Mit einem Tesla begann der Ärger
Schellings Part auf dem „Atem“-Podium ist zu Ende. Während sie neben der Bühne noch Fragen beantwortet, singt aus den Boxen Robbie Williams davon, dass er wahre Liebe und ein Zuhause spüren möchte. In ihrem politischen Zuhause wird Nicola Schelling derzeit wenig Liebe entgegengebracht. Wer ist schuld am Kleinkrieg im Verband? Und wo könnte man diese Frage besser beantworten als bei einem Roadtrip in Schellings Tesla Model S 90D? Abfahrt vom Karlsplatz nach Brüssel, wo sie an der Europäischen Woche der Regionen teilnimmt. Über das Interview-Kammerspiel wacht Buddha auf dem Armaturenbrett.
Mit einem Tesla begann 2014 der Ärger um Nicola Schelling, als sie sich zu Amtsbeginn ein Auto von Elon Musk und nicht von Gottlieb Daimler bestellte. Keinen Mercedes! Als Mandatsträgerin in Stuttgart! Sakrileg! Schellings Stern schien zu sinken, ehe sie ihren Job richtig angetreten hatte. Der Kompromiss: Schelling leaste das Auto privat, dienstlich gefahrene Kilometer durfte sie über den Verband abrechnen.
Um was geht es in der Auseinandersetzung zwischen Bopp und Schelling?
Drei Jahre später könnte man konstatieren, dass die Regionaldirektorin in Mobilitätsfragen ihrer Zeit voraus war. Jenseits der Frage, wie sehr Tesla seinen Produktionszielen hinterherhinkt, ist die Marke das derzeit am stärksten emotional aufgeladene Fahrzeug. Die sehnsuchtsvolle Schnappatmung bei den Konsumenten ist vergleichbar mit der, die das iPhone in seiner Anfangszeit auslöste. Passanten bestaunen das Auto, als würden die Gründer des Deutschen Pferdekutschenverbands das erste Auto begaffen. Im Innenraum sieht das Heilsversprechen aus wie ein Touchscreen auf vier Rädern. Um die Tatsache, dass Schelling sich vor Kurzem wieder ein Fahrzeug desselben Herstellers zugelegt hat, wird kaum Aufhebens gemacht.
Vielleicht weil sich gerade alles um die Auseinandersetzung zwischen Schelling und Bopp dreht? Fragt man Beobachter, so heißt es, dass da zwei Alphatierchen aufeinandertreffen, die nicht miteinander können. Dass Bopp ein Machtvakuum genutzt habe, das die Vorgängerin von Schelling hinterlassen habe. Ein Politiker sagt, er habe gleich gewusst, dass die Konstellation nicht funktionieren könne. Ein anderer bemüht ein Bild aus der Botanik: „Man kann keinen Busch pflanzen, wo schon Bäume wachsen.“ Thomas Bopp will auf Nachfrage lieber gar nichts sagen.
Fragt man Nicola Schelling auf der Autobahn nach dem Kleinkrieg, bringt sie andere Gründe ins Spiel. „Mir geht es nicht um persönliche Animositäten, sondern um demokratische Strukturen. Ich bin eine Verfechterin des Rechtsstaatsgedankens. Der ehrenamtlich tätige Verbandsvorsitzende darf sich um die Außenwirkung nicht alleine kümmern wollen. Sonst gerät etwas aus dem Lot.“
Hat sie selbst auch Fehler gemacht? „Die Einarbeitungszeit bei solch einem Posten ist schwierig“, sagt sie und schiebt hinterher, dass sie alles wieder so machen würde. Tatsächlich sagen langjährige Beobachter des Verbands, dass sich Schelling gemacht habe. Anfangs habe sie unsicher gewirkt. Beim Small Talk sei sie alleine in der Ecke gestanden. Heute trete sie anders auf. Ihre Steckenpferde – der Ausbau der Schnellladestruktur und des Glasfasernetzes – treibe sie voran.
