Der Spaziergang mit Yvonne Liebl gerät zur Gymnastikstunde. Ein paar Schritte gehen, dann ab in die Hocke, ein Blättchen zupfen, reiben, riechen – ah, Spitzwegerich. Prima für den frischen Mückenstich oder die Schürfwunde: „Desinfiziert, schwillt ab und schützt wie ein Pflaster“, referiert die Kräuterfrau. Ein Stück entlang der Böschung, dann Streckübungen, tief hinein ins dichte Grün, pflücken, schauen – ah, entzündungshemmende Nachtkerzen, würziger Giersch. Wo der Laie nur Unkraut sieht, wittert die Expertin Wildkräuterwunder. Die Gäste bücken, suchen und sammeln tapfer.
Burger mit Quittensalsa
Es geht ums Ganze, genauer: ums Abendessen. Das wird gemeinsam geschnippelt und gerührt beim Gastgeber des Kräuterseminars, Hotelier Franz Tanner. Der serviert zur selbst gemachten Kräuterbutter, zu Kräutersalz, -quark und -salat preisverdächtiges Landbrot. „Bei mir gibt es seit 20 Jahren Slowfood mit regionalen Zutaten“, sagt er, und ein Blick in die Speisekarte zeigt, wie kreativ das sein kann. Der Burger kommt mit Edelschimmelkäse und Quittensalsa, in den Kohlrabi-Rouladen steckt Couscous, der Fisch schwimmt in Wiesenkräutern. Auch er hatte keinen weiten Weg, denn der Waginger See liegt in Laufweite und ist voll von Zander, Hecht, Forelle & Co. Das gilt auch für den benachbarten Tachinger See, der heute als Teil des Waginger Sees gilt. Um Land zu gewinnen, wurde 1867 der Wasserspiegel um etwa zwei Meter abgesenkt, indem man den Abfluss tiefer legte. Dadurch wurde die Engstelle zwischen den Seen so schmal, dass man sie überbrücken konnte.
Bratapfellikör vom Bio-Brenner
In Taching verarbeitet Familie Gramminger auf dem Sailerhof die Schätze der Natur. Man riecht sie schon, bevor man sieht, was genau Franz Gramminger junior vom Wagen in den Trichter von Senior Franz Gramminger kippt. Große leuchtend gelbe Früchte poltern herab – Quitten! Zwischen goldgelb und bernsteinfarben changiert auch das fertige Produkt, das in der hauseigenen biozertifizierten Brennerei verkostet werden kann: Quittenbrand. 45 verschiedene Schnäpse und Liköre brennen sie hier aus Birnen, Zwetschgen und Marillen von 80 eigenen Obstbäumen sowie aus Brombeeren und Kräutern aus der Nachbarschaft. Dazu kommen Kreationen wie Bratapfellikör oder Mispelgeist.
2019 haben Franz Gramminger junior und seine Frau Hannah den Hof von seinen Eltern übernommen, die Milchkühe abgeschafft und 45 Gästebetten in Zimmern und Wohnungen eingerichtet. In einem Yogastudio gibt die studierte Medizinerin Hannah Kurse und in der Brennerei experimentiert ihr Mann. Die drei Kinder und ihre Großeltern mischen munter mit. Das Ganze wirkt so idyllisch, dass man es kaum glauben mag. Hier scheinen echt drei Generationen in Einklang mit sich und der Natur zu leben und zu wirtschaften.
Wo urbayerische Brautradition praktiziert wird
Biergarten oder Brauereistüberl – das ist eine Frage des Wetters. Ob man in der Schönramer Brauerei rastet, ist eigentlich keine Frage, gilt die 1780 entstandene Brauerei doch als urbayerisches Kulturgut. Und das nicht nur, weil hier eine traditionelle, aufwendige Brauart praktiziert wird, wie Braumeister Michael Buchner erläutert: „Bei uns sieht man die Gärung, denn die Bottiche im Sudhaus sind offen“, erklärt er und lässt einen Blick in die riesigen runden Stahlbecken werfen. In einigen steht der gelblich-weiße Schaum noch bis zur Oberkante, in anderen schwimmen nur noch Schaumrestchen auf der gelbbraunen Flüssigkeit.
