Athen Mit Kreativität aus der Krise

Von Susanne Hamann 

In der griechischen Hauptstadt herrscht derzeit eine Stimmung wie in Berlin nach dem Fall der Mauer. Kreative wagen Neues, an jeder Ecke eröffnen spannende Lokale, die ganze Stadt ist im Aufbruch und stolz auf ein neues architektonisches Großprojekt.

Beste Aussichten: Rund um  die Akropolis herrscht Aufbruchstimmung. Foto: Discover Greece 9 Bilder
Beste Aussichten: Rund um die Akropolis herrscht Aufbruchstimmung. Foto: Discover Greece

Athen - Da war diese Baulücke im Athener Stadtviertel Kerameikos. Und da war die Idee, zentrumsnah skaten zu können, ohne sich im Park oder auf öffentlichen Plätzen mit den Eltern kleiner Kinder zu zoffen. Beruflich lief es gerade auch nicht so gut, also brachte Architekt Zachos Varfis (40) seinen Herzenswunsch ins Rollen. 2016 mietete er das Gelände für kleines Geld, schaffte das herumliegende Gerümpel fort und zimmerte ein Jahr lang an einer maßgeschneiderten Halfpipe aus Sperrholz. Er entwarf alles selbst, Freunde halfen beim Aufbau. Das nötige Kapital wurde per Crowdfunding gesammelt. „Wir haben hier in Griechenland eine Wirtschaftskrise. Also müssen wir damit umgehen und uns irgendwas einfallen lassen“, sagt Zachos Varfis.

So wie er denken viele. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Obwohl es in Griechenland noch immer vielen Menschen schlecht geht. Obwohl die Renten niedrig sind und die Arbeitslosigkeit hoch ist. Nur nicht unterkriegen lassen – sagt sich vor allem die junge Generation. „Wir pendeln zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Im Moment hat die Zuversicht wieder die Oberhand“, sagt Thodoris Andritsos. Der 33-Jährige gehört zu den vielen jungen Griechen, die nach dem Studium keine Anstellung gefunden haben. Also studierten sie weiter. Thodoris Andritsos hat ein Examen in Philosophie, eins in Geschichte und eins in Tourismuswirtschaft. Statt an der Universität über Platon zu forschen, zeigt er nun Besuchern die unbekannten Ecken der Stadt. „Die Zukunft liegt im Tourismus“, sagt er, „man muss flexibel sein.“

Eine Wand ohne Street-Art fällt richtig auf

So flexibel wie Architekt Zachos Vafris, heute hauptberuflich Skatepark-Besitzer. Kurz nachdem die Rampe fertig war, baute er noch ein kleines Café daneben, kaum größer als ein Geräteschuppen. Er pflanzte ein paar Bäume und stellte Bänke und Tische dazwischen. Zu Zachos Varfis kommen nicht nur die Rollschuh- und Skateboardfans, sondern auch Leute aus der Gegend. Sie sitzen in der Sonne und bestellen typische Hipstergerichte wie mit Avocado, Halloumi oder Rote-Bete-Hummus belegte Brote. In Kerameikos, dem Viertel nordwestlich der Akropolis, tut sich einiges. Künstler, Schauspieler und andere Kreative ziehen her, weil die Mieten besonders günstig sind. Ein Großteil der Häuser ist verfallen, manche besetzt, und es gibt so viel Street-Art, dass eine unbemalte Wand richtig auffällt. Viele gesprühte Parolen richten sich gegen die Sparpolitik der Regierung. Die Krise ist hart, aber zugleich der Nährboden für Kreativität.

Auch Giouli Svirinaki (33) suchte hier ihr Glück in der Gastronomie. Die gebürtige Kreterin verlor während der Krise ihren Job als Verkäuferin und machte sich daraufhin selbstständig. Ihr Lokal namens „To Laini“ (Zum Krug) ist eine kleine Taverne mit bastbespannten Holzstühlen und nur zehn Tischen. Giouli Svirinaki fungiert als Köchin, Bedienung und Barkeeperin. Eine Küche gibt es nicht, gewerkelt wird hinter dem Tresen. Die englischsprachige Speisekarte hat ein Freund von Hand auf einen Notizblock geschrieben. Alles sehr improvisiert, aber köstlich. Es gibt Mezze – die griechische Variante von Antipasti. Würzigen Käse, richtig saftige Tomaten, kross gebackenes Brot. „Ich bekomme fast alle Waren vom Bauernhof meiner Eltern aus Kreta“, erzählt die 33-Jährige. So erklärt sich auch, dass sie bei moderaten Preisen von zwei Euro pro Vorspeisenteller etwas verdienen kann.

Man besinnt sich auf die kulinarischen Wurzeln

„Es gibt hier in Athen den Trend, sich beim Essen auf die eigenen Wurzeln und die eigene Identität zu besinnen“, sagt Carolina Doriti. Die 38-Jährige macht nicht nur kulinarische Stadtführungen für Touristen, sie arbeitet auch für eine griechische Food-Zeitschrift und ist eine Kennerin der Athener Gastroszene. Somit hat sie ziemlich viel zu tun: Denn ständig eröffnen neue Läden, andauernd gibt es ein neues, spannendes Konzept. Alle können irgendwie überleben – weil die Griechen so gerne ausgehen. Außerdem hat sich außerhalb Griechenlands herumgesprochen, dass Athen ein cooles Ziel für eine Städtereise ist. Ein bisschen schrill, ein bisschen versifft, aber dafür ständig im Wandel. Wie in Berlin nach dem Fall der Mauer.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist gut, und die Stadt noch insofern ein Geheimtipp, dass man sich nicht mit Tausenden anderer Touristen durch die Gassen schieben muss. Natürlich gibt es auch Gegenden wie Plaka, in denen Abbildungen von den Speisen an den Eingängen der Lokale hängen und aggressive Werber Passanten anquatschen, ob sie nicht was essen möchten. Doch schon zwei, drei Straßenecken weiter wartet das authentische Athen mit echten Einheimischen und Straßenschildern nur auf Griechisch. Um sich hier zurechtzufinden, ist noch echter Pfadfindergeist gefragt.

