Regierungsskandal um Sebastian Kurz Darum ist die Zeitung „Österreich“ so gefürchtet

Die Tageszeitung „Österreich“ steht wegen mutmaßlich gekaufter Umfragen im Zentrum eines Regierungsskandals. Foto: imago/Manfred Segerer

„Österreich“ ist zwar nur die viertgrößte Zeitung seines Landes, aber Politiker haben jede Menge Respekt vor ihr – denn manche werden erst hochgejubelt, dann niedergemacht. Abhängig ist das laut Insidern immer auch von der Höhe der Anzeigengelder.

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Wien - Wolfgang Fellners offenes Sakko gibt den Blick auf seinen Bauch frei, das Hemd spannt leicht. Etwas schwerfällig sitzt er in seiner Sendung, in seinem Studio. Nur sein Mund ist ständig in Bewegung. Ein Mund, dem man ansieht, dass er an kräftige Worte gewöhnt ist. Fellner lässt sich von einem seiner ehemaligen Chefredakteure befragen. Er tut das, um den Ruf seines kleinen Imperiums zu verteidigen: der Tageszeitung „Österreich“. Und er tut es – das ist ungewöhnlich für ihn – zahm: mit einem Lob.

 

„Ich stehe hinter der Staatsanwaltschaft und ihren Ermittlungen“, sagt Fellner bei dem Auftritt vergangene Woche. Professionell hätten sich die Beamten verhalten. Wenig später reicht Fellners Verlag wegen der Razzien eine Amtshaftungsklage gegen die Republik ein. „Das ist typisch Wolfgang Fellner“, sagt Harald Fidler, Medienredakteur bei der Tageszeitung „Standard“ und Fellner-Biograf. Fellner kann seine Meinung schnell komplett ändern. Und es trifft Politikerinnen und Politiker, Mitarbeiterinnen, Institutionen.

„Österreich“ steht im Mittelpunkt eines Regierungsskandals

Kurze Rückblende: Am Mittwoch vergangener Woche gab es Hausdurchsuchungen im österreichischen Bundeskanzleramt, in der ÖVP-Zentrale, im Finanzministerium – und bei der Tageszeitung „Österreich“. Der Vorwurf – unter anderem: Geld aus dem Finanzministerium für geschönte Umfragen im Blatt, arrangiert vom engsten Umfeld des Kanzlers Sebastian Kurz. Auch gegen Kurz selbst wird ermittelt. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Kurz musste aber als Kanzler zurücktreten, zum zweiten Mal nach dem Ibiza-Skandal 2019. Damals stand das Boulevardblatt „Kronenzeitung“ als vermeintliches Übernahmeziel im Fokus, nun wird gegen die Boulevardzeitung „Österreich“ ermittelt. Aber was ist „Österreich“?

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Um das zu verstehen, muss man sich mit Wolfgang Fellner beschäftigen. Er zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten Medienmachern des Landes. Schon mit 14 Jahren gründete er an seiner Salzburger Schule den „Rennbahn Express“. Nach ein paar Jahren wurde das Magazin in ganz Österreich verkauft. In den 80ern gründete er das Magazin „Basta“, in den 90ern folgte das Nachrichtenmagazin „News“. Alle Gründungen waren ein Erfolg, alle wurden teuer verkauft. Dann, Mitte der 2000er Jahre, kam die Tageszeitung „Österreich“. Wolfgang Fellner kündigte „Österreich“ als Qualitätsmedium an, „mit den Worten, ‚das wird die »Süddeutsche Zeitung« Österreichs‘“, sagt Sebastian Loudon, Verleger des Magazins „Datum“. Man habe groß geplant, um die 100 Redakteure eingestellt. Kurz vor dem Start habe Fellner das Konzept umgeschmissen, „es trashiger gemacht“, sagt Medienredakteur Fidler. Verleger Loudon glaubt, dass man von den hohen Kosten überrannt wurde und deshalb schnell auf Reichweite setzen musste. Das Ergebnis ist journalistisch und rechtlich grenzwertig.

