Region Leonberg Werkrealschule boomt – und geht doch zurück

Von Florian Mader 

Weil der Stadt schließt seine Werkrealschule zum kommenden Schuljahr, Leonberg hat sie schon lange nicht mehr. Dennoch, dort wo es sie noch gibt – etwa in Merklingen und Renningen – erfreut sie sich zunehmender Schülerzahlen.

Bei der Würmtalschule in Merklingen Foto: factum/Bach
Bei der Würmtalschule in Merklingen Foto: factum/Bach

Leonberg - Nein, so weit weg wollte sie eigentlich nicht. Julia (Name geändert) klingt ein wenig trübselig, wenn sie von ihrem Werdegang in den vergangenen drei Jahren erzählt. Nach der Grundschule war sie auf einem Gymnasium in Leonberg, dann auf der Realschule. „Dann musste ich die siebte Klasse wiederholen“, erinnert sich die 15-Jährige. Das ging damals rechtlich noch nicht, weil sie schon die sechste wiederholt hatte.

Bei zweimal Sitzenbleiben heißt es nämlich: Schulwechsel – auf eine Werkrealschule. Das entpuppte sich als richtiges Problem, die Suche nach einer solchen Schulart war für die junge Höfingerin schwierig. Denn die Werkrealschule ist auf dem Rückzug. In Weil der Stadt macht die Werkrealschule zum nächsten Schuljahr komplett zu, alle Schüler müssen dann an die Würmtalschule nach Merklingen wechseln. Der Weiler Gemeinderat hat dem in seiner jüngsten Sitzung zugestimmt, nachdem das Schulamt in Böblingen dies vorgeschlagen hatte.

Weil der Stadt macht seine Werkrealschule zu

„Wir brauchen hier die Räume für unsere Gemeinschaftsschule“, erklärt der stellvertretende Schulleiter Ulrich Markwald auf Nachfrage. Gemeinsam mit dem Merklinger Schulleiter Stefan Kunze hätte man sich zusammengesetzt. „Mit Merklingen haben wir ja ohnehin schon immer eine sehr gute Kooperation“, sagt Markwald.

Weil der Stadt macht damit nach, was Leonberg schon vor vier Jahren vorgemacht hat. Die dortige Schellingschule nimmt schon seit 2013 keine neuen Schüler mehr auf. Der letzte Jahrgang kommt im Sommer in die zehnte Klasse – danach wird die Werkrealschule in Leonberg Geschichte sein.

Neben Merklingen verbleiben im Altkreis dann noch die Werkrealschul-Standorte in Rutesheim und Renningen. Aber auch hier hatte Julia schlechte Karten. „Und in eine Gemeinschaftsschule wollte ich nicht“, erinnert sie sich. Schließlich hat das Schulamt die Familie auf die Würmtalschule in Merklingen verwiesen. Jetzt ist Julia jeden Morgen eine dreiviertel Stunde unterwegs, erst mit der S-Bahn von Höfingen nach Leonberg und dann weiter mit dem Bus nach Merklingen.

Wie passt das zu der Meldung, dass ­beispielsweise die Werkrealschule in ­Rutesheim um ihre Existenz bangen muss, weil sich zum kommenden Schuljahr nur drei Kinder angemeldet haben und daher keine neue fünfte Klasse gebildet wird? Seit dem Wegfall der verbindlichem Grund­schul­empfehlung geht es vielen Schülern so wie Julia, sie kommen auf die höhere Schule, wo sie dann scheitern.

„Unsere Gesellschaft will gern mehr sein, als sie ist“, sagt Gerhard Kicherer, Rektor der Friedrich-Schiller-Schule Renningen. Dabei sei die Werkrealschule unverzichtbar. „Vor allem für Schüler, die eher praktisch begabt sind und in diesem Bereich ihren Berufsweg finden“, ist Kicherer überzeugt. Seine achte Klasse in Renningen ist daher voll, genauso wie die achte Klasse in Rutesheim – für Julia blieb daher nur der Weg nach Merklingen.

Werkrealschule, die regional ausstrahlt

Um seine Zukunft ist Stefan Kunze, der dortige Rektor, daher nicht bange. Nicht nur die Mittelstufe ist gut besucht, auch für die kommende fünfte Klasse hat er schon 21 Anmeldungen. „Ich möchte hier eine Werkrealschule schaffen, die auch regional ausstrahlt“, sagt er. Denn wenn die Städte diese Schulart schließen, ist offenbar die Stunde der Dörfer gekommen.“ Ein Drittel der Schüler kommt nicht aus dem Stadt­gebiet von Weil der Stadt, viele aus Heimsheim, Tiefenbronn, Ehingen, Ostelsheim, drei Schüler auch aus Leonberg.

„Es gibt Kinder aus privaten unsicheren, schwierigen Verhältnisse, die brauchen diese Schulart“, sagt Kunze. Draußen, vor seinem Büro werden derzeit die neue Mensa und einige Klassenzimmer gebaut – nicht nur räumlich setzt er auf die Zukunft. Dennoch, auch in Leonberg wird so ein Fall wie der von Julia wohl nicht mehr vorkommen. Seit zwei Jahren unterrichten die Realschulen im Land auf zwei unterschiedlichen Niveaus. Das grundständige Niveau entspricht dem der Hauptschulen. Im nächsten Schuljahr kommen die Schüler, die mit diesem neuen Bildungsplan unterrichtet werden in die siebte Klasse. „Dann werden wir verschiedene Klassen mit unterschiedlichen Niveaus bilden“, kündigt Heidrun Barth, die Schulleiterin der Ostertag-Realschule, an. Bisher hat man innerhalb der Klassen differenziert.

Wäre Julia in diesem neuen System ­sitzen geblieben, hätte sie nur innerhalb der Realschule in das niedrigere Niveau wechseln müssen, sie hätte die Schule nicht mehr verlassen müssen. „Freiwillig dürfen Schüler die Klassen noch wiederholen“, sagt Barth. „Aber das unfreiwillige Wiederholen, das gibt es in dem neuen System nicht mehr.“