Reise an die US-Westküste 5 Gründe für Seattle

Die Skyline von Seattle von der Elliott Bay aus gesehen. Foto: /Rachael Jones

Lässig-urbane Atmosphäre in unmittelbarer Nähe zur Natur: Die Metropole an der Pazifikküste wurde schon mehrfach zur lebenswertesten Stadt der USA gekürt. Was macht „The Emerald City“ – die Smaragdstadt – so besonders?

Leben: Susanne Hamann (sur)

Ist es die angenehme Größe der Stadt, in der man viel zu Fuß erreichen kann? Die wunderbare Lage am Wasser zwischen Meer und Seen? Sind es die entspannten, toleranten Menschen? Die geringe Kriminalitätsrate? Oder das gute Essen aus Zutaten, die direkt vor der Haustür wachsen oder schwimmen? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem. Hier kommen fünf Empfehlungen, was man sich in Seattle unbedingt ansehen sollte.

 

Von der Space Needle hat man eine 360-Grad-Aussicht auf Seattle, die Elliott Bay und die umliegenden Seen und Berge. Foto: Visit Seattle/ppoppo2

Space Needle: Einsame Spitze

Eigentlich waren die gläsernen Bänke, die man bei der Renovierung 2017 auf der Aussichtsplattform eingebaut hat, zum Sitzen gedacht. Doch vom ersten Moment an standen die Besucher drauf und lehnten sich an die nach außen geneigten Glasplatten, um spektakuläre Fotos zu schießen. Die Space Needle mit ihrem 360-Grad-Blick ist aber nicht erst seit der Generation Instagram ein absolutes Must-see in Seattle. So wie man in Paris kaum um den Eiffelturm herumkommt, geht hier oben im pazifischen Nordwesten der USA nichts ohne die „Weltraum-Nadel“. Inspiriert vom Stuttgarter Fernsehturm wurde das Wahrzeichen der Stadt 1962 anlässlich der Weltausstellung gebaut. Seither sticht die Space Needle mit ihrem kecken, Ufo-artigen Hütchen dreibeinig aus dem Häusermeer hervor. Von fast überall ist das Retro-Raumschiff sichtbar, dank der Lage etwas abseits der Innenstadt sind die Hochhäuser der Skyline für die alte Dame keine Konkurrenz.

www.spaceneedle.com/

Das Museum of Pop Culture wurde von Frank O. Gehry entworfen. Foto: Imago Images /Zoonar.com/imagoDens

Legendäre Musik und zerbrechliche Zauberwelt

Seattle hat schon viele große Musiker hervorgebracht: Neben dem unvergleichlichen Jimi Hendrix kommen Bands wie Nirvana, Pearl Jam oder Soundgarden aus der Metropole im Bundesstaat Washington. Das Museum of Pop Culture würdigt nicht nur diese großen Namen, sondern geht auch dem Phänomen Popkultur im Allgemeinen auf den Grund – von Comics über Graffiti und Computerspielen bis hin zu Horrorfilmen. Auch das Gebäude ist sehenswert. Der Entwurf aus wallendem Stahl stammt von Architekt Frank O. Gehry, der in Europa vor allem für das Guggenheim Museum in Bilbao bekannt ist. Auch in Seattle kreierte er eine sehr schwungvolle Form und ließ sich dabei von zersägten Gitarren inspirieren. Besonderer Gag: Die Trasse der seit der Expo 1962 existierenden Einschienenbahn führt mitten durchs Haus.

Blick auf die Space Needle aus dem Museum des Glaskünstlers Dale Chihuly. Foto: Visit Seattle/ppoppo2

Nur einen Steinwurf entfernt steht ein weiteres besonderes Museum: Chihuly Garden and Glass zeigt die zerbrechliche Zauberwelt des aus Tacoma in der Nähe von Seattle stammenden Glaskünstlers Dale Chihuly. Der 82-Jährige gießt seine Erinnerungen an eine Kindheit am Meer und im üppigen Garten seiner Mutter in Glas: Fantastische Unterwasserwesen, bunte Glasblumen und verspielte Kunstwerke wechseln sich mit üppiger Flora ab.

