In der Bahnhofstraße stand die Schuhfabrik Schmalzried. Links hinten ist das Leonberger Krankenhaus zu sehen. Foto: arno
Von 140 Jahren hat in Leonberg die industrielle Fabrikation von Schuhen begonnen. Deren wechselvolle Geschichte endet nun mit der Umwandlung des letzten Produktionsstandortes
Arnold Einholz
17.04.2026 - 19:07 Uhr
Ein Kapitel Leonberger Gewerbegeschichte geht zu Ende. Die Weichen für die Zukunft der alten Schuhfabrik an der Eltinger Straße sind gestellt. Nach jahrelangem Hin und Her haben sich Gemeinderat und Verwaltung darauf geeinigt, auf dem Gelände ein Quartier mit Wohnungen, Handel und Gewerbe entstehen zu lassen. Damit verschwinden die letzten Spuren der industriellen Schuhfabrikation in der Stadt unter dem Engelberg.
Die erste Schuhfabrik ging in Leonberg vor 140 Jahren in Betrieb, erbaut von Egidius Schmalzriedt. Der hatte 1876 in Schwieberdingen ein eigenes florierendes Geschäft, was ihn bewog nach Mönsheim umzuziehen und 1885 eine kleine Fabrik mit 40 Angestellten zu gründen. Leonbergs Anschluss an die Eisenbahn hatte Schmalzriedt 1885 überzeugt,in der heutigen Bahnhofstraße ein Fabrikgebäude und sein Wohnhaus.
Im August 1886 begann die Schuhherstellung in Leonberg mit 70 Angestellten. Um genügend Leder zu haben, übernahm der Fabrikant zwei Gerbereien. Zehn Jahre später arbeiteten 220 Menschen für Schmalzriedt. Doch zufrieden sind die wohl nicht gewesen, denn im August 1896 legten etwa 200 die Arbeit nieder. Nur 13 Personen schlossen sich nicht dem Ausstand an.
Damit nahm in Leonberg der wohl einzige markante Arbeitskampf vor der Jahrhundertwende seinen Anfang. Auslöser war die Entlassung mehrerer Kollegen zwei Wochen zuvor, die dem hiesigen Fachverein für Schuhmacher angehörten, einer 1883 gegründeten freien Gewerkschaft.
Noch sind die historischen Gemäuer der Alten Schuhfabrik zu sehen. Foto: Simon Granville
In zwei öffentlichen Versammlungen legten die Schuhmacher ihren Standpunkt dar: Wiedereinstellung der entlassenen Arbeiter, besserer Lohn, niedrigere Akkordsätze, eins Krankenkassenwesen, besseren Arbeitsschutz und einen Ankleideraum für die Arbeiterinnen. Die Ausweitung des Forderungskataloges ging wohl auf auswärtige Funktionäre des Schuhmacherverbandes zurück, die der Auseinandersetzung ihren Stempel aufdrückten. Dadurch bekam der Streik eine politische Note.
Der Ausstand war schnell beendet
Bürgermeister Johann Andreas Häcker versuchte, zwischen den beiden Lagern zu vermitteln. Doch Schmalzriedt goss Öl ins Feuer, indem er sich in der Leonberger Zeitung weitere Vermittlungsversuche verbat. Sobald 150 Personen wieder arbeiten würden, bliebe die Fabrik für die restlichen 70 für immer geschlossen, verkündete er. Außerdem habe er bereits 30 Menschen für immer entlassen. Wer arbeiten wolle, sei willkommen.
Die fortgesetzten Drohungen Schmalzriedts verfehlten ihre Wirkung nicht. Bald hatten 50 Menschen die Arbeit aufgenommen, kurz danach bereits acht Buchhalter und 95 Arbeiter dem Ausstand den Rücken gekehrt. Bei Schmalzried lief die Schuhfabrikation wieder an. 20 Tage nach Ausbruch des Streiks, arbeiteten über 150 Personen. Am 20. September hielt der wohl auch die Auseinandersetzung für beendet, denn er bewirtete nach „überstandenen Kämpfen“ sein ihm verbliebenes Personal in einer Leonberger Gaststätte mit Speisen und Getränken.
Die Schuhfabrik Schmalzriedt gedieh, sodass um 1900 das Anwesen erweitert wurde. Der Besitzer errichtete ein sogenanntes Mädchenheim für auswärtige Arbeiterinnen, in dem die Frauen durch eine Schwester des Stuttgarter Diakonissenhauses im Kochen und in Haushaltsführung unterrichtet wurden.
