Rund 30 000 Türken leben, arbeiten und wohnen in Stuttgart. Nicht wenige von ihnen unterstützen den türkischen Präsidenten Erdogan und seine Pläne für ein Präsidialsystem. Warum?

Stuttgart - Verstehen! Als Außenstehender, der mit der türkischen Mentalität, dem Denken der Menschen und ihren Einstellungen wenig vertraut ist, will man’s einfach nur verstehen. Die Frage lautet: Wie kann es sein, dass viele hier lebende Türken Recep Tayyip Erdogan gut finden? Warum wollen bei dem Referendum am 16. April viele für die Einführung eines Präsidialsystems stimmen? Für ein System, das dem türkischen Präsidenten eine Machtfülle gibt, die nach hiesigen Maßstäben die Abkehr von der Demokratie bedeuten und in eine Autokratie führen würde? Und wie kann es sein, dass Menschen, die die Türkei nur von Urlaubsreisen und Verwandtenbesuchen kennen, weil sie in Deutschland geboren sind, dennoch von „ihrem Präsidenten“ sprechen? Nicht alle natürlich, vielleicht auch nicht die Mehrheit, aber viele. Man würde das alles gerne verstehen und Antworten bekommen – am besten einfache. Doch die gibt es nicht.

Auch nicht auf der Straße. Das zeigt ein Besuch in der Mauserstraße in Feuerbach, dem vielleicht türkischsten Quartier Stuttgarts. Seit 1993 gibt es hier eine Moschee, die von der staatlichen Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) betrieben wird. In der Nachbarschaft hat sich eine türkische Einkaufsmeile gebildet. Viele der rund 30 000 in Stuttgart lebenden Türken gehen hier einkaufen und essen. Das Angebot reicht vom Supermarkt über ein Café und einen Teppichhändler bis hin zum türkischen Reisebüro. Manche sprechen von Klein-Istanbul. Das ist übertrieben. Aber richtig ist: In der Mauserstraße spiegelt sich türkisches Leben. Hier verbringen auch viele türkische Beschäftigte von Bosch oder Behr ihre Mittagspause.

Was Türken in Stuttgart über die geplante Verfassungsänderung und über Erdogan denken, sehen Sie im Video:

Dogan Alis: Erdogan gibt den Türken Selbstbewusstsein

Zu ihnen zählt Dogan Alis. Der 50-Jährige ist ein Boschler. Seit 1977 lebt er in Stuttgart. Sein Deutsch ist flüssig, eigentlich spricht er Schwäbisch. Die Frage nach Erdogan trifft ihn nicht unvorbereitet. Er hat sich darüber Gedanken gemacht. Deutschland und Europa, findet er, habe ein Glaubwürdigkeitsproblem. „Die EU zeigt zwei Gesichter.“ Auf der einen Seite trete man für Menschenrechte ein, auf der anderen Seite exportiere man Waffen in alle Welt. „Wie passt das zusammen?“

Alis berichtet auch von der „Enttäuschung“, die sich unter vielen Türken breitgemacht habe. Jahrelang habe die EU die Türkei wie einen Bittsteller behandelt – während gleichzeitig Länder wie Rumänien aufgenommen worden seien. Diese Enttäuschung sei auch bei Türken in Deutschland festzustellen: „Die Türken wurden oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt.“ Erdogan gebe den Türken Selbstbewusstsein zurück.

Im Wahlkampf für die geplante Verfassungsänderungen wollen türkische Politiker auch in Deutschland auftreten. Generell ist das möglich, einige Auftritte wurden aber in den letzten Wochen abgesagt – wegen Probleme mit Brandschutz oder anderen Vorschriften. Wie die Menschen in der Mauserstraße das sehen, berichten Sie im Video:

Neben Dogan Alis steht Bahri Cakar, ein stämmiger Mann, ebenfalls bei Bosch beschäftigt, und nickt. Seit Ewigkeiten lebe er in Deutschland. „Wir sind hier Opas geworden“, sagt er und grinst. Dann bekennt der 55-Jährige: „Ich bin kein Freund von Erdogan.“ Aber es sei nun mal so, dass er die Türkei stark gemacht habe. Dazu kämen soziale Verbesserungen: das Kindergeld, die Krankenversicherung. Wie stark der Rückhalt für Erdogan sei, habe die Reaktion der Menschen auf den Putschversuch im Juli 2016 gezeigt: „Das kann man nicht verordnen.“ Gleichzeitig wundert er sich, welch großen Raum die Erdogan-Berichterstattung in Deutschland einnimmt. In den RTL-Spätnachrichten gehe es fast immer um Erdogan. „Gibt es denn keine deutschen Politiker?“

Meinungsbild ist uneinheitlich

Aus dem Hintergrund schaltet sich ein anderer Mann ein und berichtet von einer „Trotzhaltung“, die sich unter Türken breitmache. Speziell nach der Weigerung der niederländischen Regierung, türkische Minister ins Land zu lassen . „Ich kenne etliche, die gegen das Präsidialsystem sind, jetzt aber mit Ja stimmen werden – rein aus Trotz.“ Erdogans Popularität, so kann man raushören, muss etwas mit verlorenem und wiedergewonnenem Stolz zu tun haben. Einige Meter weiter schlendern zwei ältere Herren in der Montagsmittagssonne. Freundlich blicken sie den Fragesteller an. „Erdogan? Das ist mein Präsident“, sagt der eine in gebrochenem Deutsch, während er seine Misbaha, die Gebetskette, durch die Finger gleiten lässt. „Er hat Straßen und Brücken gebaut. Er ist gut für die Türkei.“ Lächelnd geht er weiter. Sein Begleiter, ehemals Totengräber bei der Stadt Stuttgart, bleibt noch einen Augenblick stehen. „Ich bin gegen Erdogan“, sagt er leise, aber bestimmt. „Er will alle Macht für sich – eine Diktatur.“ Auch andere üben Kritik: Ahmet Keleser, ein 29-jähriger Einzelhandelskaufmann mit deutschem Pass, sagt offen: „Ich finde es gut, wenn türkische Politiker hier nicht auftreten können. In der Türkei herrscht keine Demokratie.“ Wer Kritik übe, werde schnell als „Terrorist“ verunglimpft, klagt Keleser.

Widersprüche bleiben bestehen

Eine Straßenecke weiter steht Yeter Erdogan, eine 34-jährige Projektassistentin, die zufällig denselben Namen hat wie der türkische Präsident. Vor laufender Kamera sagt sie mit Überzeugung: „Ich hoffe, dass Erdogan der Türkei lange erhalten bleibt. Er ist das Beste, was dem Land passieren konnte.“

Das Meinungsbild ist uneinheitlich. Widersprüche bleiben bestehen. Auch Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg und in Deutschland, kann sie nicht auflösen. Dass Türken hierzulande demokratische Freiheiten in Anspruch nehmen und schätzen, bei dem Referendum aber für Erdogan stimmen wollen, ist ihm ein Rätsel. „Viele kennen den genauen Inhalt der Abstimmung gar nicht“, vermutet er. Erdogan habe in populistischer Manier nach einem Feindbild gesucht und es in Europa gefunden. Emotionen verdrängten dabei die Vernunft. Sofuoglu registriert aber auch andere Stimmen: „Viele Menschen hinterfragen Erdogans Politik und erkennen, dass er selbst für die Ausgrenzung der Türkei verantwortlich ist.“

Gleichzeitig beschleicht Sofuoglu eine „gewisse Trauer“. Er sieht die Entwicklung mit Sorge, weil der Streit auf dem Rücken der Deutschland-Türken ausgetragen werde. „Die Fronten verhärten sich. Es droht die Gefahr einer Radikalisierung.“ Umso mehr empfiehlt er Gelassenheit.

Das deckt sich wiederum mit den Stimmen aus der Mauserstraße. „Wir sollten gelassen bleiben“, sagt Dogan Alis. Nach dem Referendum werde sich alles wieder beruhigen, meint der Boschler. Dann verabschiedet sich Dogan Alis mit Handschlag. Die Arbeit ruft.

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