www.chihulygardenandglass.com

www.mopop.com

Matt Bentley veranstaltet Touren durch den Pike Place Market. Foto: Hamann

Pike Place Market: Satt und glücklich

„Vom leider verstorbenen Koch und Fernsehstar Anthony Bourdain stammt der Ausspruch, dass das Essen auf dem Pike Place Market viel besser ist, als es sein müsste“, zitiert Tourguide Matthew Bentley auf seinem geführten Rundgang durch den Bauch von Seattle. Bourdain hatte definitiv recht. Das quirlige Durcheinander von zahllosen Ständen mit Waren aus aller Welt, sich mischenden Gerüchen, der Trubel und die besondere Stimmung würden so oder so Besucher magisch anziehen. Zehn Millionen schieben sich pro Jahr durch die Gänge. Doch der Pike Place Market ist keine Tourifalle, man kann tatsächlich richtig gute Sachen kaufen und verspeisen. Mit Blick auf die Elliott Bay und die Küste von Seattle dient der verschachtelte und über mehrere Gebäude verteilte Komplex als Bühne für Landwirte, Kunsthandwerker und Händler – ein Erfolgskonzept seit 1907. Wichtig: Die Waren müssen aus der Gegend kommen. Wer sich einer Tour von Savor Seattle anschließt, sieht mehr als die berühmten Fischhändler, die ihre Waren unter dem Gejohle der Menge gezielt von einem zum anderen Verkäufer werfen. Matt Bentley führt seine Gruppe in die versteckten Ecken. Zum Beispiel zu Freya, dem Laden mit zum Niederknien köstlicher dänischer Patisserie. Als Freund des Hauses organisiert er bei Le Panier vorbei an der niemals enden wollenden Schlange (fast so lang wie nebenan beim ersten Starbucks der Welt) französisches Gebäck vom Feinsten für alle zum Kosten. Der erwähnte Fischladen zieht übrigens nicht nur eine Wahnsinnsshow ab, sein hausgeräucherter Lachs ist tatsächlich großartig. Hier ein Häppchen, da ein Schlückchen, nach zwei Stunden ist man satt und glücklich.

www.pikeplacemarket.org

Die Schnellstraße wurde unter die Erde verbannt, Fußgänger und Radfahrer haben nun freie Bahn zwischen der Innenstadt und der Uferpromenade. Foto: Hamann

Waterfront: Wachgeküsst

Stadtplaner haben manchmal seltsame Ideen. In Seattle zum Beispiel baute man in den 1950er Jahre ein doppelstöckiges Viadukt für eine Schnellstraße in bester Lage am Meer entlang. Die Pier war so abgeschnitten von der Innenstadt. Wer ans Wasser wollte, musste erst mal irgendwie lebend den Alaskan Way überqueren. 2019 startete die Stadt ein Megaprojekt, um die 60 Jahre alte Misere zu beseitigen. Seither hat sich viel getan. Das Viadukt ist weg, der Verkehr wurde in den neu gebauten State Route 99 Tunnel unter die Erde verbannt. Überirdisch gibt es nun viel Platz für eine breite Promenade, Radwege, neue Fußgängerbrücken, Plätze zum Sitzen, die sich mit bunt bepflanzten Hochbeeten abwechseln. Das Design erinnert sehr an die Highline von Manhattan – was kein Zufall ist, denn der Entwurf stammt von James Corner Field Operations, dem Architekturbüro, das auch schon eine ehemalige New Yorker Hochbahntrasse zu einem wunderbaren Park umgebaut hat.

Die Attraktionen an der Uferpromenade wie das Aquarium, das Riesenrad und die vielen Restaurants und Cafés sind nun optimal mit der Innenstadt verbunden und in nur wenigen Minuten sicher erreichbar. Hier und da stößt man noch auf einen Bauzaun. Spätestens Anfang 2025 soll das Projekt in voller Schönheit erstrahlen.

www.waterfrontseattle.org/

Gas Works Park: Ungewöhnliche Ausblicke

Um die Gaslaternen der Stadt zu versorgen, wurde im 19. Jahrhundert auf einer kleinen in den Lake Union ragenden Landzunge Kohle zu Gas verarbeitet. Mit der Einführung der Elektrizität war das nicht mehr nötig. Die Kessel und Rohre rosteten vor sich hin. Mitte der 1970er Jahre wurde die verlassene Gegend zu einem Naherholungsgebiet umgewandelt. Dabei kam man auf die Idee, die industriellen Spuren nicht komplett zu tilgen. So ist ein sehr unkonventioneller Park entstanden. Zum einen stehen noch die rostigen Riesen der ehemaligen Fabrik, zum anderen zeigt sich die Stadt hier von ihrer schönsten Seite. Das Wasser des Sees glitzert, die Skyline erhebt sich majestätisch dahinter. Hunderte Seattleites und Besucher kommen jeden Tag hierher, um die Aussicht zu genießen, sich den Wind um die Nase wehen und die Kinder spielen zu lassen, Yogaübungen zu machen, zu picknicken, zu feiern, den Hund Gassi zu führen oder einfach nur, um aufs Wasser zu schauen und in der Sonne zu liegen. Ein wunderschöner Platz. Auch Filmfans schauen gerne vorbei, denn entscheidende Szenen aus der Romantikkomödie „10 Dinge, die ich an dir hasse“ mit Heath Ledger wurden hier gedreht.

www.seattle.gov/parks/allparks/gas-works-park

Info

Anreise
Mit Lufthansa ab Frankfurt nach Seattle, www.lufthansa.com. Mit der Schnellbahn Link Light Rail in die Innenstadt, ein Ticket kostet ca. 2,70 Euro, www.soundtransit.org.

