Reinhold Pecher hat zunächst die Ware von der Stange verkauft – und dann einen neuartigen Reitsattel entwickelt. Die Erfolgsgeschichte eines Einmannbetriebes von der Schwäbischen Alb.

Heuchstetten - Reinhold Pechers berufliche Vergangenheit sah so aus: der Mann mit den wachen Augen hinter der Nickelbrille klapperte mit dem Auto landauf, landab die Pferdeställe ab. Er verkaufte Markensättel, die er von Herstellern aus aller Herren Länder bezog. Dabei hatte Pecher mit dem Problem zu kämpfen, dass seiner vierbeinigen Klientel die Konfektionsware nicht richtig passen wollte.

Die Gegenwart sieht so aus: Pecher hat den Sattel neu erfunden. Innerhalb einer Viertelstunde lässt sich das von ihm entwickelte Modell, ein sogenannter Barocksattel, zerlegen und völlig neu wieder zusammensetzen. Der Vorteil dieser Konstruktion: der Sattel wächst mit dem Pferd mit. Eine beachtliche Weiterentwicklung eines Gegenstandes, dessen Ursprung zwei Jahrtausende zurückliegt.

Dabei hat Reinhold Pecher, 55, das Sattlerhandwerk gar nicht gelernt. Er begann als Elektroniker mit besten Karriereaussichten. Ein erfolgreicher Manager wollte er werden und in der Großstadt leben. Bis ihn im dritten Lebensjahrzehnt eine plötzlich erwachende Liebe zu Pferden aus der anvisierten Laufbahn katapultierte. Wenn Pecher heute den Blick aus dem Fenster schweifen lässt, dann sieht er vor sich die Weite der Schwäbischen Alb. „Irgendwie hat sich das alles ergeben“, erzählt er und dass er gewiss nicht vorhatte, einen Reitsattel zu entwickeln und schon gar nicht, Reitsättel selbst herzustellen.

Mitten in der Einsamkeit

In seinem Haus in Heuchstetten bei Heidenheim, mitten in der Einsamkeit, ist von moderner Elektronik weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen verbringt der gelernte Elektroniker Pecher seine freie Zeit mit elf Pferden (fünf bekommen das Gnadenbrot), zwei Hunden (die er aus dem Tierheim hat) und unzähligen streunenden Katzen (die er auf eigene Kosten kastrieren ließ, damit es auf dem Land nicht noch mehr herrenlose Katzen gibt). Auch der Laden für Reitzubehör, den der Pferdefreund in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten betrieben hat, ist in den Strudel der Veränderung geraten. Die unteren zwei Verkaufsräume verwandeln sich peu à peu in eine Werkstatt. Zwischen Markensätteln, Pferdedecken und Reithelmen lagern nun Leder und Schaumstoffe. An die Regale kommt man fast nicht mehr heran; große Arbeitsplatten versperren den Weg. Auf ihnen stehen drei professionelle Nähmaschinen. Sie sind Reinhold Pechers ganzer Stolz.

Ein Blick zurück: es ist ein unfreundlicher Sommertag des Jahres 2011. Reinhold Pecher ist wieder den ganzen Tag von Stall zu Stall gefahren, um Pferde mit passenden Reitsätteln auszurüsten. Der letzte Termin führt ihn zu Emil Scheid. Der Lehrer für klassische Reitkunst – so wie sie auch an der Spanischen Hofreitschule in Wien gepflegt wird – soll den Prototyp des neuen Sattels testen, den Pecher ersonnen hat. Aufgekratzt betritt Pecher den Stall, über seinem rechten Arm hängt eine Art Korsett, von dem zwei Strippen herunterbaumeln. „Das ist der Sattelbaum“, erläutert er.

Der Sattelbaum ist das Kernstück des Sattels. Er muss sich dem Pferderücken genau anpassen und darf die Wirbelsäule nicht belasten. Pecher legt das Teil behutsam auf Scheids feurigen Portugiesen Oriental. Der schnaubt kurz, und Scheid konstatiert nach einem kritischen Blick: „Das sieht gut aus.“ Dann prüft er, ob die Schulter genügend Freiheit hat und ob der Sattel nicht im Nierenbereich drückt – was viele Sättel tun, wie er aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Reitlehrer weiß.

