Regisseur Robert Schwentke über „Seneca“ Sterben ist gar nicht so leicht

Das Delphi in Stuttgart zeigt seinen Film „Seneca“: der Regisseur Robert Schwentke Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Er stammt aus Stuttgart, lebt in Los Angeles und dreht Filme mit Stars wie John Malkovich, Helen Mirren und Bruce Willis: Robert Schwentke. Jetzt erzählt er in der Satire „Seneca“ vom Leben und Selbstmord eines antiken Querkopfs. Wir haben Robert Schwentke in Stuttgart getroffen.

Nero hat die Nase voll vom Geschwafel seines alten Lehrers Seneca. Eine Zeit lang durfte der Denker Einfluss auf seinen Schützling nehmen, doch aus dem formbaren Knaben ist ein egozentrisches Riesenbaby mit unstillbarem Appetit auf Macht geworden, das sogar die eigene Mutter (Mary-Louise Parker) aus dem Weg geräumt hat. Jetzt soll auch Seneca (John Malkovich) abtreten. Also beschuldigt Nero (Tom Xander) seinen Mentor, sich an einer Verschwörung gegen ihn beteiligt zu haben und verurteilt Seneca zum Tod durch Suizid. Für den Stoiker vermeintlich die leichteste Übung, glaubt er doch, jedes Leid ließe sich mithilfe des Verstands überwinden. Nur ganz so einfach wie gedacht, klappt das mit dem Sterben in der Praxis leider nicht.

 

Porträt eines so intelligenten wie korrupten Mannes

Harter Stoff ist Robert Schwentkes auf antiken Quellen fußende Tragikomödie „Seneca – Oder: Über die Geburt von Erdbeben“. Aber auch stark besetzt, schwarzhumorig, voll von intelligenten Bezügen zum Hier und Heute, die der 1968 in Stuttgart geborene, auch in Hollywood erfolgreiche Filmemacher beim Gespräch in einem kleinen Hotel am Olgaeck in Stuttgart engagiert erklärt.

Vielen ist Schwentke als Regisseur von Thrillern und Actionfilmen wie „Flightplan“ (2005) oder „R.E.D. – Älter, härter, besser“ (2010) bekannt. Zuletzt machte er durch sein düster-intensives Kriegsdrama „Der Hauptmann“ (2017) von sich reden. Schwentkes Porträt eines so intelligenten wie korrupten Mannes, der sich dem wohl berüchtigtsten Tyrannen der Antike andiente und trotz seines Reichtums als Philosoph Maß und Zurückhaltung predigte, ist als Fortführung vom „Hauptmann“ gedacht und alles andere als fluffig-leichtes Popcornkino.

Es geht ans Eingemachte

„Wenn man einen Film wie ‚Seneca‘ macht, geht man immer ins Risiko“, antwortet Schwentke auf Publikumsvorlieben und die herrschende Kinokrise angesprochen. „Der Film wird sicherlich polarisieren“, sagt er und lächelt verschmitzt. „Seneca“ sei aus der Sehnsucht entstanden, einen Film zu machen, der „nachbrennt“. „Die Leute gehen mittlerweile nicht mehr ins Kino, um Antworten auf die großen Fragen zu finden“, bedauert Schwentke.

Sein Film sei „ein Lehrstück, das im besten Fall – wie Senecas Theaterstücke auch – durch negatives Beispiel zum Denken und zu einer Auseinandersetzung anregt“. In „Seneca“ geht es also ans Eingemachte, um Leben und Tod, Macht und Missbrauch, um das Verhältnis von Wahrhaftigkeit und geschönter Selbstdarstellung.

Brutale Szenen, die lange nachhallen

Die vom belgischen Kameramann Benoît Debie im marokkanischen Ouarzazate fotografierten Szenen hallen in ihrer imposanten Ästhetik, aber auch in all ihrer Brutalität lange nach: Einmal lädt Seneca seine Gefolgschaft zur Aufführung seiner Tyrannentragödie „Thyestes“, in deren Verlauf zwei versklavte Jungen erstochen und anschließend verspeist werden. Seneca wollte mit seinem Stück Neros Gewalt thematisieren, bedient sich aber in Schwentkes Darstellung selbst grausamster Mittel, um seine Kritik zu formulieren. Ob eine Aufführung der Tragödie tatsächlich so stattgefunden hat, ist unklar. „Im Zuge unserer Recherche haben wir eine Quelle gefunden, wo Senecas Stücken ein gewisses Snuff-Element unterstellt wurde“, erklärt Schwentke, also eine authentisch wirkende Gewaltdarstellung. „Dieser Moment steht aber auch symbolisch für Senecas Mitschuld an den Verbrechen und Zuständen, die er in seinem Theaterstück kritisiert.“ Seneca sei ein Paradoxon, „ich glaube, dass er seine Tragödien als einen versteckten Ausbruch moralischer Abscheu schrieb, die er sonst nicht ausdrücken konnte. Ein Auskotzen der Galle, an der er erstickte. Sie beweisen sein Bewusstsein um die Amoral des totalitären Systems, dem er sich aus persönlichem Gewinnstreben und Eitelkeit andiente.

John Malkovich als blasiertes Ekel

John Malkovich, der schon unter Schwentkes Regie in „R.E.D.“ gespielt hat, interpretiert die widersprüchliche historische Gestalt satirisch überzeichnet als elegant-blasiertes Ekel, das im Todeskampf wieder zum verletzlichen Menschen schrumpft. „Man muss sich fragen, ob sich der Stoizismus mit seinen Idealen überhaupt auf den Tod anwenden lässt“, erklärt Schwentke Senecas letztes Hadern. „In meiner Erfahrung gehen Menschen schreiend aus dem Leben, ‚kicking and screaming‘.“ Senecas Idol war jedoch Sokrates, der antiken Beschreibungen zufolge gefasst Suizid beging, ihm wollte er nacheifern. „Der Tod wurde damals als große, philosophische Herausforderung, als ultimative Prüfung des Charakters und der Prinzipien angesehen.“ Dass Seneca diese letzte Prüfung nicht seiner eigenen Lehre gemäß meisterte, mache ihn interessant. „Ich hoffe, dass man am Ende des Films auch eine gewisse Trauer empfindet, weil ein Menschenleben ausgelöscht worden ist“, sagt Schwentke noch, voller Empathie für den antiken Querkopf.

Seneca:  Deutschland 2023. Regie: Robert Schwentke. Mit John Malkovich, Tom Xander, Geraldine Chaplin. 112 Minuten. Ab 16 Jahren.

Von Tübingen nach Hollywood

Filmemacher
Robert Schwentke studierte in Tübingen Philosophie und Literaturwissenschaft, ehe er ein Filmstudium in Los Angeles aufnahm. Sein 2002 in Deutschland gedrehter Thriller „Tattoo“ öffnete ihm die Türen in Hollywood. Dort arbeitete er mit Stars wie Jodie Foster, Bruce Willis, Jeff Bridges und Helen Mirren. „Seneca“ läuft aktuell in Stuttgart im Kino Delphi.

Mensch
Dem Thema Tod hat sich Schwentke vielfach genähert, mit „Eierdiebe“ (2003) verarbeitete er humorvoll seine eigene Krebserkrankung. Er interessiert sich aber auch für zarte, romantische Stoffe, wie sein Science-Fiction-Film „Die Frau des Zeitreisenden“ (2009) belegt. Im Gespräch bekennt er sich schmunzelnd als Fan koreanischer Soap-Operas wie „Crash Landing on you“ (Netflix). Robert Schwentke lebt in Los Angeles.

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