Regierungswechsel in Thüringen Der Wossi und der Unrechtsstaat

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Beim Machtwechsel in Erfurt kann sich zeigen, wie es um die innere Einheit und die demokratische Reife der Republik bestellt ist. Der Regierungschef in spe, Bodo Ramelow, hat im Vorfeld schon mal Öl ins Feuer gegossen. Das bringt die Genossen auf.

Der Westdeutsche  Bodo Ramelow (links) will in Erfurt Regierungschef werden,  Susanne Hennig-Wellsow hat ihm als Parteichefin den Boden bereitet. Foto: dpa
Der Westdeutsche Bodo Ramelow (links) will in Erfurt Regierungschef werden, Susanne Hennig-Wellsow hat ihm als Parteichefin den Boden bereitet. Foto: dpa

Erfurt - Von außen ist der gelbliche Plattenbau in der Geraer Schlossstraße eine hässliche Bausünde. Innen erinnert das weitläufige Foyer des Kultur- und Kongresszentrums, in der Stadt liebevoll „Kuk“ genannt, an den längst abgerissenen Palast der Republik in Berlin. Schuld daran sind die kupferfarbenen Fensterscheiben und die äußerst vielteilige Lampeninstallation. Fast wäre nach der Wende auch das Kuk abgerissen worden. Aber heute steht es – die Geraer Linke hat das durchgesetzt – unter Denkmalschutz. Das liegt vor allem an dem 450 Quadratmeter großen, monumentalen Kalksteinrelief mit 89 Einzelskulpturen an der Längswand

„Lied des Lebens“, heißt das sozialistische Kunstwerk aus den 70er Jahren. Und darum geht es im Grunde auch jetzt wieder, wo die Thüringer Linkspartei in einer Ecke dieses übergroßen Foyers eine kleine Bühne aufgebaut hat. Rund 200 Genossen – die meisten von ihnen haben ausweislich ihrer weißen und grauen Schöpfe mindestens zwei Drittel ihres Lebens in der DDR gelebt – sitzen in den ordentlich aufgebauten Stuhlreihen davor.

Dass im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag steht, die DDR sei „in der Konsequenz ein Unrechtsstaat“ gewesen, ist für viele schon schwer zu schlucken. Doch dass ihr eigener Regierungschef in spe, Bodo Ramelow, im „Spiegel“ sagte, „jedes kleine oder größere Arschloch im DDR-Apparat konnte in das Leben der anderen eingreifen“, trifft sie tief. Sie waren damals dabei, manche als Funktionäre. 25 Jahre nach der friedlichen Revolution wollen sie nicht zu einer kritischen Revision der eigenen Biografie gezwungen werden und das Lied ihres Lebens noch einmal neu interpretieren müssen. Sie und ihre Zeitgenossen wollen diese „A. . .löcher“ nicht sein, wie Gerhard Neumeier von der Senioren-AG in Gera später, sich von Ramelow distanzierend, erklärt. Eingeladen sind die Genossen, um über den rot-rot-grünen Koalitionsvertrag zu diskutieren und ihre Stimme für den Mitgliederentscheid abzugeben. Die meisten erledigen das schon vor dem Auftakt der Veranstaltung. Der Pappkarton mit den Briefumschlägen ist rappelvoll, noch bevor die erste Rede gehalten, die erste Frage gestellt und die erste Kritik formuliert worden ist. Die Geraer Genossen entscheiden mit darüber, ob nächste Woche in Erfurt erstmals ein rot-rot-grünes Regierungsbündnis geformt wird und mit Bodo Ramelow der erste linke Ministerpräsident in Deutschland die Arbeit in der Staatskanzlei aufnehmen kann. Der Mann, um den sich derzeit alles in Thüringen dreht, ist gar nicht da. Stattdessen sitzen Susanne Hennig-Wellsow und Steffen Dittes, die Landesvorsitzende und ihr Vize, auf der kleinen Bühne und werben für das Projekt.