Stuttgart - An diesem Nachmittag im Training auf dem Kunstrasenplatz auf der Bezirkssportanlage Waldau spielen die Stuttgarter Kickers in einer Liga mit den ganz Großen der Branche. „Gelbes Hütchen bedeutet Borussia Dortmund, rotes FC Bayern, weißes Real Madrid, blaues Stuttgarter Kickers“, ruft U-9-Trainer David Schranz seinen Spielern als einleitende Erklärung zu. Bei der Übungsform geht es darum, einen Vereinsnamen zu schreien und das dazu passende Hindernis handlungsschnell zu umdribbeln. „Maximales Tempo bei 100 Prozent Ballkontrolle, Kopf nach oben“, fordert der Coach.
Kein Training ohne Ball
Aufmerksamer Beobachter am Spielfeldrand ist Norbert Stippel. Der Sportliche Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) der Blauen legt großen Wert auf eine möglichst professionelle Arbeit auch schon bei den jüngeren Jahrgängen. „Der Ball ist von der ersten bis zur letzten Minute der 90-minütigen Trainingseinheit mit im Spiel“, betont der DFB-Fußball-Lehrer. Er weiß aus zahlreichen Kontakten mit Vertretern kleinerer Vereine, dass auch im unterklassigen Bereich vielerorts moderne Trainingsmethoden mit dem nötigen Spaßfaktor die Regel sind, aber eben nicht überall. Weil es an qualifizierten Trainern fehlt. „Natürlich gibt es Vereine, in denen die Kinder noch Runden um den Sportplatz drehen, bis ihnen die Zunge raushängt. Aber das darf es nicht mehr geben“, sagt Stippel, der aber offen einräumt: „Wir können Jugendtrainer vergüten, die kleinen Clubs oft eben nicht.“ Was Stefan Wüstlich, seit 1996 Jugendleiter beim ASV Botnang, bestätigt: „Es wird immer schwieriger, ehrenamtliche Trainer zu finden. Wir müssen froh sein, wenn sich ein FSJler findet oder sich ein Papa bereit erklärt, das Training zu übernehmen.“
Leitplanken für Nachwuchstrainer
Auch solchen möglichen Quereinsteigern möchte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gemeinsam mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) mit ihrem „Projekt Zukunft“ Hilfestellungen geben und dadurch engere Leitplanken für das Nachwuchstraining vorgeben. Das Thema kocht immer wieder einmal hoch. Meistens nach krassen Misserfolgen der A-Nationalmannschaft. So war das auch nach der desaströsen WM 2018. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) entwickelten das „Projekt Zukunft“, um die Nationalmannschaft und den Nachwuchs zurück an die Weltspitze zu führen. Der inzwischen abgetretene Liga-Chef Christian Seifert formulierte es deutlich: „Es geht darum, bei der Nachwuchsarbeit die Versäumnisse der vergangen Jahren aufzuholen.“ Der im vergangenen Sommer gewonnene EM-Titel bei der U21 hatte nicht nur für der 52-Jährigen lediglich kaschiert, was seit Längerem schiefläuft.
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Die aktuellen Zahlen belegen die Bedenken: Nur 4,2 Prozent der Gesamtspielzeit (in der zweiten Bundesliga 8,1 Prozent) wurde in der Bundesliga-Hinrunde von deutschen Nachwuchskräften bestritten. Ein Problem, das die DFL und den DFB gleichermaßen beschäftigt und regelmäßig erörtert wird. Es gibt viele Bausteine, auf die beim „Projekt Zukunft“ Wert gelegt wird: Weg vom Ergebnisfußball, weg von Tabellen, weg von Trainern im Kinderfußball, die sich nur über nackte Resultate und Erfolge definieren. „Statt bei einer 1:0-Führung den Ball kurz vor Schluss humorlos auf die Tribüne zu dreschen, soll mithilfe des neuen Modells das Spielerische im Vordergrund stehen, die Intuition, der Mut, das Risiko, das Entwickeln der Spieler“, sagt Michael Rentschler, Verbandssportlehrer beim Württembergischen Fußball-Verband (WFV), der als Vorreiter gilt und die modernen Methoden bereits eingeführt hat. Auf kleineren Feldern mit Mini-Toren in Drei-gegen-Drei Spielformen soll es für die Jüngsten mehr Ballkontakte geben, mehr Zweikämpfe, mehr Torabschlüsse, vor allem das Dribbling soll gefördert werden.
