit Haudegen im Wilden Westen so ihre Zeit vertreiben? Je nach Lage löst dieselbe Taste unterschiedliche Handlungen aus. Die Lernkurve bei RDR2 ist so lang und weitläufig wie der Grand Canyon.

5. Die Entdeckung der Langsamkeit: Daddeln im Schneckenmodus

Wer Arthur Morgan eine Weile zugesehen hat, wie er durch die verschlammte Straße von Valentine stapft oder verlassene Waldhütten durchsucht, möchte ihm früher oder später unweigerlich mit einem Pfeil in die Waden pieksen. Andere Momente, in denen die Entdeckung der Langsamkeit fröhliche Urständ feiert: Eine Kutsche durch die Landschaft führen, Angeln und Jagen. In RDR2 ist sogar ein Spaziergang durchs eigene Lager eine Geduldsprobe.

Das Fazit lautet also: „Read Dead Redemption 2“ ist brillantes Spiel, das über Monate beschäftigen kann. Aber es ist längst nicht jedermanns Sache. Es soll ja auch genügend Menschen geben, die bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ einschlafen oder bei „The Hateful Eight“ vor Langeweile aggressiv werden.