Brasilien will mit dem Kampf gegen die Abholzung des Regenwaldes Ernst machen – und schafft es doch nicht recht, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.
Rio de Janeiro - Wir werden beweisen, dass wir Landwirtschaft mit Umweltschutz versöhnen können“, hatte Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff beim Umwelttag am 5. Juni 2013 verkündet. Und was sie der Öffentlichkeit damals mitteilte, belegte tatsächlich einen riesigen Fortschritt: Brasilien verzeichnet die geringste vernichtete Waldfläche pro Jahr seit 1988! Zwar fielen zwischen August 2011 und Juli 2012 immer noch 4571 Quadratkilometer Amazonaswald den Kettensägen und der Brandrodung zum Opfer, aber verglichen mit früheren Exzessen – 2004 verschwanden 27 423 Quadratkilometer, also mehr als die Fläche Hessens – ist das eine große und mit Ausnahme einer Zunahme 2008 praktisch kontinuierliche Verbesserung.
Vorbei die Zeiten, in denen Rousseff-Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva mit dem Argument, die Menschen in Amazonien müssten schließlich essen, so gut wie jede Abholzung rechtfertigte. Denn schon unter Lula begann Brasilien, mit dem Kampf gegen die Abholzung Ernst zu machen. Farmen mit illegalen Flächen kamen kaum noch an Kredite, die Regierung drehte den Gemeinden mit hoher Abholzungsrate den Geldhahn zu. Die Behörden beschlagnahmten Traktoren, Lastwagen und die Beute der Umweltfrevler, und sogar die Rinder, die auf den Weiden standen und für die illegal gefällt wurde. Der Verband der Supermärkte hat sich verpflichtet, die Herkunft des Fleisches anzugeben, damit der Kunde weiß, was er kauft.
Die neueren Botschaften klingen nicht froh
Wie wirksam jede dieser Maßnahmen und viele andere sind und wie leicht sie umgangen werden können, steht dahin. Aber sicherlich ist es nicht nur die schwächelnde Weltwirtschaft, die via geringere Nachfrage den Druck auf den Wald verringert, was früher stets die Erklärung für zeitweilige Entspannung in Amazonien gewesen ist. Sondern es ist der politische Wille, die Umweltziele zu erreichen, zu denen sich Brasilien, etwa auf der Klimakonferenz von Kopenhagen im Jahr 2009, verpflichtet hat. Eines davon lautete: die jährliche Abholzung bis 2020 auf 3907 Quadratkilometer zu drosseln.
Seit Rousseffs froher Botschaft ist ein halbes Jahr vergangen, und die neueren Botschaften stimmen nicht mehr so froh. Die Entwaldung hat nämlich wieder zugenommen – wie inzwischen erhoben ist: Von August 2012 bis Juli 2013 auf 5843 Quadratkilometer, also um 28 Prozent. Das dürften die Folgen des neuen Forstgesetzes sein, das nach langem Hin und Her zwischen Agrarlobby, Umweltschützern und Politikern im Sommer 2012, kurz vor der Umweltkonferenz Rio+20, verabschiedet wurde. Es war der Versuch, die Interessen zwischen Agrobusiness und Umweltschutz irgendwie auszubalancieren – und dafür wurden den Farmern erst mal großzügige Konzessionen, vor allem im Hinblick auf die Legalisierung vergangener Illegalitäten, gemacht, insbesondere den kleineren Farmern.
Das Forstgesetz kommt kaum vom Fleck
Umweltschützer rügen, dass bestimmte, der Umwelt zuträgliche Details des Forstgesetzes nur schleppend vom Fleck kommen, so etwa die Katastrierung der Farmen. Offenbar wird, genau wie damals befürchtet, sozusagen auf Vorrat Raubbau betrieben: Heute schnell noch abholzen, was morgen nachträglich legalisiert wird. Einer Studie des angesehenen Imazon-Instituts zufolge tragen zur Entwaldung auch die neuen, riesigen Wasserkraftwerke bei, die die Regierung an den Amazonas-Nebenflüssen bauen lässt. Im Fall von Belo Monte, des größten, wird geschätzt, dass durch Zuzug und andere Faktoren in den kommenden 20 Jahren rund um das Kraftwerk 5100 Quadratkilometer Wald verschwinden – zehn Mal so viel wie die Fläche des Stausees.