Reformationsgottesdienst in der Stiftskirche Der Wille zur Einheit wird überdeutlich

Von Martin Haar 

500 Jahre Reformation: Katholiken und Protestanten feiern gemeinsam in der Stiftskirche. Der katholischen Weihbischofs Thomas Maria Renz überraschte dabei mit einer persönlich gefärbten Predigt.

Beim Reformationsgottesdienst in der Stiftskirche waren Weihbischof Thomas Maria Renz, der leitende CVJM-Referent Andreas Schäffer und Dekan Sören Schwesig dabei. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Beim Reformationsgottesdienst in der Stiftskirche waren Weihbischof Thomas Maria Renz, der leitende CVJM-Referent Andreas Schäffer und Dekan Sören Schwesig dabei. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Die Glocken der Stiftskirche klangen wie immer, wenn sie zum Gottesdienst rufen. Und doch lag an diesem Montagabend etwas Besonderes in der Luft. Die Glocken läuteten am Reformationstag das große Jubiläumsfest der Protestanten ein.

500 Jahre Reformation. 500 Jahre Erneuerung, aber auch Trennung von den katholischen Brüdern und Schwestern. Für Stadtdekan Sören Schwesig ist es daher eine Herzenssache, dieses Reformationsjubiläum „in ökumenischer Weite zu feiern“. Alle sollen durch die Feierlichkeiten im kommenden Jahr erfahren, dass der Reformator Martin Luther „nicht nur Deutschland und Europa verändert habe, sondern die ganze Welt“.

Die angesprochene Spaltung der christlichen Kirche, aber auch der Willen zur Einheit wurden in diesem Festgottesdienst überdeutlich. Wo die Optik die beiden Protagonisten noch trennte, vereinten sie sich später in Worten. Hier der nüchterne, schwarze Talar des evangelischen Stadtdekans Schwesig. Dort das festliche Ornat in Purpur des katholischen Weihbischofs Thomas Maria Renz. Aber im Gebet („Gott segne unsere Einheit … Wir bitten um das Geschenk der größeren Einheit“) waren am Ende beide eins. Sören Schwesig betonte erneut, dass er nicht „zufrieden sein will, mit dem was ist“.

Der katholische Weihbischof wirbt für die Ökumene

Daher darf man es als große Geste betrachten, dass der Protestant Schwesig den Katholiken Renz um eine Predigt auf der Kanzel der Stiftskirche bat. „Für mich ist es ein großes Zeichen der Hoffnung und der wachsenden Einheit“, sagte Renz, „dass wir das Reformationsjubiläum ökumenisch beginnen.“ Weiter sagte er: „Ich freue mich, dass ich das Wort Gottes hier verkünden und auslegen darf.“

Das Bibelwort, das Weihbischof Renz auslegte, stammt aus Johannes 15,14 und heißt: „Ihr seid meine Freunde.“ Aber noch bevor er in Medias Res ging, schickte er voran: „Ich habe immer wieder evangelische Glaubensbrüder getroffen, die mir zu den treusten Wegbegleitern geworden sind.“

Dann kam der Priester der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur Kernbotschaft des Bibeltextes: „Und so lautet mein Gebot: Liebt einander so, wie ich euch geliebt habe.“ Das sei für ihn eine der „atemberaubendsten Botschaften des Glaubens“.

Renz berichtet über seinen Herzinfarkt

Atemberaubend war für viele Gottesdienstbesucher in einer nur zu Dreiviertel besetzten Stiftskirche die persönliche Färbung dieser Predigt. Renz sprach von seiner Freundschaft zu Jesus und der damit verbundenen Unerschütterlichkeit seines Glaubens. Als Beispiel diente ihm eine lebensbedrohliche Situation, die er zuletzt in Spanien durchgestanden hatte. „Ich hatte einen schweren Herzinfarkt“, hob Renz an, „aber während mein krankes Herz wild und unregelmäßig schlug, blieb ich innerlich ganz ruhig.“ Renz fühlte sich in der Freundschaft zu Jesus ohne Angst. Der große Protestant Dietrich Bonhoeffer hat dies in seinem Lied „Von guten Mächten“ so umschrieben: „Treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar.“

Am Ende zog Weihbischof Renz daraus nur einen Schluss: „Müssen nicht alle konfessionellen Unterschiede angesichts dieser radikalen Liebe Gottes in den Hintergrund treten und allmählich verblassen?“ Die Stiftskirchen-Besucher antworteten mit einem stillen Nicken.

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