Region Stuttgart Einsätze wegen Nichtigkeiten – das sind die Gründe
Immer wieder müssen Rettungsdienste und Feuerwehr wegen Lappalien anrücken. Das Problem sei nur manchmal Anspruchsdenken, sagen Sprecher der Blaulichtorganisationen.
Immer wieder müssen Rettungsdienste und Feuerwehr wegen Lappalien anrücken. Das Problem sei nur manchmal Anspruchsdenken, sagen Sprecher der Blaulichtorganisationen.
Ein brennender Papierkorb oder Rückenschmerzen – Dinge, wie diese, sind sicher ein Ärgernis, sie können vielleicht auch zu einer Gefahr werden, wenn man sie ignoriert. Ein Grund, den Notruf zu wählen, sind sie nicht. „Die Zahl der Einsätze ohne Notfall hat in den letzten Jahren stark zugenommen“, sagt Florian Hambach, Kreisbeauftragter Rems-Murr des Malteser Hilfsdienstes. In weiten Teilen der Bevölkerung herrsche ein regelrechtes Anspruchsdenken – nach dem Motto: „Wenn ich Hilfe brauche, dann auch sofort“, sagt Hambach.
Markus Kramer, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Rems-Murr, pflichtet ihm bei. „Die Bagatell-Lagen nehmen zu“, sagt er. „Wegen eines brennenden Mülleimers hätte man früher einen Eimer Wasser genommen und selbst gelöscht. Heute wird stattdessen die Feuerwehr gerufen“, sagt Kramer. Besonders ärgerlich sei, dass Ehrenamtliche anrücken müssten, die dafür unter Umständen ihre Freizeit opfern.
Beim Roten Kreuz (DRK) sind Einsätze wegen Nichtigkeiten ebenfalls ein großes Thema – und zwar seit Jahren. „Grob geschätzt sind um die 50 Prozent unserer Fahrten eigentlich nicht notwendig“, sagt ein Sprecher eines Kreisverbandes aus der Region. Auch die Rufnummer für Krankentransporte – 19 222 – sei nur bedingt eine Alternative zum Notruf, „über die kommt man ja genauso bei der Leitstelle heraus“.
Der richtige Weg bei nicht lebensbedrohlichen Fällen sei es eigentlich, über die Nummer 116 117 den ärztlichen Notdienst zu rufen. Zumindest in der Theorie. „Leider ist die Erreichbarkeit dort katastrophal“, so der DRK-Sprecher. Das Problem habe sich verschärft, seit die Anrufe nicht mehr in den Leitstellen entgegengenommen werden, sondern in speziellen Callcentern der Kassenärztlichen Vereinigung. „Wir bekommen immer wieder Berichte von Patienten, die dort stundenlang in der Schleife hängen.“ Da dürfe es nicht verwundern, wenn ein Patient aufgebe und dann doch die 110 oder 112 wähle. Zudem ist die Rufnummer 116 117 bei vielen Menschen wohl weniger bekannt als der klassische Notruf.
Ein weiterer Grund, warum Rettungsdienste ohne Notfall anrücken müssen, sieht Florian Hambach von den Maltesern im Mangel an Fach- und Hausärzten. „Angesichts dessen kann ich es eigentlich niemandem verdenken, wenn er den Notruf wählt“, sagt Hambach. Der Ärztemangel müsse dringend bekämpft werden. „Außerdem sollten wir schon bei den Schulen mit der Aufklärung darüber ansetzen, wozu der Rettungsdienst und die Krankenhäuser gut sind.“ Eine Absenkung der Hilfsfrist, wie sie derzeit diskutiert wird? „Damit hätten wir zwar mehr Kosten und mehr Rettungswagen, aber wir packen das Problem nicht an der Wurzel.“
Bei der Polizei in der Region mag man über Anrufe wegen Bagatellen nicht so recht klagen. „Sogar wenn uns jemand anruft, weil die Ampel nicht grün wird, lohnt es sich ja, dass Kollegen vorbeifahren und sich die Sache ansehen“, sagt Ramona Noller, Sprecherin des Polizeipräsidiums Reutlingen. Bei verdächtigen Wahrnehmungen rät sie, lieber einmal zu oft anzurufen als einmal zu wenig. „Wenn ich weiß, ein Fall ist nicht ganz so dringend, kann man auch auf dem örtlichen Revier anrufen“, sagt Noller. Da aber nicht jeder die passende Nummer parat habe, dürfe sogar dann die 110 gewählt werden. Bei der Polizei Ludwigsburg sieht man dies ebenso: „Oft ist beim Eingang eines Einsatzes dessen Verlauf und Ausgang nicht vorhersehbar, weshalb wir lieber einmal zu oft als einmal zu wenig ausrücken“, sagt eine Sprecherin.
Doch auch da gibt es natürlich Grenzen. Ende Juni etwa wählte ein Betrunkener aus Kernen im Remstal mehrere Male den Notruf und versuchte, Alkohol zu bestellen. Schlussendlich gipfelte dies in Beamtenbesuch und Handgreiflichkeiten.
Als in einer Nacht im Mai 2021 ein Polizeihubschrauber über Weinstadt kreiste, hagelte es Beschwerden von Anwohnern. Einer von ihnen wählte dafür sogar den Notruf. Martin Landgraf, der stellvertretende Leiter der baden-württembergischen Hubschrauberstaffel, betont, er habe grundsätzlich Verständnis für Bürger, denen ihre Nachtruhe wichtig sei. Jedoch: „Nachts fliegen wir sicher nicht zum Spaß. Wenn wir es doch tun, geht es häufig um Leib und Leben.“ Ob ein Hubschrauber eingesetzt wird, werde sorgfältig abgewogen.
Sollte sich im Nachgang herausstellen, dass ein Notruf absichtlich oder wissentlich missbraucht oder vorgetäuscht wurde, droht einem Anrufer übrigens eine Geld- oder eine Haftstrafe bis zu einem Jahr.