Im Jahr 1912 wurde der Betrieb von der zweiten Generation – Egidius und Karl Schmalzriedt – übernommen. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg hatten sie es schwer, dem Druck der in Kornwestheim ansässigen mächtigen Salamander-Werke Stand zu halten. Erst ab 1937, nun unter der Führung des Egidius Schmalzriedt der dritten Generation, ging es mit der Leonberger Schuhfabrik in der Bahnhofsstraße wieder aufwärts.
Produktion wurde nach Budapest verlegt
1957 traten von der traditionsreichen Sindelfinger Schuhfabrik „Heinrich Dinckelacker“ die Brüder Burkhardt, Rolf und Kurt Dinkelacker in das Leonberger Unternehmen ein. Die Firma hieß nun Albano-Schuhfabrik. Doch der Fachkräftemangel im deutschen Schuhmacherhandwerk und steigende Produktionskosten hatten Dinkelacker in den Sechziger-Jahren veranlasst, die Produktion nach Budapest zu verlegen. Als sich Burkhardt Dinkelacker 2004 im Alter von 76 Jahren in den Ruhestand zurückzog, endete die Ära der Familienführung im Unternehmen.
1898 links der Schornstein der „Süddeutschen Schuhfabrik“ zu sehen. Die Maschinen wurden mit Dampfkraft angetrieben Foto: arno
Dies ist nur ein Teil der Geschichte: Denn der Schumacher-Streik 1886 bei Schmalzriedt hatte ungeahnte Folgen. Da ein Ende des Konflikts nicht abzusehen war und die Ausständigen zusehends an Stärke verloren, beschlossen sie, eine zweite Schuhfabrik in Leonberg zu errichten. Eine Kommission sah sich nach Maschinen um und am 9. September wurde für 19 500 Mark das Färber Laurer’sche Anwesen in der Eltinger Straße gekauft, das heute als die Alte Schuhfabrik bekannt ist.
Dort stand eine Dampfmaschine, und bis das Gelände für die Schuhfabrikation umgerüstet war, produzierten die Schuhmacher zuhause oder in gemieteten Räumlichkeiten. Gearbeitet wurde auf genossenschaftlicher Basis unter dem Namen „Süddeutsche Schuhfabrik Leonberg.“ Woher allerdings das Geld für den Kauf der Maschinen und des Anwesens stammten, ist nicht bekannt.
Zuletzt waren in der Alten Schuhfabrik Künstler untergebracht. Foto: Simon Granville
Das Experiment einer neuen genossenschaftlichen Schuhfabrik schlug nach einem Jahr fehl. Der Backnanger Lederfabrikant Karl Käß, der der Schuhfabrik schon vorher finanziell unter die Arme gegriffen hatte, übernahm das Unternehmen. Die Zahl der Mitarbeiter schwankte zwischen 60 und 150 Personen.
1901 trat Wilhelm Käumlen in den Betrieb ein und übernahm diesen im Jahr 1910 als Eigentümer. Käumlen leitete die Firma über beide Weltkriege hinweg. Er erhöhte das Fabrikgebäude um ein drittes Stockwerk und ließ den Fabrikschornstein und das Kesselhaus abtragen. Dafür baute er 1928/29 neben dem Fabrikgebäude ein Wohnhaus.
Es gab noch eine dritte Schuhfabrik
In der Nachkriegszeit hätten 140 Arbeiter mit den vorhandenen Maschinen täglich 600 bis 700 Paar Schuhe herstellen können. Doch der allgemeine Ledermangel ließ dies nicht zu. Im Jahr 1977 unter dem letzten Fabrikbesitzer Erich Hägele wurde die Schuhproduktion eingestellt. Von den Erben wurden 2015 die Gebäude an die Stadt verkauft.
Im Jahr 1949 gründete Karl Sauerwein, ein Hausschuhhersteller aus Ludwigsburg, noch eine dritte Schuhfabrik in Leonberg. Die Firma mit rund 100 Mitarbeitern hatte die Auflage, Heimatvertriebene – überwiegend ungelernte Arbeitskräfte – in ein unkündbares Arbeitsverhältnis aufzunehmen. Doch anscheinend lief die Sache nicht allzu gut. 1951 hatte die Firma nur noch 60 Mitarbeiter. Sie befand sich laut den Recherchen von Ina Dielman vom Stadtarchiv Leonberg, in der damaligen Poststraße 55. Das ist heute irgendwo auf dem heutigen Bosch-Gelände.