Regisseur Wim Wenders „Koks ist Gift für jeden Film“

Wim Wender bei den Filmfestspielen von Cannes Foto: /Starface

Regisseur Wim Wenders über japanische Toiletten, Alkohol beim Dreh, Koks und Kunst, toxische Männlichkeit – und seinen neuen Film „Perfect Days“.

Wim Wenders’ neuer Film spielt buchstäblich auf der Toilette. „Perfect Days“ erzählt von einem Tokioter Kloputzer, dem in der denkbar banalsten Beschäftigung der Sinn des Daseins aufscheint.

 

Herr Wenders, Ihr neuer Film handelt von einem Kloputzer. Schauplatz sind Japans öffentliche Toiletten. Sagen Klosetts etwas über die Kultur eines Landes aus?

Wenn ich neue Orte kennengelernt habe, bin ich nie gezielt auf Toiletten gegangen. Mein Indikator waren immer die Friedhöfe. Die sehen in jedem Land anders aus, haben eine andere Kultur, andere Grabsteine, werden anders bewirtschaftet und genutzt. Auf dem Friedhof sieht man, wie die Menschen in diesem Land ticken. In Japan zum Beispiel wird auf Friedhöfen auch gefeiert; man macht dort auch Picknicks. Inzwischen glaube ich aber: Die Toiletten sind noch aussagekräftiger. Hier geht’s ans Eingemachte.

Was ist in Japan denn anders?

In Japan ist alles anders. Die japanische Kultur hat einen größeren Gemeinschaftssinn. Was Menschen gemeinsam nutzen, hat in Japan einen höheren Wert. Bei uns wird es eher missachtet. In Berlin landen die E-Scooter, die man ja gemeinsam nutzt, oft in der Gosse, im Gebüsch oder gleich im Kanal. Die Leute fahren gern damit – egal, wie doof sie darauf aussehen und wie wenig sie von Verkehrsregeln halten –, aber sobald sie absteigen, ist das Ding wertlos. Japaner achten viel mehr den potenziellen Wert für andere. Das merkt man an den Rollern, an den Toiletten, sogar an den Masken.

An den Masken?

Lange vor der Pandemie haben Japaner in der Öffentlichkeit regelmäßig Masken getragen. Als ich vor 30 Jahren mal lange Zeit in Tokio war, hat mich ein amerikanischer Freund besucht und sich gewundert: „Haben die alle Angst, sich anzustecken?“ – „Nein, haben sie nicht,“ hab ich ihm erklärt, „die sind krank und wollen einfach andere nicht infizieren.“ Für meinen Freund war das undenkbar. Er konnte sich nicht vorstellen, dass man eine solche Unbequemlichkeit auf sich nimmt, nur um andere zu schützen!

Die Toiletten in Ihrem Film sind nicht nur gepflegt, sondern schön. Das kann auch in Japan nicht normal sein.

Stimmt. Aber diese sind Teil eines sozialen Projekts, bei dem große Architekten öffentliche Toiletten gebaut haben. Das war der Ausgangspunkt unseres Films: Ich war eingeladen, mich davon inspirieren zu lassen – oder auch nicht – als Fotograf oder für eine Serie von Kurzfilmen, eben über den architektonischen und künstlerischen Aspekt der Sache. Im Mai vorigen Jahres war ich also in Tokio und hab mir alle 15 kleinen Toilettentempel angeschaut. Das war kurz nachdem die Tokioter nach einem unendlich langen Lockdown ihre Stadt wieder in Besitz nahmen. Alle haben auf der Straße und den Plätzen gefeiert. Aber hinterher war es überall picobello! Das hat mich schwer begeistert. In unseren Breitengraden ist der Sinn fürs Allgemeinwohl ein Opfer der Pandemie geworden.

Nach der Metoo-Debatte wurde bei Til Schweiger zuletzt die Frage von Wutausbrüchen diskutiert. Wo stehen Sie in der Debatte?

Ich halte nichts von Meinungen auf Grund von Hörensagen. Ich kann dazu nur aus eigener Erfahrung etwas beitragen: Drehen macht viel mehr Spaß, wenn Frauen paritätisch mitmachen. In den 70er Jahren bestanden Filmteams oft fast ausschließlich aus Männern, und das brachte einfach nicht das Beste aus allen heraus, im Gegenteil, da kam schnell ein stumpfer Trott heraus. Frauen in wichtigen Positionen und ein ausgeglichenes Team, das tut einem Film gut, da ist ein lebendigerer Geist drin. Jetzt gibt es ja Gott sei Dank auch Frauen in Gewerken, die Männerdomänen waren, Kamerafrauen, Tonmeisterinnen, Beleuchterinnen, Bühnenarbeiterinnen . . .

Wie ändert das die Stimmung?

Um es mal ganz krass zu sagen: Männer unter sich haben meist keine tolle Arbeitsmoral. Da wird zu viel geschwiegen oder zu viel dumme Witze gemacht. Wenn Frauen dazukommen, ändert sich die Einstellung schlagartig. In gut gemischten Teams sind alle anders drauf, wacher und beweglicher. Das ist wichtig für einen Film, wie jeder Teilnehmende sich fühlt. Wenn die Elektriker kein Interesse am Film haben, spiegelt sich das später auf der Leinwand wider. Deshalb sind mir die Bedingungen am Set immer wahnsinnig wichtig – von der Zusammensetzung der Teams bis zum Alkohol.

Bis zum Alkohol?