Das Medium tickerte schon vom Begräbnis eines Jungen

Die „Österreich“ tickerte schon vom Begräbnis eines 7-jährigen Jungen, der von seinem Vater getötet wurde. Ein Redakteur führte ein Interview mit einem Geiselnehmer – noch während der Tat. Die Zeitung schrieb „Robbie (Williams) holt Show aus dem Koma“ über eine „Wetten, dass . .?“-Sendung, obwohl Williams gar nicht auftrat, weil Wettkandidat Samuel Koch nach einem Unfall tatsächlich im Koma lag. Auch hat „Österreich“ eine gewisse Vorliebe für Hitler-Verschwörungstheorien. Etwa: „Wurde Hitler in Jesus-Grab beigesetzt?“ Oder: „Wurde Hitler von Aliens entführt?“ Was die Zeitung aber tatsächlich ausmacht, ist etwas anderes. „Bei den Fellners spielen Inserateverkauf und Berichterstattung nicht erst seit Sebastian Kurz zusammen – das ist Teil ihres jahrzehntelangen Geschäftsprinzips.“, sagt Harald Fidler. Das heißt: Wer Inserate schaltet, bekommt eine freundliche Berichterstattung. Davon sind viele Insider überzeugt. Fellner selbst streitet das ab.

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Von „Schutzgeld“, einer „erpressungsartigen Situation“ und „Druck“ berichteten Insider der Recherche-Plattform „Dossier“. Politiker bekämen mitunter Besuch von Wolfgang Fellner und seinem Bruder Helmuth, der für die „Kohle“ zuständig ist. Dann werde klargemacht, entweder es gebe Inserate oder eine negative Berichterstattung. Viele sprechen anonym darüber, auch aus Angst vor Klagen aus dem Fellner-Haus. Anders Karin Kneissl, 2017 bis 2019 österreichische Außenministerin. Sie fährt, so sagt sie es „Dossier“, nach ihrem Amtsantritt das Inseratenbudget ihres Ministeriums massiv runter. Wenig später sei der Tenor in „Österreich“ gewesen: „Kneissl muss weg.“

Niemand will zum Ziel von Fellner werden

„Er ist radikal in seinem Tun“, sagt Biograf Harald Fidler, „alle fürchten sich vor ihm“, niemand wolle Ziel eines Meuchel-Aufmachers von Fellners „Österreich“ werden. Und: „Durch seine Lautstärke wird Fellner über die Auflage hinaus wahrgenommen.“ Dem Boulevard und „Österreich“, nur Nummer vier bei der Reichweite der österreichischen Tageszeitungen, werde mehr Macht zugerechnet, als es tatsächlich habe, sagt Loudon. Kurz ist auch nach seinem Rücktritt viel auf den Seiten von „Österreich“ vertreten, wird nicht runtergeschrieben. Dazu passt ein Satz von Fidler: „Fellner macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt.“

Ruppiger Boulevard

Boulevarddemokratie
In Österreich sind Politik und Boulevardzeitungen seit je eng verzahnt. 200 bis 300 Millionen Euro sollen durch Inserate von öffentlicher Hand an Medien fließen, ein Großteil zu den Boulevardzeitungen. Politiker würden bei ihrem Tun oft die Schlagzeilen für diese Blätter vorausdenken. Der Politikwissenschaftler Fritz Plasser prägte deswegen für Österreich den Begriff „Boulevarddemokratie“.

Mitarbeiter
„Österreich“-Chef Wolfgang Fellner wird ein ruppiger Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nachgesagt. Es sollen Sätze fallen wie „Ich bringe euch alle um“. Die Personalfluktuation ist laut der Bewertungsplattform Kununu hoch. Aktuell werfen dazu mehrere Frauen Fellner sexuelle Belästigung vor. In einem Fall hat Fellner auf Unterlassung der Vorwürfe geklagt.

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