Redekultur Demokratie beleben!

Protest mit Wortspielen am Donnerstagabend in Stuttgart Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Für die Demokratie kämpfen, heißt, seine Argumente zu schärfen und die Redekultur zu pflegen. Das beinhaltet auch ein Zuhören-Können. Ein Kommentar von Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Es geht um viel in diesen Tagen. Um Brandmauern und Dämme, um Vertrauen und Versprechen – aufgehängt am Thema Migration. Der Einsatz der Parteien ist hoch, das Risiko nicht minder. „All in!“, hatte CDU-Chef Friedrich Merz in Pokermanier als Devise ausgegeben, um am Mittwoch ein Bundestagsvotum mit den Stimmen der AfD zu erwirken – ehe er am Freitag mit seinem „Zustrombegrenzungsgesetz“ scheiterte.

 

Kritiker sehen darin ein unverantwortliches Spielen mit der Demokratie. Sie werden dies an diesem Samstag auf dem Stuttgarter Schlossplatz zum Ausdruck bringen. Es ist eine von vielen Kundgebungen bundesweit, mit denen eine Woche endet, die still und würdevoll begonnen hatte: mit dem Gedenken an die Auschwitz-Befreiung vor 80 Jahren und die Opfer des Holocaust.

„Demokratie besitzt die Fähigkeit zur Selbstkorrektur“

Der Eindruck, der seit Längerem vorherrscht, ist der einer Demokratie in der Krise. Exemplarisch seien zwei Stimmen aus Stuttgart und Karlsruhe genannt, eine junge und eine ältere, die, unabhängig voneinander, dazu ihre Gedanken geäußert haben. Die ältere Stimme gehört Thomas Hertfelder. Fast drei Jahrzehnte lang leitete der heute 65-Jährige das Theodor-Heuss-Haus auf dem Killesberg, das dafür geschaffen ist, über Demokratie nachzudenken und sie wertzuschätzen. Hertfelder sieht die aktuelle Krise in einer langen Reihe von Krisen, die von der Finanz- über die Klima- bis zur Coronakrise reicht. Für den erfahrungsgesättigten Historiker ist Krise sogar der „Aggregatszustand der Demokratie“, weil in dieser Regierungsform öffentlich um Problemlösungen gerungen wird. Demokratie besitzt für ihn die Fähigkeit zur „Selbstkorrektur“, was auch in Krisenzeiten Grund zur „Zuversicht“ sei.

„Hoffnung kommt nicht von alleine – man muss etwas dafür tun“

Die andere, die junge Stimme, gehört Paula Kanzleiter von Fridays for Future. Die Aktivistin, Anfang 20, klingt weniger optimistisch. Zusammen mit Hunderten anderen meist jungen Menschen demonstrierte sie am Donnerstagabend in Stuttgart gegen das CDU-Votum vom Vortag, das mit den Stimmen der in Teilen rechtsextremistischen AfD zustande kam. Auch Paula Kanzleiter hat Erfahrungen gesammelt. Nämlich die, dass Hoffnung „nicht von alleine kommt, sondern aktiv erarbeitet werden muss“. Wie auch die Demokratie. Ihr Appell lautet deshalb, die „Demokratie mit Leben zu füllen“. Durch Engagement, durch ein Sicheinbringen und durch Gespräche.

In diesem Punkt berühren sich die ältere und die jüngere Stimme. Im Heuss-Haus, wie auch an anderen Orten der Demokratie, sucht man nach Gesprächsmöglichkeiten, die Menschen einander näher bringen statt weiter auseinander. „Reden hilft immer“, lautet Hertfelders Erkenntnis. Jedenfalls dann, wenn sich das Gegenüber einem Meinungsaustausch nicht verschließt. Man wünscht sich dringend eine Diskussionskultur nach dem Format von „Jugend debattiert“, die immer auch ein Zuhören erfordert. Gesprächsfäden aufnehmen, heißt freilich nicht, Überzeugungen beiseitezuschieben und demokratische Werte zu verwischen. Im Gegenteil: Für die Demokratie kämpfen, bedeutet, die eigenen Argumente im Austausch mit anderen zu schärfen.

Weitere Themen