An Filmsets spielt Alkohol oft eine Rolle, und Schauspieler sind dabei eine besonders gefährdete Berufsgruppe. Sie riskieren auch am meisten und sind oft hoch exponiert, weil sie sich anders einbringen als eben andere Berufe. Es gibt Leute, die von morgens bis abends dicht sind. Und das hat Folgen. Mein großes Vorbild, mein großer Freund Nicholas Ray, der Regisseur von „. . . denn sie wissen nicht, was sie tun“, hatte ein Alkoholproblem. Der ist in Hollywood geächtet worden, weil er gekifft und getrunken hat. Er wurde dann mein Held, weil er die letzten 20 Jahre seines Lebens trocken war. Er wusste, wie sehr der Alkohol der größte Feind seiner Kreativität war.

Wie ist es mit Koks?

Koks ist Gift für jeden Film, weil es die Realitätsfähigkeit noch mehr einschränkt als Alkohol, auch die Selbsteinschätzung. Wenn nur einer kokst, wird der Film nichts, vor allem nicht, wenn es der Regisseur ist. Ich kenne nur einen einzigen schönen Film, bei dem die Leute gekokst haben: „The Last Waltz“.

Und das ist ein Konzertfilm – von der Gruppe The Band.

Ich war beim Drehen nicht dabei, aber ich war bei der Mischung öfter als Gast dort. Da haben alle Beteiligten rumgekokst. Der Film ist trotzdem toll geworden und die Ausnahme von der Regel. Ansonsten kenne ich keinen Film, wo das an irgendeiner Stelle geholfen hätte. Alkohol und Koks tragen auf jeden Fall nichts Gutes zum Arbeitsklima bei.

Öffnen die Debatten von Machtmissbrauch an Sets gerade allen die Augen? Oder wusste man das immer? Hat man Kollegen gewarnt: Mit dem und dem nicht drehen, der trinkt.

Es gab schon immer solche Warnungen. Aber viele dieser Schauspieler zum Beispiel haben sich gut unter Kontrolle, bis zu einem gewissen Pegel, und dann fallen sie auseinander. Mit Dennis Hopper war das zum Beispiel so. Absolut genial, und dann plötzlich ein Abgrund. Da waren es Drogen und Alkohol zusammen. Bruno Ganz und ich, wir haben ihn gemeinsam wieder auf die Beine gebracht. Lange Geschichte, aber mit einem Happy End. Schwieriger sind oft Männer, von denen man vorhergesagt bekommt: Mit dem und dem zu arbeiten ist für seine Partnerinnen nicht leicht.

An wen denken Sie?

William Hurt war so einer – leider. Ein begnadeter Schauspieler, aber sein eigener ärgster Feind. 1991 haben wir zusammen „Bis ans Ende der Welt“ gedreht; und es war schon nach ein paar Drehtagen die Hölle zwischen ihm und Solveig Dommartin, schließlich waren das die beiden Hauptrollen und ein Liebespaar in der Geschichte. William hielt sich für perfekt und erwartete nichts anderes als Perfektion, was Solveig nicht liefern konnte und wollte. Das wurde zu blankem Hass bei William und nackter Angst bei Solveig. Wir haben den Film nur unter absurden Arbeitsbedingungen zu Ende gebracht. Zwei Jahre später habe ich ihn zufällig auf der Straße in New York getroffen. Bevor ich ihn begrüßen konnte, kam es schon aus ihm heraus. „Wim, ich war so ein Arschloch! Es tut mir echt leid. Verzeih mir! Und bitte, sag das auch Solveig!“ Ich darf das jetzt so sagen, weil ich ihn nur selbst zitiere. Und weil er diese Misogynie später abgelegt hat.

Was hatte er denn gemacht?

Er war einfach irre selbstbezogen und hatte deutlich ein Problem mit Frauen. Da fühlte er sich grundsätzlich überlegen und hat das zum Ausdruck gebracht.

Was macht man als Regisseur, wenn man eine Szene mit zwei tollen Schauspielern dreht und merkt: Der eine quält die andere?

Wir mussten oft die absurdeste Lösung wählen und die Nahaufnahmen getrennt drehen. Er hatte ein Stand-in als Anspielpartner. Und sie auch.

Was den Konflikt nicht löste.

Es stellte sich eine wunderbare Hilfe in der Person von Jeanne Moreau ein, die leider erst in dem letzten langen australischen Teil dazukam. Sie hat das alles sofort durchschaut: Ich hatte mich gegen meinen amerikanischen Superstar nicht durchsetzen können. Aber Jeanne hat ihm vor uns allen knallhart die Leviten gelesen, als Bill wieder seine stundenlangen Monologe durchziehen wollte. „Bill, du kannst jetzt hier allein sitzen bleiben und weiterquasseln. Wir anderen gehen unterdessen zum Set und drehen.“ Mir blieb der Atem stehen, so was hätte ich mich nicht getraut. Jeanne schon. Und Bill blieb wie versteinert sitzen, als wir geschlossen den Probenraum verlassen haben. Jeanne war eine Institution. Irgendwann kam er hinterher.

Zur Person

Karriere
Mit Regisseuren wie Werner Herzog, Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder gehört der am 14. August 1945 geborene Wenders zur Bewegung des Neuen Deutschen Films. Er drehte Klassiker wie „Paris, Texas“ und „Der Himmel über Berlin“.

Preise
Seine Filme über die Musiker vom „Buena Vista Social Club“, die Choreografin Pina Bausch („Pina“) und den Fotografen Salgado („Das Salz der Erde“) wurden für den Oscar nominiert. Auch sein aktueller Film „Perfect Days“ wurde für den Oscar vorgeschlagen. Ins Kino kommt er am 21. Dezember.

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