Insgesamt dauert der Brauprozess von Sonntagabend, wenn Wasser und Gerstenmalzschrot zusammengerührt werden, in der Maischepfanne erhitzt und im Läuterbottich geklärt, gekocht und mit bis zu drei Hopfengaben versetzt werden, bis Donnerstag, wenn auch der letzte Schluck in die Tanks gefüllt ist. Nach dem Putzen am Freitag ist Schluss, bis das Ganze am Sonntagabend wieder beginnt. Rund 115.000 Hektoliter pro Jahr werden in Schönram produziert, Biersorten von Alkoholfrei bis Starkbier, aber auch Radler und Limonade.
Die Kirche gehört der Brauerei
In früheren Jahrhunderten war das freie Wochenende keine Selbstverständlichkeit für Brauereimitarbeiter. Doch schon damals musste der Brauereibesitzer seine Arbeiter am Sonntag für den Kirchgang freistellen. Dumm nur, dass Schönram keine Kirche hatte und die Mannen dazu in den Nachbarort mussten – von wo sie oft genug nicht zurückkehrten. Also baute die Brauerei 1852 eine eigene kleine Kirche direkt neben der Brauerei – mutmaßlich die einzige in Deutschland in Brauereibesitz.
Das nette kleine Kirchlein wird bis heute genutzt, nicht mehr für regelmäßige Gottesdienste, wohl aber für besondere Feiern. Und nach dem geistigen folgt das leibliche Wohl – zum Beispiel beim Braten in Biersoße, bei Jägermaultaschen oder Käseknödeln im Brauereistüberl. Wer – der Personalmangel lässt grüßen – an einem der Ruhetage durstig in Schönram vorbeikommt, der findet im Biergarten einen Kühlschrank mit Kasse vor.
Filmreife Kulisse
Vom Brauer zum Bauer, genauer zum Beerenbauer Michael Steiner. Der Agraringenieur kultiviert im Schönramer Filz Cranberrys, Aronia und Heidelbeeren. Auf dem ehemaligen Versuchsgelände der TU Weihenstephan, die dort nach Ende des Torfabbaus mit allerlei Beerensorten experimentierte, kann man sehen, wie die supergesunden Cranberrys wachsen. Oder zum Selberpflücken vorbeikommen, mühsam von Hand an den filigranen Sträuchern. „Marmelade kann man daraus machen, Soßen, oder sie trocknen – nur roh essen ist eher nichts. Sie schmecken nicht besonders und sind schwer verdaulich“, sagt Steiner.
Wer den unscheinbaren Abzweig zur Plantage verpasst, findet sich in einer filmreifen Kulisse wieder. Knorrige Bäume spiegeln sich in dunkelbraunem Wasser, moosüberwucherte Baumstümpfe und wirres Wurzelwerk säumen den unscheinbaren, schmalen Pfad. Heidekraut und wilde Beeren decken den Boden, der immer leicht nachgibt, das frühere Moor lässt grüßen. Am Himmel wechseln drohend dunkle Wolken mit grellem Sonnenlicht, das die Laubbäume zum Leuchten bringt.
Info
Anreise
Von Stuttgart mit ICE oder EC direkt oder über München nach Traunstein, weiter mit der Regionalbahn nach Waging am See, www.bahn.de
Unterkunft
Entschleunigt schlemmen im Landhaus Tanner, DZ/F ab 167 Euro, www.landhaus-tanner.de
Landidylle pur erleben im Sailerhof in Taching, DZ/F ab 77 Euro, www.sailerhof.de
Essen und Trinken
Schnapsbrennerei Gramminger in Taching, www.sailerhof.de/brennerei/
Brauereistüberl in Schönram, www.schoenramer.de
Gasthaus Unterwirt in Fridolfing, www.gasthaus-unterwirt.de
Cranberry-Plantage im Schönramer Filz, www.frutifux.de
Kräuterseminar mit Yvonne Liebl, www.esspedition-liebl.de
Allgemeine Informationen
Chiemgau Tourismus, www.chiemsee-chiemgau.info
Tourismus Waginger See, www.waginger-see.de