Reise in die südliche Schweiz Das Tessin leuchtet wieder
In den vergangenen Jahren hat die Region in der Südschweiz mit einigen Problemen zu kämpfen gehabt: Doch nun melden sich die Städte Ascona, Locarno und Lugano machtvoll zurück.
In den vergangenen Jahren hat die Region in der Südschweiz mit einigen Problemen zu kämpfen gehabt: Doch nun melden sich die Städte Ascona, Locarno und Lugano machtvoll zurück.
Wer von der Innenstadt Richtung Bahnhof läuft und im richtigen Moment nach links oben schaut, der kann es sehen: das legendäre Grand Hotel von Locarno. Die Fensterläden sind geschlossen, der puderfarbene Putz bröckelt, der weitläufige Park erscheint verlassen. Traurig thront das stattliche Gebäude über dem belebten Stadtkern und erinnert an bessere Zeiten. 1925 wurden in der Stadt am Lago Maggiore die Friedensverträge von Locarno unterzeichnet und Teilnehmer der Konferenz haben im Grand Hotel übernachtet. Dieses weltpolitische Ereignis trug ebenso zum Ruhm des Hotels bei wie das legendäre Filmfestival von Locarno, das von seiner Gründung 1946 bis 1970 im Hotelpark unter freiem Himmel stattfand. Seit 2005 steht das 1874 errichtete Belle-Époque-Gebäude leer. Immer wieder gab es interessierte Investoren, doch zu einem Kaufabschluss ist es nie gekommen. Doch nun endlich ist Rettung in Sicht. Ein reicher Schweizer hat das Haus gekauft, will es denkmalgerecht sanieren und im Jahr 2025 als 5-Sterne-Hotel wiedereröffnen. „Das ist eine sehr gute Nachricht für Locarno“, sagt Stadtführerin Carolina Peter erleichtert.
Es ist ja nun nicht so, dass in der berühmten Filmfeststadt Mangel herrscht an noblen Unterkünften. Dennoch kann man die jahrelange Schließung des Grand Hotels durchaus als Sinnbild für die Krise nehmen, in der sich die Städte im südlichsten Zipfel der Schweiz zuletzt befunden haben. Locarno, Ascona, Lugano: Diese Namen waren einst das Synonym für das schweizerische Dolce Vita, für italienische Lebensart außerhalb Italiens. An den beiden herrlichen Gewässern Lago Maggiore und Luganer See gelegen, waren die drei klangvollen Städtenamen für viele Touristen nördlich der Alpen fast so etwas wie die Verheißung eines perfekten Urlaubs im Süden. Doch dann kam die Bankenkrise, dazu noch Corona und der starke Franken. Die Touristen blieben weg.
Besonders stark gebeutelt war Lugano, eine der bedeutendsten Bankenstädte der Schweiz: Hier sind vor allem die Geschäftsreisenden ausgeblieben. Der Stadtführer von Lugano, Jaime Perdomo, meint jedoch, dass sich das Tessin zu lange auf seinem Ruhm ausgeruht hat. „Vieles hier sieht immer noch so aus wie in den goldenen 60er und 70er Jahren, als Lugano angesagt war und man sich für wenig Geld rund um das Ufer Ferienhäuser kaufen konnte und überall Parkhäuser gebaut wurden“, meint Perdomo.
In den letzten Jahren ist der Verkehr aus der Innenstadt zurückgedrängt worden und die Altstadt zur bezaubernden Fußgängerzone geworden. Wer genug Kleingeld hat, kann einkaufen, fein essen gehen, ansonsten kann man durch die verwunschenen Lauben wandeln und die beeindruckenden alten Palazzi im lombardischen Stil bewundern.
Die Fassaden sind hoch, die Gassen eng, umso überwältigender ist die großzügige Weite, die vom LAC, dem neuen Luganer Kulturzentrum, ausgeht. Das 2015 eingeweihte, stattliche Gebäude befindet sich direkt an der Seepromenade und beherbergt neben Ausstellungsräumen auch einen Theater- und Konzertsaal sowie ein Bistro.
Der schönste Raum aber im gesamten Haus ist quasi leer: In ihm stehen nur verstreut ein paar wenige Stühle vor einer riesigen, raumhohen Fensterfront. Von hier aus blickt man über das Zentrum bis hin zu den Zuckerhutbergen Monte Brè und Monte San Salvatore. Vor allem aber kann man sich nicht sattsehen an der Schönheit des Sees. Kunst hin, Musik her: Der Luganer See ist der unangefochtene Star des Museums.
