Haben gemeinsam gekämpft, damit der Schlachthof eine Zukunft hat: Architekt Josef Kuon, Gärtringens Bürgermeister Thomas Riesch, Josef Hecht (Geschäftsführer Heimatfleisch), Wolf Eisenmann als Verhandler im Auftrag des Landkreises, Landrat Roland Bernhard, Landwirtschaftsminister Peter Hauk und Daniel Burgmayer (Vorstand Heimatfleisch). Foto: Käthe Rueß
Fünfeinhalb Jahre nach der Schließung erfolgt der tierwohlgerechte Umbau des Gärtringer Schlachthofs. Die Gesamtinvestition beläuft sich auf fast zehn Millionen Euro.
Käthe Rueß
26.02.2026 - 14:40 Uhr
„Die Ausdauer, Hartnäckigkeit und Zähigkeit aller Beteiligten haben sich gelohnt“, sagte Landrat Roland Bernhard am Donnerstagvormittag erleichtert. Der Spatenstich für die Modernisierung des Gärtringer Schlachthofs zeige: Die Einrichtung hat nach fünfeinhalb Jahren Planung doch eine Zukunft – und soll nach dem Umbau neue Maßstäbe für Tierwohl, Regionalität und Verbraucherschutz setzen.
„Hinter uns liegt eine Herkulesaufgabe“, ein steiniger Weg, auf dem viele Hürden hätten überwunden werden müssen, blickte der Landrat zurück. Insbesondere der Ausstieg der Stadt Rottenburg und des Landkreises Tübingen, nachdem ein Bürgerentscheid ein klares Votum für den Erhalt des dortigen Schlachthofes ergeben hatte, „wäre schon fast das Ende des Gesamtprojekts gewesen“, weil damit auch ein fest eingeplanter Zuschuss weggebrochen ist. Hinzu kamen explodierende Baukosten in der Coronazeit und als Auswirkungen des russischen Angriffs auf die Ukraine. So kletterte die Investitionssumme zwischenzeitlich auf fast 14 Millionen Euro. Zudem sorgte der Wechsel des Architekturbüros, verbunden mit einer erneuten vollumfänglichen Neuplanung, für zeitliche Verzögerungen.
Land schießt 40 Prozent der Kosten zu
Die nun vorliegende Planung des Architektenbüros Kuon aus Ingoldingen geht von einer Gesamtinvestition in Höhe von rund 9,9 Millionen Euro aus. Mit 6,8 Millionen Euro, davon drei Millionen als Darlehen, fördert der Landkreis Böblingen das Vorhaben. Auch das Land Baden-Württemberg ist, wie berichtet, mit an Bord. Es unterstützt den Umbau im Rahmen der EU-Vorgaben mit dem Höchstsatz von 40 Prozent der förderfähigen Kosten mit maximal 3,93 Millionen Euro.
Es sei wichtig, Schlachtstätten, die bereits vorhanden seien, zu erhalten, denn Neubauten seien schwierig, betonte der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk. „Nur so können wir das Angebot an regionalen Produkten stärken und das Tierwohl, auch durch kurze Transportwege, weiter verbessern.“ Ebenso wie der Minister unterstrich Gärtringens Bürgermeister Thomas Riesch (CDU), dass mit der Unterstützung – von Gemeindeseite durch die zügige Schaffung des notwendigen Planungsrechts – auch die Einhaltung der Vorgaben, insbesondere des Tierwohls, im späteren laufenden Betrieb im Mittelpunkt stehen müsse.
Neubau einer Viehhalle
Damit der Schlachthof zum Vorzeigeprojekt und „Leuchtturm für Baden-Württemberg“ (Minister Hauk) wird, hat Architekt Josef Kuon unter anderem den Abbruch der bestehenden Viehhallen und den kompletten Neubau einer Viehhalle unter Berücksichtigung einer klaren Zuordnung der verschiedenen Tiergattungen geplant. Die Flächen, auf denen 246 Schweine und 48 Rinder oder 178 Schafe und Ziegen untergebracht werden können, werden dabei großzügig ausgelegt.
Wichtigste Merkmale in puncto Tierwohl, das beim Schlachthof Gärtringen im Mittelpunkt stehen soll:
Automatisierung, um menschliche Fehlerquellen zu reduzieren
die Möglichkeit, die Weideschlachtung zu integrieren
tiergerechte Laufgänge
Kameraüberwachung
eine neue, moderne Betäubungsstation
Skandal im Sommer 2020 Foto: dpa
Auch die Sozialräume werden im Bereich des ursprünglichen Rinderstalls neu organisiert. Der Umkleidebereich für die Veterinäre sowie ein Schulungsraum werde so dimensioniert, dass ein Lehrbetrieb möglich ist, erklärt Kuon. Ein Veterinärgang oberhalb der Tiere in der Viehhalle bietet eine gute Übersicht über den Zutrieb und den Betäubungsbereich, was aus Sicht des Architekten eine „maximale Betreibertransparenz“ darstellt.
Gebaut und betrieben wird der Schlachthof zukünftig von der Heimatfleisch GmbH im Auftrag der Schlachthofgenossenschaft, einem Zusammenschluss von Landwirten und Metzgern aus der Region. Für deren Geschäftsführer Josef Hecht und Vorstand Daniel Burgmayer sei es „ein guter Tag“, denn ohne Schlachthof wäre eine regionale, qualitativ hochwertige Fleischerzeugung samt Wertschöpfung in der Region für Erzeuger und Metzger so nicht möglich. Ebenso wie Landrat Bernhard dankten die beiden zudem ausdrücklich dem ehemaligen Ersten Landesbeamten Wolf Eisenmann dafür, dass er im Auftrag des Landkreises Böblingen die Förderverhandlungen mit dem Land zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht hat.
Neustart beim Schlachthof
Skandal Im August 2020 veröffentlicht die Tierrechtsorganisation „Soko Tierschutz“ Videos, die Tiermisshandlungen im Gärtringer Schlachthof zeigen. Daraufhin schließt das Böblinger Landratsamt den Betrieb, die Betreibergenossenschaft löst sich auf, der Geschäftsführer tritt zurück. Man trennt sich von verantwortlichen Veterinären.
Schwierige Finanzierung Kurz darauf ist klar: Ein kompletter Neustart in Gärtringen soll folgen. Ein neues Konzept sieht vor, den Schlachthof umfangreich zu sanieren und nach neuesten Erkenntnissen des Tierschutzes als Vorzeigebetrieb wieder zu eröffnen. Doch viele Jahre wird um das Konzept und vor allem die Finanzierung gerungen.