Reise auf die Seychellen Bei Robinsons Erben

Wie auf der Fototapete, aber echt Seychellen Foto: Ram Malis

Die Seychellen-Insel Moyenne liegt inmitten eines der ältesten Meeresschutzgebiete der Welt. Dass sie zum Rückzugsort für bedrohte Pflanzen und Tiere wurde, verdankt sie einem englischen Schriftsteller und seinem einheimischen Mitstreiter.

Wenn die Riesen von Moyenne sprechen könnten, was würden sie erzählen? Die Welt war noch eine andere, als die älteste Schildkröte der Insel aus dem Ei kroch. Wenn man in die von tiefen Falten gerahmten Augen des vielleicht 100-jährigen Giganten blickt, wüsste man gerne, welche Geschichten er unter seinem um die 200 Kilogramm schweren Panzer durchs Unterholz seiner Insel schleppt.

 

Der Riese unter den Palmen blickt reglos ins blendende Aquamarin. Etwas da draußen auf dem Meer scheint sein Interesse geweckt zu haben. Sind es die Feenseeschwalben, deren weißes Gefieder immer wieder aufleuchtet, wenn sie ihr Luftballett über dem Riff vor Sainte Anne vorführen? Vielleicht sinnt der Senior, der da auf den Sainte-Anne-Marine-Nationalpark starrt und von einem Fünfjährigen getätschelt wird, darüber nach, wie er einst nach Moyenne kam.

Suche nach dem Piratenschatz

Womöglich erinnert sich die Riesenschildkröte noch an den sonnenverbrannten Engländer und seinen einheimischen Gefährten? Der Schriftsteller und Redakteur Brendon Grimshaw kaufte 1962 Moyenne für 8000 britische Pfund. Grimshaw wollte auf der Insel nach einem Piratenschatz suchen, den der legendäre französische Seeräuber La Buse hier versteckt haben soll. Mit dem Einheimischen René Antoine Lafortune fand der moderne Robinson seinen passenden Freitag. Sie pflanzten Tausende Bäume auf der Insel und gründeten eine Riesenschildkröten-Kolonie mit heute gut 120 Tieren. Unzählige Vögel kehrten ohne Zutun des Menschen zurück.

Die Riesenschildkröten haben schon viel gesehen Foto: Tanja Neumann

Aus der Idee, Moyenne Island zu kaufen und zu einem Rückzugsort bedrohter Pflanzen und Tiere zu machen, wurde das Lebenswerk der beiden Männer. Moyenne Island wird als kleinster Nationalpark der Welt bezeichnet und soll eines der dichtesten Vorkommen an Pflanzenarten auf der Erde haben. Sie ist heute Teil des Sainte-Anne-Marine-Nationalparks, der dieses Jahr den 50. Geburtstag feiert. Die Insel erhielt auf Wunsch Grimshaws einen besonders strengen Schutzstatus.

Auf den Seychellen wurde dem Mythos nach nicht nur die Fototapete mit Kokospalmen über türkisblauem Meer und puderzuckerweißem Sand entdeckt, sondern auch das Modell eines hochpreisigen Ökourlaubs. Flitterwöchner und Besserverdiener sollten für ihre Detox-Robinsonade all das für sich allein haben, was auf den Urlaubsinseln der Welt längst Mangelware geworden ist: einsame Strände, üppige Romantik und eine intakte Natur.

Der Luxustourismus und wohl auch undurchsichtige Offshore-Geschäfte bescherten dem Archipel einen beachtlichen Wohlstand. „Es ist eine echte Herausforderung, beim Umweltschutz und Tourismus die richtige Balance zu finden“, sagt Hardrah Bathilde. Die Naturführerin begleitet Touristen in die Nationalparks ihrer Heimat und erklärt ihnen bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Im Dschungel unterwegs wie Indiana Jones

Geduldig beantwortet sie auch die Fragen der Kleinsten. Wie schnell kommt eine Riesenschildkröte voran? Wie schwer wird eine Seychellennuss, der größte Samen der Welt? Warum sind Madagaskarweber-Vögel blutrot? Grimshaw und Lafortune sind für Bathilde Vorbilder. „Gerade junge Seycheller verstehen, dass die touristische Entwicklung nicht auf Kosten der Natur gehen darf“, sagt die 22-jährige.

