Der August-Anfang ist bei Harry Kibele und seiner Frau Birgit bereits verplant. Ein Großevent steht an. Das Ehepaar reist nach Paris zu den Olympischen Spielen. „Das wird unser erstes gemeinsames Highlight“, sagt der 65-Jährige. Gemeint ist der erste Ausflug des Ehepaars in einem neuen Lebensabschnitt, um genauer zu sein: zuerst in die Altersteilzeit, dann zum Jahresende in Rente. Denn der langjährige Sportmanager des VfL Sindelfingen hatte – ebenso wie seine Frau, die als Gymnasiallehrerin in Tübingen unterrichtete – am Mittwoch seinen letzten Arbeitstag in der Rudolf-Harbig-Straße 8.
Dort leitete er in den vergangenen zweieinhalb Jahren gemeinsam mit Anne Köhler die Geschäfte. Zuvor fungierte der Sportmanager lange Zeit als Stellvertreter von Roland Medinger. „Nach 35 Jahren kann man ruhig sagen, dass das ein Teil des eigenen Lebens ist“, meint Harry Kibele, der die Sport-, die Kinder- die und Rehawelt, den Freizeit und Breitensport sowie das Sportsponsoring der Blau-Weißen verantwortete.
In den 1980er Jahren hatte der frühere Leichtathlet während des Lehramtsstudiums als Übungsleiter im Freizeitsport beim VfL begonnen. Im Jahr 1989 wurde er dann im Anschluss an ein Jahr als Vertretungslehrer – Schulen in Baden-Württemberg stellten zu der Zeit nicht ein – Freizeitsportreferent. Die Aufgabe lautete damals: Freizeit- und Gesundheitssportangebote konzipieren. Es ging also darum, den Bereich der Wirbelsäulengymnastik und Co neu zu entwickeln – was definitiv gelang. Im Rückblick auf die damalige Zeit sagt Harry Kibele: „Das war der Beginn des ganzen Booms im Gesundheitssport, der sich fest im Verein etabliert hat.“
Die große Begeisterung für den Sport
Hört man dem gebürtigen Münsinger zu, wird schnell klar, warum er dafür perfekt geeignet war. „Dass wir als VfL für die Menschen da sind, dass wir ihnen die Möglichkeit geben, sich gesund und fit zu halten, Spaß zu haben und sich gerne zu bewegen, war immer das Credo“, erklärt der zweifache Vater und schildert auch seinen Ansporn: „Ich wollte schon immer – und das durfte ich beim VfL machen – anderen Menschen zeigen, wie toll Sport ist.“
Was nach den Anfangsjahren folgte, waren Meilensteine: Im Jahr 1994 eröffnete der Sportpark, Harry Kibele war nun Sportmanager. Fitnessstudios ermöglichten den Menschen eine Anpassung des Sports an ihren Lebensalltag. Die Örtlichkeit des VfL in der Sindelfinger Innenstadt war der Vorläufer der heutigen Sportwelt, die 2008 in der Rudolf-Harbig-Straße 8, ganz in der Nähe des Glaspalasts, eröffnete. 2021 erhielt das Fitnessstudio einen Anbau.
Der Teamgedanke im Vordergrund
Auch wenn der bisherige Geschäftsführer maßgeblichen Anteil am Erfolg des VfL Sindelfingen hatte, rückt er seine Person nicht in den Mittelpunkt. Selbstverständlich erinnert auch er nach einer so langen Zeit an Momente, die für ihn persönlich „prägend waren oder auf die man stolz ist“. Und dennoch: Viel eher spricht Harry Kibele, der all die Jahre über aus Tübingen nach Sindelfingen pendelte, häufig vom „wir“.
„Ich glaube, das war unser Erfolgsrezept: dass wir uns eigentlich immer ausgetauscht haben und gemeinsam versucht haben, eine Lösung zu finden“, meint der Skiläufer. Auch er habe versucht, Ideen miteinzubringen und sei froh gewesen, wenn das funktioniert habe. „Aber einer allein schafft es nicht“, erklärt der 65-Jährige seine Sichtweise und fügt mit Blick auf das Team hinzu: „Man ist immer nur ein Teil des Ganzen.“
Aus diesem Grund glaubt Harry Kibele auch nicht, dass er wehmütig wird. Er sieht seine Arbeit als getan und das Haus als gut aufgestellt an: „Ich habe tolle Kollegen, die das Konzept, so wie wir es gemeinsam erarbeitet haben, weiterführen“, ist er sich sicher. Er hat viel erreicht im und mit dem Verein: etwa den Goldenen Stern des Sports, eine der bedeutendsten Würdigungen für Sportvereine in Deutschland.
Sportangebote am Arbeitsplatz
Das eigentlich größte Lob sei es gewesen, „wenn man zufriedene Mitglieder hat und die das auch mal äußern“. Mit denen kam er beispielsweise auch in der Mittagspause ins Gespräch. Die nutzte Harry Kibele immer wieder für kurze Sporteinheiten. Mal ging er eine Runde joggen, mal zur Rückengymnastik. „Das war ein Privileg und das habe ich sehr geschätzt“, ist er dankbar.
Die tägliche Fahrt in sein Büro steht für Harry Kibele nun nicht mehr an. Am Donnerstag wurde er verabschiedet. Die Reise zu den Olympischen Sommerspielen, an denen auch drei VfL-Athleten teilnehmen, rückt für ihn und seine Frau dagegen näher – ebenso wie viel Zeit danach: „Ich freue mich auf einen neuen Lebensabschnitt.“
Die Geschäftsführung des VfL Sindelfingen
Personalien
Nachdem der langjährige Geschäftsführer Roland Medinger im Januar 2022 nach ebenfalls mehr als 35 Jahren beim VfL Sindelfingen in den Ruhestand gegangen war, übernahmen Anne Köhler und Harry Kibele diesen Posten. Köhler, die den Hauptverein leitet, wird künftig alleinige Geschäftsführerin. Andreas Hagedorn und Teresa Schäfer, bisherige Sportmanager des VfL, werden ihre Stellvertreter. Hagedorn wird hauptsächlich Kibeles Aufgabenbereich rund um die Sportdienstleistungen übernehmen. Schäfer wird in der neuen Konstellation unter anderem für die Finanzen und die Personalverwaltung zuständig sein.
Verein
Der VfL zählt mit mehr als 9000 Mitgliedern zu den mitgliederstärksten Amateursportvereinen Baden-Württembergs. Er hat 28 Abteilungen und bietet Angebote im Leistungs-, Gesundheits-, Breiten- und Freizeitsport. Allein im Rehabereich nehmen an 72 Kursen mehr als 1500 Personen teil. (rsp)