Angefangen hat die Regionaldirektorin als Schreinerin
Was deutsche Autohersteller erst noch bauen wollen, hat der Hipster-Fahrzeughersteller scheinbar über Nacht in die Tat umgesetzt: ein Netz von Ladepunkten. Erste Ladepause auf dem Autohof Waldlaubersheim an einer Schnellladestation von Tesla. In der Raststätte wird ein Trucker-Burger angepriesen. Frage an Schelling: Ist die jetzige Situation die heftigste berufliche Prüfung, die sie je zu meistern hatte? Sie überlegt und verneint. Angefangen hat Schelling mit einer Lehre zur Holzmechanikerin. „In meiner Ausbildung war es nie ein Problem, dass ich eine Frau in einer Männerdomäne war. Ich habe gerne zugepackt und hatte die gleichen Blasen an den Händen wie meine Kollegen.“ Die gute Nachricht in Bezug auf den Streit im Verband: Einen runden Tisch könnte Schelling im Notfall selbst schreinern. Nach dem Ausflug in die Welt des Praktischen studierte Schelling Jura in Marburg und Paris. Französisch spricht sie fließend. Nach dem Studium war sie als Richterin tätig. Eine prägende Zeit, sagt sie. „Es gibt keine Garantie für Gerechtigkeit, im schlimmsten Fall kann man den falschen Zeugen glauben. Ich schaue aber immer gerne über den Tellerrand. Die Rechtslage selbst zu kennen bedeutet nicht, dass man sich auch mit den Lebensumständen des Angeklagten ausreichend befasst hat.“
Im Staatsministerium arbeitete sie unter Erwin Teufel
Später arbeitete sie im Staatsministerium. „Christoph Palmer war ein wunderbarer Staatsminister, der mit Ministerpräsident Erwin Teufel toll zusammengearbeitet hat. Ich habe später nie wieder eine so gute Kooperation erlebt wie bei den beiden. Der eine hat einen roten Stift benutzt, der andere einen grünen. Jeder Aktenvermerk war nachvollziehbar.“
Weiterfahrt nach Brüssel. Schelling erzählt von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Präsidentin von Metrex, dem Netzwerk europäischer Regionen und Ballungsräume. Der Austausch mit anderen Verbänden sei wichtig, die Herausforderungen für Regionen in Europa ähnlich.
Bei der Europäischen Woche der Regionen geht es um eine bessere Zukunft
In Waldlaubersheim regnet es. Das ist doch kein Ladewetter. Schelling will aber vollladen, damit sie auf dem Rückweg von Brüssel nicht an der nächstbesten Station halten muss. Statt in einem belgischen Bistro gibt es das Dinner in einem chinesischen Restaurant im Nirgendwo. Ankunft in Brüssel schließlich um 22.30 Uhr. Das Hotel verfügt über Ladesäulen in der Tiefgarage.
Am nächsten Morgen Lagebesprechung in der Landesvertretung von Baden-Württemberg, die Schelling von 2010 bis 2012 geleitet hat. Heimspiel für die Regionaldirektorin, großes Hallo bereits am Empfang und Küsschen links wie rechts für sämtliche Security-Mitarbeiter. Marcus Göpfert, Leiter des Europabüros der Region Stuttgart, bringt Nicola Schelling auf den neuesten Stand. An der European Week of Regions and Cities mischen rund 6000 Teilnehmer mit. In mehr als 100 Workshops wird die Frage geklärt, wie Regionen sich für eine bessere Zukunft in Europa einsetzen können.
Schellings erster Termin führt sie zu Polis, einem Netzwerk, in dem sich Städte und Regionen gemeinsam für einen nachhaltigen Nahverkehr einsetzen. Karen Vancluysen, Polis-Generalsekretärin, erzählt davon, wie aktiv die Lobbyisten der Automobilbranche derzeit in Brüssel sind – und wie nervös. Die Vertreter wünschten sich eine verbindliche Verordnung in Bezug auf Fahrverbote in Städten, um langfristig planen zu können. Die EU will aber nichts Bindendes verabschieden, sondern möchte die Städte selbst entscheiden lassen.