Eiskaffee und Orangenduft

Athen ist für eine Hauptstadt relativ klein und für Reisende daher leicht zu erobern. Als Orientierung dient die Akropolis, die auf einem Hügel in der Mitte thront. Drum herum schmiegen sich viele unterschiedliche Stadtviertel. Die Grenzen sind fließend. Manchmal macht nur eine Straßenecke den Unterschied aus zwischen Anarchoviertel und Schickimickigegend, zwischen Tourifalle und Hipstertummelplatz. Viele Straßen sind von Pomeranzenbäumen gesäumt. Die sehen mit ihren orangenartigen Früchten nicht nur hübsch aus, sondern verströmen auch einen angenehmen Zitrusduft.

Unabhängig von Wochentagen oder Uhrzeiten sind die engen Gassen und kleinen Plätze ständig trubelig und voller Menschen. Stadtführer und Philosoph Thodoris Andritsos erklärt das mit der griechischen Kultur: „Zu Hause seine Wunden lecken, eine Depression pflegen und jammern, das liegt uns nicht.“ Also gehen auch diejenigen, die keinen Job haben und schwere Zeiten durchmachen, hinaus. Sie setzen sich in ein Café, die meisten rauchen. Viele haben niedrige Whiskygläser vor sich stehen, gefüllt mit Eiskaffee. Der typische Athener mit Tagesfreizeit sitzt stundenlang vor solch einem Glas Frappé und füllt den starken Kaffee immer wieder mit dem kostenlos servierten stillen Wasser auf.

„Wir Griechen sind sehr neugierig und beobachten gerne Leute. Das ist Teil unserer Kultur“, sagt Thodoris Andritsos. Manchmal werden bei diesen Kaffeehaus-Sitzungen auch Weichen für die Zukunft gestellt. Freunde schmieden Pläne, tun sich zusammen, mieten ein günstiges Ladenlokal, setzen eine Idee um. „Kooperativen werden steuerlich begünstigt. Daher haben die meisten Cafés oder Kneipen mehrere Besitzer, aber keine Angestellten“, erklärt Carolina Doriti. Die 38-Jährige ist auch so eine typische Vertreterin ihrer Generation. Sie hat mehrere Uniabschlüsse und lange im Ausland gelebt. Dennoch kam sie zurück nach Athen – und könnte sich nicht vorstellen, woanders zu leben. „Wir haben das Meer direkt vor der Tür, es ist angenehm warm, selbst im Winter. Alle meine Freunde und meine Familie sind hier. Warum sollte ich weg?“, fragt sie. Sie glaubt fest daran, dass das Schlimmste überstanden ist.

Neues Wahrzeichen

Das neue Stavros Niarchos Cultural Center (SNCC) steht symbolisch für den Neubeginn nach der schweren Zeit. Wo früher Rennpferde um die Wette galoppierten, steht nun ein begehbares Kunstwerk aus Glas und Stahl – entworfen von Stararchitekt Renzo Piano. Im Bauch des Gebäudes durften die Nationalbibliothek und die Nationaloper einziehen. Beide Institutionen logierten zuvor im historischen Zentrum und klagten dort über zu wenig Platz, schlechte Akustik oder fehlende Technik. Nun gibt es drei Kilometer außerhalb der Innenstadt moderne, lichtdurchflutete Räume und ein neues Konzept: Das Kulturzentrum steht jedermann offen. Es soll ähnlich wie das Pariser Centre Pompidou ein Tempel des Wissens sein. Oder – noch besser – gleich eine Art neue Akropolis.

Kritiker schimpfen, das SNCC sei wie ein Meteorit im Süden Athens eingeschlagen. Im eher armen und zubetonierten Vorort Kallithea, eingeklemmt zwischen Mittelmeer und Häusermeer, wirke der architektonische Leuchtturm fremd und unpassend. Dennoch wird die Anlage gut ein Jahr nach ihrer Eröffnung angenommen. Großfamilien lümmeln in den niedrigen Sesseln des Cafés, Schulklassen drängeln vor den Aufzügen, Touristen schießen Selfies.

Von der Dachterrasse aus kann man die Schiffe im Hafen von Piräus beobachten, der Wind pfeift einem um die Nase. Das Besondere aber ist der dazugehörige Park, der wie eine grüne Schleppe am Haus hängt. Über eine riesige Rampe kann man von der Dachterrasse in 32 Meter Höhe direkt Hunderte Meter weit begab wandeln. Sandige Wege führen vorbei an knorrigen Olivenbäumen, durch Rosmarin- und Lavendelbeete, die Stadt immer im Blick. 600 Millionen Euro soll das Ensemble gekostet haben. „Wahrscheinlich wollten die Niarchos-Erben Steuern sparen“, witzelt Thodoris. Aber egal. Stolz ist man trotzdem – „die meisten lieben es“, sagt er. Es ist ein Symbol für den Aufschwung. Athen ist wieder da.