Reimar du Bois Ein unbequemer Geist nimmt seinen Abschied

Reinmar du Bois hat sich als Kinder- und Jugendpsychiater bundesweites Renommee erworben. Foto: Michael Steinert
Reinmar du Bois hat sich als Kinder- und Jugendpsychiater bundesweites Renommee erworben. Foto: Michael Steinert

Das Ende einer Ära: Der Kinder- und Jugendpsychiater Reinmar du Bois wird in den Ruhestand verabschiedet. 18 Jahre lang hat er in Stuttgart gewirkt und ist weit über die Stadt hinaus bekannt geworden.

Lokales: Viola Volland (vv)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Nach seinem letzten offiziellen Arbeitstag als Ärztlicher Direktor Ende August ist Reinmar du Bois für ein paar Tage in sein Landhaus nach England gefahren. Dort blickt er von seinem Schreibtisch aus auf eine Wiese mit Kühen. Zwei Kilometer entfernt brandet der Atlantik gegen die Felsklippen der Grafschaft Dorset. Es ist der perfekte Ort, um Abstand zu bekommen.

Es sei schon ein „seltsames Gefühl“ gewesen, als er das letzte Mal die Bürotür hinter sich zugemacht habe, sagt du Bois. Nicht nur, dass er 18 Jahre lang die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Stuttgart geleitet hat. Er war es ja erst, der die klinische Versorgung dieses Gebiets in der Landeshauptstadt aufgebaut hat. Aber „mit 65 Jahren ist Schluss“ – am Mittwoch wird Reinmar du Bois im Klinikum mit einer Feierstunde in den Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger Michael Günter wird gleichzeitig offiziell eingeführt. Günter sei ein „enger Kollege“, das mache ihm den Abschied leichter.

Ein oft gefragter Experte

Mit dem gebürtigen Hamburger Reinmar du Bois verlässt eine Persönlichkeit mit deutschlandweitem Renommee das Klinikum. Auch bei den Medien ist der Psychiater überregional ein oft gefragter Experte gewesen – zum Beispiel zum Thema Missbrauch. „Es war immer mein Streben, für Akzeptanz, Zugänglichkeit und Nahbarkeit meines Fachs zu werben“, sagt du Bois. Das gehe nur, wenn man offen über psychische Probleme spreche.

Dazu passt eine Anekdote, die Reinmar du Bois am Rande erzählt. Als er vor vielen Jahren nach Stuttgart kam, gab es in der Landeshauptstadt gerade einmal 15 Betten für psychisch kranke Kinder und Jugendliche, angesiedelt in einer Villa in der Mörikestraße. Wer ins Haus hinein wollte, musste klingeln. Die Tür war abgeschlossen. „Das war das erste, was ich geändert habe: Die Tür musste auf“, erinnert sich Reinmar du Bois.

Er hat sich immer für einen offenen Umgang mit der Psychiatrie eingesetzt. Diese Einstellung habe er von seinem großen Lehrer und Förderer Reinhart Lempp, einem der Pioniere der Kinder- und Jugendpsychiatrie, übernommen.

Immer mehr Selbstverletzer

In den vergangenen 18 Jahren hat es in seinem Fach viele Entwicklungen gegeben. So hätten sich die Ausdrucksformen, mit denen die Jungen und Mädchen ihre Not zeigten, über die Jahre geändert. Früher seien Essstörungen beispielsweise viel häufiger gewesen als heute, das habe sich verschoben: „Inzwischen gibt es mehr Selbstverletzter.“ In seiner Anfangszeit seien autistische Störungen noch eine Rarität gewesen, heute sei das ein Riesengebiet. Wie ist das zu erklären? „Die Anforderungen an soziale Kompetenzen sind höher geworden“, sagt du Bois, die „Schon- und Schutzmöglichkeiten“ für Sonderlinge hätten nachgelassen, die Gesellschaft sei weniger tolerant geworden, sagt du Bois.




Unsere Empfehlung für Sie