Auch Vancluysen hat schon von der dicken Luft in Stuttgart gehört. Ob ein Fahrverbot da nicht Sinn ergebe, fragt sie. „Aus der Perspektive der Region lehnen wir das ab. Sonst greifen die Menschen womöglich nicht auf den Nahverkehr zurück, sondern fahren einfach in eine andere Stadt als Stuttgart“, sagt Schelling, und zum nächsten Thema: „Ich suche nach Vergleichen aus anderen Städten: Wer zahlt dort für eine Schnellladeinfrastruktur?“ Verkürzt gesagt, ist in diesem Punkt gerade eine Variation des beliebten Beamten-Mikados zu beobachten: Wer sich zuerst bewegt, zahlt. Zum Abschied werden die wichtigen Fragen erörtert. Ob man schon gehört habe, dass Tesla-Chef Elon Musk eine Affäre mit Angelina Jolie habe? Elektrisierend!
Schellings Klingelton? Eine Melodie aus „Kill Bill“
Weiter geht’s zum nächsten Termin beim EU-Beamten Axel Volkery, der in der Europäischen Kommission im Bereich Mobilität und Transport tätig ist. Die Diskussion ist hoch spannend. Es geht zum Beispiel um folgende Schwierigkeit: Wenn ein Supermarkt neu gebaut wird und der Marktbetreiber zehn Schnellladesäulen einplanen soll, mehrere gleichzeitig ladende Fahrzeuge aber mehr Strom verbrauchen als der Supermarkt selbst – wer zahlt dann für das Ladevergnügen? Und – über den deutschen Tellerrand hinausgedacht – was passiert, wenn Schnellladeinfrastruktur auf osteuropäische Stromnetze trifft? Derzeit werde der komplette Transportsektor umgebaut, sagt Axel Volkery. Das müsse Europa gemeinsam hinkriegen und nicht als Flickenteppich.
Weiter geht’s zum nächsten Termin. Schelling ist zum Arbeitsessen mit Thomas Wobben verabredet. Wobben ist Direktor in Diensten des Europäischen Ausschusses der Regionen, zuvor hat er die Landesvertretung von Sachsen-Anhalt in Brüssel geleitet. Nicola Schelling bestellt Rindertartar. Wobben klärt sie über den aktuellen Stand der europäischen Kohäsionspolitik auf. Verkürzt gesagt, geht es bei der Kohäsion um den Zusammenhalt innerhalb der EU und um die Stärkung wirtschaftlich schwächerer Regionen, also um Geld. Um viel Geld. Für die Kohäsionspolitik von 2014 bis 2020 ist fast ein Drittel des gesamten EU-Haushalts vorgesehen – 351,8 Milliarden Euro. Womit wir wieder bei Schellings Thema wären: Wer zahlt für die Schnellladeinfrastruktur? Wobben will von Schelling wissen, welche Erfahrungswerte sie in diesem Bereich von Metrex mitgebracht habe. Dort gehe es auch um den Aufbau eines vernünftigen Mittelspannungsnetzes: „Klar müssen die Magistralen durch Europa versorgt werden. Das Ladesystem muss aber auch in der Stadt für Menschen ohne eigene Garage funktionieren. Und da muss wiederum gewährleistet sein, dass das Mittelspannungsnetz die Schnellladestationen verträgt.“
Nach dem Termin verabschiedet sich Schelling ins Gewusel der Europäischen Woche. Letzte Frage: Wie sieht sie denn nun aus, die Zukunft des Verbands Region Stuttgart? Die Regionaldirektorin hat noch einen Vertrag bis 2022. Bevor sie antworten kann, klingelt ihr Handy. Der Klingelton? „Georgie’s Theme“ von Bernard Herrmann. Dieses furchteinflößende Pfeifen gelangte in Quentin Tarantinos Film „Kill Bill“, dem vielleicht heftigsten Rachefeldzug einer Frau in der Filmgeschichte, zu einiger Berühmtheit. Nicola Schelling hat anscheinend noch etwas vor.