ExklusivRegionalverkehr im Stuttgarter Netz Bahn hilft Konkurrenten mit Lokführern aus

Von Jörg Nauke 

Was nützen neue Züge mit W-Lan, wenn der Führerstand verwaist ist? Mit einer ungewöhnlichen Kooperation wollen DB Regio, Betriebsrat und Go Ahead das Personalproblem lösen.

Die Lokführer der DB Regio zieren sich noch, zu den neuen Betreibern zu wechseln. Foto: dpa
Die Lokführer der DB Regio zieren sich noch, zu den neuen Betreibern zu wechseln. Foto: dpa

Stuttgart - Die private Firma Go Ahead, die von Juni 2019 an für 13 Jahre den Eisenbahnbetrieb in großen Teilen des Stuttgarter Netzes von der Deutschen Bahn übernehmen wird, will die Hälfte der benötigten 160 bis 180 Lokführer nicht erst auf dem faktisch leergefegten Arbeitsmarkt suchen oder selbst ausbilden. Mangels heimatnaher Verwendung erhoffte man sich einen regen Wechsel von Bahnbeschäftigten zur Deutschland-Tochter des englischen Konzerns. Knapp ein Jahr vor dem ersten großen Betreiberwechsel in Stuttgart ist aber klar, dass sich diese Prognose nicht erfüllen wird. Die DB-Belegschaft befürchtet trotz eines Tarifvertrags mit marktgerechter Vergütung den Verlust von Sozialstandards. Sie ziert sich deshalb, zu Go Ahead zu wechseln, das in Deutschland ein Nobody ist „und deshalb keine Unternehmenskultur nachweisen kann“, wie Bahn-Betriebsratschef Guido Pontone deutlich macht.

Wechselwille ist auch innerhalb der Bahn schwach ausgeprägt

Er hat zudem einen Interessenausgleich ausgehandelt, der seinen Kollegen über den Stichtag hinaus eine adäquate Weiterbeschäftigung im Konzern sichert. Keiner wird zum Wechsel gezwungen, den die Bahn ist trotz der Niederlage bei der Ausschreibung weiter in einigen Netzen unterwegs. Selbst intern ist der Wechselwille schwach ausgeprägt. Die Neigung, künftig S-Bahn zu fahren, sei „auch nicht überragend, es warten alle ab“, sagt der Leiter von DB Regio, David Weltzien. Das gilt auch für Werktstattmitarbeiter.

„Wir sind nicht im Panik-Modus“, betont Erik Bethkenhagen, Sprecher von Go Ahead. „Das wären wir, wenn es schon in vier Monaten losginge.“ Seine Zuversicht, zehn Millionen Zugkilometer pro Jahr nicht von lauter Führerscheinneulingen fahren lassen zu müssen, gründet vor allem auf die ungewöhnliche „Entwicklungshilfe“ durch DB Regio. Gegenüber unserer Zeitung wurde deren Kooperation mit Go Ahead unter Mitwirkung des Betriebsrats (Wahlbetrieb R.2.2) nun bestätigt. Das Verkehrsministerium als Besteller der Zugfahrten begrüßt es ausdrücklich, dass aus Konkurrenten bei der Ausschreibung nun Partner im Einsatz für einen attraktiven Nahverkehr geworden seien.

Drei Jahre Schnupperkurs

Es wird nun nämlich DB-Lokführern der Wechsel zum privaten Betreiber noch schmackhafter gemacht, indem man sie bis zu drei Jahre weiter bei der Deutschen Bahn beschäftigt, während sie auf Basis von Werkverträgen für Go Ahead auf angestammter Strecke fahren. Die Zahl der Kandidaten ist aber beschränkt, eine Dominanz von Bahnmitarbeitern ist ausgeschlossen, auch wenn Weltzien nichts dagegen einzuwenden hätte, weiter das komplette Netz zu befahren. Eine Umkehr der Wettbewerbsverhältnisse ist ausgeschlossen. Die Quote von Lokführern anderer Betriebe liegt bei zehn Prozent, könnte im Notfall aber auf bis zu 25 Prozent erhöht werden.

Der Betriebsrat wird derweil Go Ahead zu überzeugen versuchen, die sozialen Belange noch stärker zu berücksichtigen. Geschäftsführer Peter Raue meint aber, ein Start-up Unternehmen könne sich bei der Honorierung nicht mit einem Großkonzern messen. Zugesat hat er aber, seinen Betrieb durch Mobifair bezüglich der Sozialstandards qualifizieren zu lassen. „Wir haben den Fuß in der Tür“, sagt Betriebsratschef Pontone. „Das ist die wichtigste Botschaft für die Belegschaft.“

Proteste wegen Abbau von Sozialleistungen

Schon 2014 hatte diese bei einem Protestzug mit einem Sarg auf Verluste von Privilegien hingewiesen und dafür das Verkehrsministerium verantwortlich gemacht, weil bei der Ausschreibung Sozialstandards unzureichend berücksichtigt gewesen seien. Sprecher Edgar Neumann erinnert deshalb daran, dass die Personalkosten bei der Vergabeentscheidung nur eine nachrangige Rolle gespielt hätten. Überhaupt sei die Bahn nicht am Preis gescheitert, sie sei sogar die günstigste Anbieterin gewesen, sondern an einem Formfehler.

Die Kooperationserklärung sieht weiter vor, dass die DB Regio bei der fachlichen Ausbildung der Go-Ahead-Fahrschüler hilft. Die Neuen sollen keinesfalls das Gefühl haben, nur „Schmalspurlokführer“ zu sein. Die Vereinbarung habe den Vorteil, dass bis zu 60 Neulinge nicht irgendwo ihre Fahrstunden ableisteten, sondern bereits am künftigen Einsatzort, und das auf verschiedenen lokbespannten Zügen, was sich in der Personalakte gut mache. Go Ahead wiederum sagt dem Partner zu, ihm bis zum Betreiberwechsel seine ausgebildeten Mitarbeiter zu überlassen, um den aktuellen Verkehrsbetrieb zu stabilisieren und Überstunden abzubauen, die infolge des Personalsmangels angehäuft worden seien. 26 Lokführer von Go Ahead haben ihren Abschluss in der Tasche, drei bis fünf weitere pro Monat sollen folgen.

Und was macht Abellio-Rail Baden-Württemberg? Der niederländische Staatskonzern hat das größte Los im Stuttgarter Netz mit 6,8 Millionen Zugkilometern gewonnen. Sein Sprecher Rainer Thumann ist zuversichtlich, bis zur Betriebsaufnahme nächstes Jahr auf der Strecke Stuttgart- Heidelberg die nötigen Triebfahrzeugführer zur Verfügung zu haben. Für wechselwillige DB-Kollegen stünden die Türen offen, man sei mit DB Regio im Gespräch, ausgebildete Lokführer abzustellen, damit sie auf der Strecke im Neckartal Erfahrung sammeln könnten. Und man suche noch einen Modus, um in der Startphase auf DB-Personal zurückgreifen zu können. „Unsere Türen sind offen, ich glaube, sie kennen das Thema“, sagt Regionalchef Weltzien.




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