WFV als Vorreiter
Auch Norbert Stippel hält das Betonen dieser Bolzplatzmentalität für den richtigen Weg: „Wir müssen das Straßenfußballer-Gen in den Vereinen entwickeln – und dafür im Training lieber die Taktiktafel weglassen.“
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Er nennt das Beispiel von seinem B-Junioren-Stürmer Karlo Kuranyi. Der 16-jährige Sohn von Ex-Nationalspieler Kevin Kuranyi gehört zu den Toptalenten bei den Blauen, er kehrt aber erst um 16.30 Uhr aus der Schule zurück und geht dann ins Training. Sein Papa hatte früher in seiner Freizeit stundenlang mit seinen Kumpels in der Freizeit gekickt, oft musste er sich mit Größeren und Älteren messen, so entwickelte sich der Instinktfußballer. „Diese Basics, dieses Rüstzeug, diese hohe Zahl an Torabschlüssen, wie sie Kevin hatte, müssen wir nun im Vereinstraining auffangen“, betont Stippel. Für besonders wichtig hält es der 61-Jährige auch, dass körperlich schmächtige Spieler nicht bereits früh durchs Sieb fallen – und nennt ein Beispiel aus der Region: Dominik Kaiser (aktuell Hannover 96) wurde bei Normannia Gmünd in der C-Jugend einst für zu klein und leicht befunden, über den Umweg VfL Kirchheim brachte es der Mittelfeld-Wirbelwind bis zum deutschen Vizemeister mit RB Leipzig.
Kopfballspiel schonend beibringen
Der auch heute nur 1,71 Meter große Kaiser war nie ein Kopfballungeheuer. Ihm wäre in der Jugend zugutegekommen, dass auch der DFB inzwischen empfiehlt, bei den Assen von morgen zunächst wenig Wert auf Kopfbälle zu legen. Zwar gilt nicht wie in England, Schottland und Nordirland ein Verbot von Kopfbällen im Training für Kinder unter zwölf Jahren. Doch WFV-Experte Rentschler plädiert dafür, den Kindern das Kopfballspiel „schonend beizubringen.“ Die kleineren Spielfelder und die Mini-Tore würden ohnehin dafür sorgen, dass die Bälle zumeist flach gespielt werden. Rentschler: „Erst A- und B-Junioren-Spieler sollten mit allen Formen des Kopfballspiels trainieren.“ Ob Kopfbälle tatsächlich Gehirnerkrankungen auslösen können, darüber streiten die Gelehrten. DFB-Teamarzt Tim Meyer warnt jedenfalls vor unüberlegten Verboten: „So ein Kopfball zieht in der Regel kein greifbares medizinisches Krankheitsbild nach sich“, sagte er unlängst in einer Online-Medienrunde.
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für Krücken gehört Druck dazu
Ebenfalls kontrovers diskutiert wird die geplante Reform in den Eliteklassen der U17 und U19. Die Bundesligen der A- und B-Jugend sollen abgeschafft werden und einem geschlossenen Zirkel der Profi-Nachwuchsleistungszentren (NLZ) weichen. Mit dem Ziel, dass Talente ohne den Druck von Auf- und Abstiegen ausgebildet werden und sich ohne taktische Zwänge entwickeln können. Dies stößt allerdings nicht überall auf Gegenliebe: „Wir befürworten alle Maßnahmen bis zur U16 und haben diese bei uns auch schon verankert, sind aber dagegen, den Leistungsdruck in der U17 und U19 wegzunehmen. Wenn man Profi werden will, gehört Druck dazu“, findet Thomas Krücken der NLZ-Direktor des VfB Stuttgart.
Vergleich mit Walldorfschule
Kickers-Kollege Stippel wird beim Stichwort Siegermentalität noch deutlicher: „Wie soll ein Spieler später mal vor der gelben Wand, vor 80 000 Zuschauern in Dortmund bestehen, wenn er in der Jugend nur Testspiele bestreitet.“ Der Pädagoge wählt einen Vergleich aus dem Schulsystem: „Der Ansatz der Waldorfschule ist der beste, den es gibt – wenn das Leben nach der Schule nicht weitergehen würde.“
Dann geht sein Blick wieder auf die U-9-Spieler der Kickers an jenem Nachmittag auf der Bezirkssportanlage Waldau. Um 18 Uhr ist die Einheit beendet. „Die Jungs waren jetzt 90 Minuten praktisch permanent am Ball – und das beidfüßig“, betont Norbert Stippel und ergänzt: „So etwas hat doch früher keinen interessiert.“