Reinhold Messner über die Corona-Zeit „Ich habe das erste Mal das Gefühl, Rentner zu sein“

Reinhold Messner bei seinem Auftritt in Stuttgart im September 2020. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Reinhold Messner ist eine Bergsteigerlegende. Im Interview spricht er darüber, wie es ist, von einem kleinen Virus gezwungen zu werden, eine Rast einzulegen und neue Wege zu gehen.

Stuttgart - Das kleine Coronavirus hat auch den großen Bergsteiger ausgebremst. So ein kleines bisschen genetische Information legt alles lahm, sagt Reinhold Messner.

 

Herr Messner, wir haben eine Pandemie weltweit, und Sie gehören als 76-Jähriger zur Risikogruppe. Wie geht es Ihnen?

Na gut! Ich verstecke mich im Verlies meiner eigenen Burg und warte, bis alles vorbei ist. Nein, im Ernst, ich bin ja solche Situationen gewohnt. Ich halte mich an die Regeln. Und trotz Fehlern der Politik hat ja jeder Einzelne seine Mitverantwortung, dass wir alle gemeinsam aus dieser Krise herauskommen. Ich trage selbstverständlich meinen Teil dazu bei. Wichtig ist, dass man seinem Leben dabei Struktur gibt. Auch ich brauche das. Ich schreibe zum Beispiel an einem weiteren Buch, ich gehe raus und wandere ein paar Stunden durch den Schnee. Und das einzige Lebewesen, welches ich dann treffe, ist eine Gämse. Irgendwie habe ich dabei das erste Mal das Gefühl, wie es als Rentner sein wird. Bisher kannte ich so etwas ja nicht.

Sie waren als erster Mensch ohne Sauerstoff auf dem Mount Everest, haben alle 8000er bestiegen, Ihr Leben war immer am Limit. Was können Sie dem normalen Menschen raten, der gerade mal sein Treppenhaus erklimmt? Wie verhält man sich in so einer Krise?

Geduld. Man muss Geduld haben. Für sich, und für alle anderen. Und man muss den Verzicht als Maxime nehmen. Meine alpinistische Karriere war auch deshalb so erfolgreich, weil ich jeglichen unnötigen Ballast reduziert habe. Für ein Kind ist Verzicht etwas Negatives, wenn es etwa kein Eis bekommt. Aber Erwachsene können versuchen, dem Verzicht etwas Positives zu geben. Wenn das jeder ein bisschen schafft, kommen wir gemeinsam gestärkt aus der Krise.

Auch Ihre Museen und Vorträge haben gerade eine Zwangsauszeit. Wie gehen Sie damit um?

Die Museen leitet inzwischen meine Tochter. Eine Weile kann man so etwas überbrücken. Aber wir bekommen keinerlei Subventionen, und die Kosten laufen ja weiter. Dass ich momentan keine Vorträge halten kann, ist nicht so sehr ein Problem. Aber wenn es wieder möglich wird, weiß ich gar nicht, wie ich allen Verpflichtungen nachkomme, denn ich ich kann ja nicht überall gleichzeitig sein. Da ist jetzt so ein Projekt wie von „Welt und Wir“ hoch interessant. Ich kenne im Prinzip ja alle Varianten des Erzählens, doch Streaming ist für mich eine neue Herangehensweise – hervorragend für den Moment, aber dennoch geht nichts über einen Liveauftritt. Wenn man auf der Bühne steht und jede Nuance des Publikums erspüren kann.

Aus ökologischer Sicht haben wir ja durch das Auftreten des Virus – neben der vielen menschlichen Tragödien – durchaus auch positive Aspekte für den Planeten Erde zu verzeichnen. Zum Beispiel die Verbesserung der Luft- oder der Wasserqualität. Wie sieht das jemand, der sich schon seit über 40 Jahren für den Umweltschutz starkmacht?

Das Virus gibt eine Menge Anregung für Philosophen, Denker und auch Umweltschützer. Es ist faszinierend, wie etwas, was mit dem Auge nicht sichtbar ist, also quasi ein Nichts, trotzdem in der Lage ist, unser Leben in Schach zu halten. So ein kleines bisschen genetische Information legt alles lahm. Leider glaube ich nicht an eine vorsichtigere Lebensstruktur danach. Ich vermute, dass alles ziemlich schnell in die gewohnten Ausmaße zurückschnellen wird. Allerdings werden die wirtschaftlichen Folgen uns lange beschäftigen. Schulden, die Länder haben, wenn gleichzeitig weniger Steuern eingenommen werden können. Dabei ist ein Gleichgewicht zwischen Ökonomie und Ökologie so erstrebenswert. Unterm Strich denke ich, dass die Armut größer werden wird. Und die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinander geht.

Bei all den Gipfeln, die Sie erklommen haben, gibt es einen Berg, der für Sie der wichtigste ist? Der Mount Everest, weil es der Höchste ist?

Nein, der Everest keinesfalls. Ganz klar der Nanga Parbat, zu dem ich seit 1970 immer wieder zurückgekehrt bin. Den ich lange „meinen Schicksalsberg“ genannt habe . . .

. . . Schicksal, weil Sie dort Ihren Bruder Günther verloren haben und beinahe selbst zu Tode gekommen sind?

Ja. Und ich nenne ihn jetzt „meinen Schlüsselberg“, so wie das Buch, dass ich 50 Jahre später, also im vergangenen Jahr, herausgebracht habe. Darin habe ich alle Tragödien und Skandale, die zu dieser Geschichte gehören, aufgegriffen und aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

Und was kommt als Nächstes?

Auch ein Reinhold Messner spürt, dass mit dem Alter die Kraft weniger wird. Das muss man lernen zu ertragen. Ich weiß noch nicht, was nach dieser erzwungenen Rast kommt. Aber wir müssen über das Ungleichgewicht nachdenken, in das der Mensch sein eigenes Habitat gestürzt hat.

Der Stream des Vortrags „ÜberLeben“ von Reinhold Messner läuft am Samstag, 20. Februar, um 20 Uhr auf der Plattform www.weltundwir.de, die der Stuttgarter Reisejournalist Olaf Krüger und zwei Mitstreiter betreiben. Der Stream ist kostenlos und finanziert sich über Spenden.

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