Neue Polster für empfindliche Pferderücken

Reinhold Pecher hat unterdessen verschiedene Schaumstoffe ausgebreitet – Sitzprobe. Scheid überzeugen die Polster nicht. Entweder geben sie zu sehr nach, oder sie sind für den empfindlichen Pferderücken und den Reiterhintern zu hart. „Ich muss etwas anderes finden“, stellt Reinhold Pecher fest und legt die Stirn nachdenklich in Falten.

Er findet tatsächlich etwas Passendes, durch Zufall. Auf einer seiner Touren lernt er eine Frau kennen, die bei einer Firma in Ebersbach im Kreis Göppingen arbeitet, die spezielle Schaumstoffe für alle möglichen Einsatzgebiete herstellt, beispielsweise für Rollstühle. Reinhold Pecher fährt sofort dorthin und ist begeistert. Besonders angetan ist er von einem sogenannten Verbundschaumstoff, der aus Materialien verschiedener Härtegrade besteht. Pecher wirft ein Stück auf den Steinboden und lässt sich mit den Knien darauf fallen. „Das tut kein bisschen weh“, stellt er fest.

Wenige Wochen später besucht er noch einmal den Reitlehrer Scheid. Mittlerweile sieht Pechers Sattel nicht mehr wie ein Korsett aus, sondern tatsächlich wie ein Sattel. Die Nähte sind akkurat gearbeitet, edle Nieten zieren das gute Stück. Und das Wichtigste: er passt dem Pferd wie angegossen.

Seither häufen sich die Aufträge, und die Nähmaschine erfüllt mit ihrem Surren immer häufiger die Werkstatt. Reinhold Pecher bugsiert das dicke Leder virtuos unter dem Spezialfuß der Maschine durch, die mit den verschiedenen Materialien, die zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden, offenbar spielend fertig wird.

Die Defizite der Konfektionsware

Auch das Nähen hat sich Pecher selbst beigebracht, allerdings barg das autodidaktische Lernen durchaus Gefahren. Seine erste Nähmaschine, die er im Internet geordert hatte, gab auf ein winziges Antippen hin Vollgas, so dass er gerade noch seine Finger vor der rasanten Nadel retten konnte. „Anfangs dachte ich immer: Der wird sich doch nicht selbst festgenäht haben“, sagt seine Frau Ilka Möller.

Die Pferdeosteopathin Möller weiß aus ihrer Praxis, dass schlechte Reiter und schlecht sitzende Reitsättel die Hauptursachen für die Rückenleiden ihrer vierbeinigen Patienten sind. Einen Großteil der Markensättel, die ihr Mann verkauft hatte, musste er umrüsten, dem Pferd individuell anpassen. So kam Pecher auf die Idee, selbst einen Sattel zu entwickeln.

Er setzte bei den Defiziten der Konfektionsware an. So werden seine Sattelkissen nicht mit Wolle gestopft, was häufig zu Wülsten führt, sondern mit Schaumstoffpads bestückt. Seine Kopfeisen, sie halten den Widerrist frei und bewirken, dass der Sattel hinter der Schulter bleibt, liefert ein Fabrikant aus der Nähe – ganz so, wie der Sattler es wünscht. „Der hat sogar eine eigene Maschine entwickelt, die die Teile höchst präzise herstellt“, erzählt Pecher. Während die Marktführer ihre Produktion längst ins Ausland verlagert haben, setzt Pecher fast vollständig auf heimische Lieferanten. Bis auf die Steigbügel, die er, „weil sie besonders schön sind“, aus China bezieht, ist alles „made in Germany“, das meiste sogar „made in Baden-Württemberg“.

Seine Firma, sagt Reinhold Pecher, solle ein Einmannbetrieb bleiben. „Jeder Sattel stammt aus meiner Hand und ist nummeriert.“ Kostenpunkt pro Stück: mindestens 2500 Euro. Inzwischen hat Pecher auch einen Namen für seinen Sattel gefunden. El Sueño ist Spanisch und bedeutet „Der Traum“. Die Bezeichnung hat sich der Traumproduzent als Warenzeichen eintragen lassen. Auf Barocksättel will sich Pecher nicht beschränken. „Es müsste doch möglich sein, auf der Basis meines Sattelbaums auch einen Western- und einen Dressursattel zu bauen“, sinniert er. Den Beweis dafür will er schon bald antreten.