Die Leute bei den Lieferdiensten arbeiten unter einem enormen Druck und zum Teil unmenschlichen Bedingungen. Jeder kann dabei helfen, das zu ändern, kommentiert unser Brüssel-Korrespondent Knut Krohn.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Brüssel - Natürlich ist es eine feine Sache, sich das Essen direkt nach Hause bringen zu lassen. Gerade in der kalten Jahreszeit überlegt sich jeder zweimal, den Fuß vor die Haustüre zu setzen. Für die schnelle Lieferung sorgen inzwischen so praktische Dienste wie Gorillas, Lieferando oder Flink. Sie sind die marktwirtschaftlich logische Weiterentwicklung dessen, was Amazon einst mit seinen Büchersendungen begonnen hat.

Doch arbeiten die Boten des US-Giganten schon seit Jahren unter bisweilen eher fragwürdigen Bedingungen, wurde das Liefersystem von den neuen Diensten fast schon pervertiert. Geworben wird damit, dass die Bestellung in wenigen Minuten vor der Türe steht. Das heißt, jemand muss den Wunsch entgegennehmen, den Einkauf zusammensuchen und ein Mensch hetzt danach bei Wind und Wetter auf dem Rad durch die Stadt.

Die Boten stehen unter großem Zeitdruck

Unter diesen Bedingungen, zu diesem Lohn und unter diesem Zeitdruck zu arbeiten ist schlicht eine Schinderei. Während der Streiks bei der Belegschaft von Gorillas im Sommer in Berlin konnte jeder einen Blick hinter den Vorhang dieser so hipp auftretenden Start-ups werfen. Deutlich wurde, dass die Arbeit bei vielen Lieferdiensten bisweilen irgendwo zwischen frühkapitalistischem Dienstbotentum und moderner Sklaverei anzusiedeln ist. Der lapidare Hinweis, diese Menschen müssten dort ja nicht arbeiten, zieht nicht. Denn sie müssen diese Jobs annehmen, weil sie sonst kein Geld zum Überleben hätten.

Die Branche der Lieferdienste boomt

Immer mehr Menschen achten in ihrem Alltag peinlich genau darauf, politisch korrekt und bewusst zu handeln. Sie protestieren gegen Sexismus und Rassismus, leben vegetarisch und der Einkauf kommt aus dem Biomarkt. Gleichzeitig boomt die Branche der Lieferdienste, die auf einer Deklassierung und Ungleichbehandlung der dort Arbeitenden beruht. Diese Diskriminierung wird allzu oft hingenommen, wenn es um die eigene Bequemlichkeit geht.

Es geht nicht darum, diese Jobs abzuschaffen, Ziel muss es sein, sie menschenwürdiger zu machen. Dazu gehört eine sichere Anstellung, anständige Arbeitsbedingungen und gute Bezahlung. Natürlich kann man sich zurücklehnen und darauf warten, bis die EU irgendwann die Regulierung übernimmt. Sinnvoller wäre es aber, den ersten Schritt selbst zu tun. Möglich wäre es, einen Gang runterzuschalten und auf die Forderung zu verzichten, dass das bestellte Essen in zehn Minuten vor der Haustüre stehen muss.

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