Im Sainte-Anne-Marine-Nationalpark unweit der Hauptinsel Mahé liegen sieben Inselchen, die jede für sich ihre eigenen Entdeckungen birgt. Auf Sainte Anne, der größten der Inseln, wurde ein alterndes Strandresort in einen schnieken Club Med umgewandelt. Im Westen des Eilands haben Kinder die vom Dschungel überwucherten Militärbauten aus der Kolonialzeit zum Erforschen meist ganz für sich allein. Hier dürfen sie sich ein wenig wie Indiana Jones auf der Suche nach Piratenschätzen fühlen. Während die Insel Cerf gerne von einheimischen Familien zum Picknicken besucht wird, tummeln sich an den Riffen um die ehemalige Leprakolonie Round Island Schwärme bunter Korallenfische.

Spagat zwischen Naturschutz und Luxustourismus

„Weil der Nationalpark schnell von der Hauptstadt Victoria aus zu erreichen ist, ist der Bootsverkehr manchmal schon zu viel“, sagt Amrita Pai. „Wenn Anker nicht an den ausgewiesenen Stellen ausgeworfen werden, werden die ohnehin unter Druck stehenden Korallen zerstört.“ Die indische Meeresbiologin arbeitet für die Initiative WiseOceans, die durch Vorträge und geführte Ausflüge Urlauber für den Schutz der Meere gewinnen will. Gerade ist sie mit einer Gruppe auf einer Schnorcheltour zwischen den Inseln Sainte Anne und Moyenne. Den Kindern und Jugendlichen nennt sie nach Rückkehr am Strand die Namen der Fische, die sie gerade entdeckt haben, und erklärt ihre Funktion für das Ökosystem.

Mit der Einrichtung des Schutzgebiets begann auf den Seychellen 1973 die Entwicklung hin zum späteren Öko-Luxustourismus-Ziel. 20 Jahre danach nahmen die Seychellen den Naturschutz als eines der ersten Länder weltweit in ihre Verfassung auf, etwa die Hälfte der 115 Inseln umfassenden Landesfläche ist geschützt. Seither versuchen die Seychellen den Spagat zwischen hehren Naturschutzzielen und exklusiven Robinsonaden. Umweltschützer beklagen indessen die Folgen von Meeresverschmutzung, Überfischung und Klimawandel. Auf Mahé und Praslin gibt es kaum noch unbebaute Buchten, wo Meeresschildkröten ungestört ihre Eier ablegen können.

Was Grimshaw und Lafortune wohl über die heutige Entwicklung der Seychellen sagen würden? Auch im Umkreis von Moyenne wurden seit dem Tod der Naturschützer – Lafortune starb 2007, Grimshaw 2012 – überall neue Hotels errichtet und bestehende erweitert. Grimshaw verfügte als Letzten Willen, dass Moyenne als Nationalpark unbebaut bleibt und als Refugium für Pflanzen und Tiere erhalten bleibt.

Info

Anreise
Flug mit Condor (www.condor.com) non-stop von Frankfurt auf die Seychellen. Andere Flugverbindungen führen über Addis Abeba, Abu Dhabi oder Dubai. Von der Hauptinsel Mahé kommt man auf organisierten Bootsausflügen in den Sainte-Anne-Marine-Nationalpark.

Unterkunft
Der Club Med Seychelles auf der größten Insel im Sainte-Anne-Marine-Nationalpark liegt in Sichtweite von Moyenne und ist eines der wenigen Resorts der Seychellen, die auf Familien ausgerichtet sind, Doppelzimmer inkl. all-inclusive ab 650 Euro, www.clubmed.de.Auf der Nachbarinsel Round Island haben Gäste das Enchanted Island ganz für sich, Doppelzimmer ab 284 Euro, www.jaresortshotels.com.

Veranstalter
Geoplan Privatreisen kombiniert die schönsten Inseln der Seychellen. Eine 15-tägige Privatreise kostet ab 5780 Euro pro Person, www.geoplan-reisen.de.Silhouette Cruises bietet Kreuzfahrten durch die Inselwelt der Seychellen an. Die sieben- bis achttägigen Törns starten in der Regel von Mahé oder Praslin aus. Die Preise inkl. Vollverpflegung beginnen bei ca. 270 Euro pro Person und Tag. www.seychelles-cruises.com.

Allgemeine Informationen
www.seychelles.com

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