Unterkunft
Das im coolen Mid-Century-Stil eingerichtete Palihotel liegt superzentral direkt am Pike Place Market. Im hauseigenen Restaurant The Hart and the Hunter (www.thehartandthehunter.com) kann man gut essen oder auf einen Drink einkehren, DZ ab ca. 215 Euro, www.palisociety.com.

Mittendrin im Trubel wohnen und doch über den Dingen schweben: Das Inn at the Market befindet sich fast im Pike Place Market, DZ ab rund 250 Euro, www.innatthemarket.com.

Schönes Boutiquehotel mit einer französischen Brasserie und einer Bar auf der Dachterrasse: The State Hotel. DZ ab ca. 260 Euro, www.statehotel.com.

Essen und Trinken

Mediterrane Küche, modern interpretiert, eine von Kräutern und Blumen umwucherte Dachterrasse: Das Restaurant „Terra Plata“ auf dem Capitol Hill ist ein Ort zum Wohlfühlen für lässige Genießer, www.terraplata.com.

Renee Erickson brät in ihrem Wohlfühl-Lokal „The Whale wins“ Fisch und Fleisch auf dem Holzofen, gekonnt kombiniert mit saisonalem Gemüse. Große Weinauswahl. Die Köchin ist eine lokale Berühmtheit und betreibt noch fünf weitere Restaurants, https://thewhalewins.com.

Es ist zwar ein bisschen umständlich, mit der „Water Taxi“ genannten Fähre am Pier 50 nach West Seattle zu fahren (https://kingcounty.gov/, ca. 5,15 Euro eine Fahrt), doch die Mühe lohnt. Vom Seafood-Restaurant Salty’s am Alki Beach hat man einen tollen Blick auf die Stadt, vor allem bei Sonnenuntergang, www.saltys.com/seattle/.

Café, Radiostation und Plattenladen in einem: KEXP, www.kexp.org.

1971 gründeten drei Freunde eine Rösterei, nannten den Laden nach dem Steuermann im Roman „Moby Dick“ und designten ein grün-weißes Logo mit Meerjungfrau: Starbucks. Wer die Keimzelle des inzwischen weltweit bekannten Unternehmens am Pike Place besuchen möchte, muss früh aufstehen. Kurz nach Ladenöffnung um 7 Uhr besteht der Hauch einer Chance, reinzukommen. Wer wirklich nur Kaffee trinken will, geht besser in die Rösterei, die heute auf dem Capitol Hill liegt, www.starbucks.com.

Aktivitäten

Wer viele Attraktionen besuchen möchte, für den lohnt sich der City Pass. Das Kombi-Ticket kostet etwas mehr als die Hälfte im Vergleich zu einzeln gekauften Eintrittskarten und ist neun Tage ab Kauf gültig. Preis: 113 Euro für Erwachsene, Kinder zahlen 86 Euro. https://de.citypass.com/seattle

Das Gelände der Weltausstellung von 1962, Seattle Center genannt, erreicht man in nur zweieinhalb Minuten mit der Einschienenbahn, die zwischen Westlake Center in der Innenstadt und dem Museumsbezirk hin- und herpendelt. Die Bahnen wurden 1961 von der Firma Alweg in Deutschland gebaut. Eine Fahrt kostet rund 3 Euro, www.seattlemonorail.com.

Eine Food-Tour von Savor Seattle ist mit 78 Euro pro Person kein Schnäppchen, aber immerhin spart man sich das Frühstück im Hotel, was inklusive Steuern und Trinkgeld auch leicht 25 Euro pro Nase kostet, www.savorseattletours.com.

Eine halbe Stunde kostet rund 115 Euro pro Person, https://kenmoreair.com/seattle-lake-union/

Allgemeine Informationen
Visit Seattle, www.visitseattle.org, Infos zum Hafen und Flughafen von Seattle, www.portseattle.org, Visit Washington, https://stateofwatourism.com

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