Reise in die Vergangenheit Warum altes Spielzeug viele fasziniert

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Porzellanpuppen, Modellautos und Kaufmannsläden aus längst vergangenen Zeiten sind für einige Monate im Heimatmuseum Stuttgart-Möhringen zu sehen. Das ehrenamtliche Team hat die Sonderausstellung organisiert und plaudert aus dem Nähkästchen.

Einige Ausstellungsstücke wie das Schaukelpferd und ein Puppentheater sind zum Anfassen und Spielen da. Foto: Alexandra Kratz
Einige Ausstellungsstücke wie das Schaukelpferd und ein Puppentheater sind zum Anfassen und Spielen da. Foto: Alexandra Kratz

Möhringen - Irene Reichert hat bereits einige Testpersonen durch die Ausstellung geführt. Vor Kurzem sei eine junge Familie zu Gast im Heimatmuseum gewesen – eigentlich, um sich die Dauerausstellung anzusehen. „Aber dann habe ich sie ganz spontan umgeleitet“, sagt Reichert und lacht. Denn es sei ein voller Erfolg gewesen. Der kleine Junge habe sich sofort auf allen Vieren auf Entdeckungsreise begeben. An den Glasscheiben der Vitrinen drückte er sich die Nase platt.

Doch zum Glück gibt es im Heimatmuseum nicht nur Dinge zum Gucken, sondern auch zum Ausprobieren. Der ältere Bruder verliebte sich sofort in das Schaukelpferd aus dunkelbraunem Holz mit dem liebevoll geschnitzten Gesicht und der kunstvoll gearbeiteten Mähne. Es erinnert an die Tiere des Kinderkarussells auf dem historischen Jahrmarkt auf dem Killesberg und lädt zu einer Reise in die Vergangenheit ein. „Die Kinder waren begeistert, die Eltern waren es auch“, sagt Reichert und fügt hinzu: „Nach einer halben Stunde hatten Mutter und Vater immer noch Mühe, ihren Nachwuchs wieder aus dem Museum zu bekommen, denn der konnte gar nicht mehr aufhören, zu spielen.“

Es ist eine Ausstellung für die ganze Familie

Diese Begeisterung ist der Lohn für die vielen Stunden ehrenamtlicher Arbeit, welche das Team des Heimatmuseums in die neue Sonderausstellung zum Thema altes Spielzeug investiert hat. Die Idee dazu hatte die Museumsleiterin Irene Reichert selbst. Zuletzt habe man eine Sonderausstellung zu dem Möhringer Unternehmen Speick und zur Möhringer Probst-Keramik gehabt. Beide seien sehr gut besucht und damit sehr erfolgreich gewesen. „Aber es war eben nichts für Kinder“, sagt Reichert und ergänzt: „Für altes Spielzeug kann sich jeder begeistern.“

Entsprechend groß war die Bereitschaft der Möhringer, Liebgewonnenes aus längst vergangenen Zeiten für das Heimatmuseum als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Reichert selbst hat zum Beispiel ein Pop-up-Buch mit Geschichten aus 1001 Nacht beigesteuert. Beim Umblättern der Seiten entstehen dreidimensionale Landschaften, so wie man es von Glückwunschkarten kennt. Auf der Rückseite ist dann die Geschichte von Aladin oder Sindbad zu finden.

Reiner Gorges, der sich auch in der Projektgruppe Heimatmuseum engagiert, hatte altes Blechspielzeug in seinem Fundus – alles noch voll funktionsfähig. Darunter zum Beispiel ein Paar, das zu Musik tanzt, wenn man es wie eine Spieluhr mit einem kleinen Schlüssel aufzieht. Von Dorita Hoch, oder besser gesagt von ihrer Mutter, stammt das Puppenhaus. Einst von ihrem Opa selbst mit viel Liebe zum Detail gebaut, tapezierte ihre Mama später sogar noch die Wände, bevor sie es Dorita Hoch schenkte. „Puppenstubenmöbel hatte ich aber nicht mehr. Die Einrichtung im Haus haben andere Möhringer zur Verfügung gestellt“, erzählt Dorita Hoch von der Projektgruppe Heimatmuseum. Ihr Mann hat extra für die Ausstellung zwei Fahrzeuge aus Materialien aus den Märklin-Modellbaukästen gebaut, die in den 1950er Jahren in vielen Kinderzimmern zu finden waren. „Wer sich früher damit beschäftigt hat, der konnte hinterher auch ein Auto bauen“, sagt Hoch.

Viele Brettspiele sind Klassiker

Insgesamt haben mehr als 30 Möhringer Exponate für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Darunter sind wertvolle Porzellanpuppen, ein selbst gebauter Bauernhof mit vielen Tieren, eine Ritterburg, Modellautos- und Eisenbahnen. Manche Ausstellungsstücke sind 120 Jahre alt. „Wir hätten noch viel mehr zeigen können. Aber unsere Vitrinen sind randvoll. Und irgendwann wiederholen sich die Dinge auch“, sagt Reichert.

Hoch erklärt, dass das Spielzeug früher nicht nur zum Spielen da war. „Es sollte auf das spätere Arbeitsleben vorbereiten.“ Darum habe es für die Mädchen zum Beispiel kleine Herde, Bügel- und Waffeleisen gegeben – vieles voll funktionstüchtig. Auch in den Puppenstuben seien oft Szenen des späteren Alltags dargestellt worden – zum Beispiel in der Hutmacherei, die in einer der Vitrinen zu sehen ist.

Eine Sache gab es aber schon immer: Karten- und Brettspiele wie Skat, Mühle, Monopoly oder Mensch ärgere dich nicht zum reinen Zeitvertreib. Das Team zeigt einige in einer Vitrine vor dem Ausstellungsraum und hat dazu noch Plakate gestaltet, die über die teils sehr lange Geschichte der Spiele informieren.

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