Regionalwahl im fernen Osten Brüssel ist weit, Stuttgart auch

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Kein Wahllokal in der Region Stuttgart liegt weiter weg von der Landeshauptstadt als die Gemeindehalle in Böhmenkirch. Der Wahlfleiß war groß, die Unzufriedenheit mit der Region aber auch.

Blümchen, Urnen, Handballtor: Wahl in Böhmenkirch Foto: Horst Rudel
Blümchen, Urnen, Handballtor: Wahl in Böhmenkirch Foto: Horst Rudel

Böhmenkirch - Gemeinderatswahl? Ja. Kreistagswahl? Ja. Europawahl? Ja. „Aber das da“, sagt der ältere Herr zu der Wahlhelferin Ute Bölstler und deutet auf die Wahlurne mit der Aufschrift Regionalwahl, „das möchte ich nicht.“

Es ist ein seltener Fall von demonstrativer Wahlverweigerung an diesem Tag in der Gemeindehalle von Böhmenkirch. Auf dem Vorplatz weht die Europaflagge. Die Tische sind mit Blumentöpfen der örtlichen Gärtnerei geschmückt, hinter der Bank des Wahlvorstands steht ein Handballtor. Am Vormittag war es ruhig gewesen. Jetzt gibt es im Foyer Gedränge. Zu viele wollen zwischen Verdauungspaziergang und Kaffee und Kuchen ihre bürgerliche Sonntagspflicht erfüllen. Und wer schon mal da ist, wählt natürlich gleich vierfach.

Böhmenkirchs Mann im Regionalparlament

Klar, Brüssel ist weit weg. Stuttgart aber auch. 70 Kilometer sind es von Böhmenkirch in die Landeshauptstadt. Der 5500 Einwohner zählende Ort auf der Schwäbischen Alb ist damit der östlichste Außenposten der Region und der entfernteste obendrein. Die Regionalwahl absolvieren die meisten dennoch klaglos. „Wir haben ja auch einen Vertreter im Regionalparlament“, sagt ein Mann stolz, der geduldig auf seine Stimmabgabe wartet.

32 Jahre ist Jürgen Lenz Bürgermeister von Böhmenkirch gewesen. Schon zu seinen aktiven Zeiten saß er für die CDU im Regionalparlament. Jetzt kandidiert er erneut auf einem aussichtsreichen Listenplatz. „Es ist gut, wenn die Außenposten im Regionalparlament vertreten sind“, sagt Lenz. 65 bis 70 Minuten braucht er für die Fahrt zu den Sitzungen, die in einem Hochhaus an der Stuttgarter Kronenstraße stattfinden.

Geld fließt nach Westen, Wasser nach Osten

Oft ticken die Uhren in Böhmenkirch ganz anders. 400 Höhenmeter und die steile Weißensteiner Steige hat er überwunden, wenn Lenz im Stuttgarter Talkessel ankommt. „Es kam schon vor, dass ich bei Schneefall losgefahren bin und in Stuttgart war dann von Winter noch keine Spur“, sagt Lenz. Sogar die Wassertropfen, die sich in Böhmenkirch sammeln, bahnen sich andere Wege. Weil der Ort jenseits der großen europäischen Wasserscheide liegt, fließt das Wasser nicht über Neckar und Rhein in die Nordsee, sondern in Richtung Schwarzes Meer.

Auf ihren Altbürgermeister lassen die Böhmenkircher nichts kommen. Aber zufrieden sind sie mit der Region trotzdem nicht. Die Regionalwahl sei schon wichtig, meint Wähler Thomas Nagel. Allerdings fühle man man sich als Böhmenkircher nicht wirklich zugehörig. „Vermutlich haben wir durch die Region nur Nachteile “, sagt Nagel. Es wäre günstiger, zum Ostalbkreis, zum Kreis Heidenheim oder zum Alb-Donau-Kreis zu gehören. Alle drei beginnen in unmittelbarer Nachbarschaft.

Klagen über den schlechten Nahverkehr

„Wir haben nicht das Gefühl, dass wir in der Region vertreten werden“, sagt eine ältere Frau. Von Besuchen bei ihrer Tochter wisse sie, wie viel Geld nach Stuttgart fließe. „Da gibt es immer mehr S-Bahnen und U-Bahnen, und wir auf dem Land werden vom Nahverkehr abgehängt.“ Das nervt auch die Jüngeren. Mehr als anderthalb Stunden dauere die Fahrt mit Bus und Bahn in die Landeshauptstadt, sagt die 16-jährige Rita Gjini. Wenn die Region das mal ändern könnte, wäre das nicht schlecht. Na ja, die Verbindung nach Heidenheim habe sich in den Jahren ja schon deutlich verbessert, findet die 68-jährige Marianne Biegert. Allerdings liegt Heidenheim ja auch nicht in der Region.




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