Liegt in Lugano der kulturelle Schwerpunkt auf Kunst und klassischer Musik, so ist es in Ascona am Lago Maggiore die Literatur und der Jazz. Stadtführerin Carolina Peter erzählt, dass sich in letzter Zeit wieder mehr Touristen für die Geschichte des Monte Verità interessierten. Anfang des 20. Jahrhunderts sind viele Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle in die Schweiz eingewandert und haben auf dem grünen Hügel eine Kolonie gegründet und dort neue Lebensformen ausprobiert: freie Liebe, Gleichberechtigung, Vegetarismus. „Vielleicht hängt es mit den momentanen weltpolitischen Krisen zusammen, jedenfalls begegnen Besucher den Reformern von damals mit neuem Interesse“, stellt Peter fest.
Diese Erfahrung teilt die Führerin der Brissago-Inseln, Ida Szöllösi Risi. Die größere der beiden Inseln mitten im Lago Maggiore ist für Besucher geöffnet und eine Art subtropischer Garten Eden. Rund 1500 Pflanzenarten werden hier seit dem 19. Jahrhundert gezogen wie zum Beispiel der Zimtbaum vom Himalaja oder Gladiolen aus Madagaskar. „Die Besucher der Insel haben häufig erstaunliche Kenntnisse, was Artenschutz anlangt“, erzählt Risi und fügt hinzu, dass viele Touristen es schätzten, hier quasi dieselbe Flora und Fauna vorzufinden wie beispielsweise auf Madeira, ohne aber eine Flugreise dafür in Kauf nehmen zu müssen.
Die klimafreundliche Anreise ins Tessin ist in den vergangenen Jahren einfacher geworden. Durch den Gotthardbasistunnel hat sich die Reisezeit mit dem Zug von Zürich nach Bellinzona um 45 Minuten verkürzt. Innerhalb der Region kann man dank des Monteceneri-Tunnels in knapp 20 Minuten von Lugano nach Locarno fahren. Zuvor hatte die Fahrt über eine Stunde gedauert. Für Jurij Meile, Tourismusdirektor des Tessin, ist das „eine Revolution“. „Der Monteceneri-Tunnel verbindet die beiden unterschiedlichen Städte. Man kann viel schneller von einem Ort in den anderen fahren“, sagt Meile. Die leichte Anreise ins Tessin befördert auch den Tagestourismus. Zum Beispiel nach Bellinzona: Noch gibt es hier nur wenige Hotels, aber viel anzusehen: die drei imposanten mittelalterlichen Burgen, den authentischen Samstagsmarkt. „Die Einwohner genießen ihren Status als Geheimtipp“, sagt Meile und fragt lächelnd: „Aber ob das so bleibt? Es wird sich herumsprechen, dass Bellinzona weit mehr ist als nur ein Zwischenstopp auf dem Weg in den Süden.“
Anreise
Mit dem Zug über Zürich bis nach Bellinzona: www.bahn.de
Unterkunft
Das Hotel International in Bellinzona liegt sehr zentral direkt gegenüber vom Bahnhof, ist aber trotzdem ruhig. DZ/F ab 140 Euro: https://hotel-internazionale.ch/de/home-de/ Hoch über dem See gelegen ist das Hotel Belvedere in Locarno. DZ/F ab 229 Euro. www.belvedere-locarno.com/de
Essen und Trinken
Lecker und dennoch bezahlbar: die Pizzeria Mama Mia in Locarno. https://www.ristorantemamamia.ch Ausgezeichnete Küche und Lage: die Lanchetta Lounge Bar & Pinsa in Lugano. https://lanchetalounge.ch/
Aktivitäten
Rund 1500 Pflanzenarten kann man auf der Brissago-Insel bestaunen. Mehrmals täglich fährt von verschiedenen Städten aus ein Schiff zur Insel. www.isoledibrissago.ti.ch.Fällt die Abreise auf einen Samstag, unbedingt auf dem Markt in Bellinzona vorbeischauen und für daheim einkaufen: Hier gibt es wunderbaren Käse, Pistazien, Brot und Wurst aus der Region. www.bellininzonaevalli.ch
Allgemeine Informationen
www.ticino.ch