Reise nach München Haidhausen, das Viertel der Kontraste
Der Münchner Stadtteil Haidhausen vereint bayerische Tradition ganz entspannt mit französischer Lebensart. Überall herrscht eine entspannt-familiäre Atmosphäre. Die Schickeria ist weit weg.
Der Münchner Stadtteil Haidhausen vereint bayerische Tradition ganz entspannt mit französischer Lebensart. Überall herrscht eine entspannt-familiäre Atmosphäre. Die Schickeria ist weit weg.
München - Wenn Dorothea Sigel in ihrem Café etwas ausgeht, Spülmittel zum Beispiel, ruft sie einfach die Nachbarn an. „Irgendeiner hat immer das Passende im Vorrat und bringt es sogar vorbei“, sagt die Wirtin des Mr. Baker’s Coffeehouse in München-Haidhausen. Die Besucher, die meisten sind Stammgäste aus dem Viertel, sitzen im lauschigen Innenhof zwischen Rosensträuchern auf bunten Klappstühlen und trinken nachhaltigen Kaffee. Jeden Tag gibt es frisch gebackene Quiche, mit Liebe gemacht. Es herrscht eine lässig-entspannte Stimmung, die sich sofort auf Ortsfremde überträgt.
Zwischen der Isar und dem Ostbahnhof gibt sich die bayerische Landeshauptstadt entspannt und familiär. Man ist hier zwar nur knapp zwei Kilometer weg vom trubeligen Marienplatz und der Maximilianstraße mit ihren sündhaft teuren Luxusboutiquen, und doch fühlt man sich Lichtjahre entfernt von der klischeehaften Schickeria und der Bussi-Bussi-Gesellschaft.
Wer die TV-Kultserie „Die Hausmeisterin“ gesehen hat, erkennt viele Straßenzüge wieder. Die Mietshäuser schauen immer noch so aus wie Ende der 1980er Jahre, nur die Bäume sind gewachsen. Normalverdiener wie die Serienfigur Martha Haslbeck gibt es noch in Haidhausen, aber auch vor einem Idyll macht die Gentrifizierung nicht halt. „Für Familien mit mehr als zwei Kindern ist es schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden“, sagt Petra Fischer (54). Die Keramikmeisterin betreibt seit 22 Jahren die Werkstatt „1260 Grad“ in der Sedanstraße. Sie stellt Töpferwaren her. Kein bäuerlicher Tand, sondern Designerstücke. Schlicht, pur, klar. Hündin Lotte liegt vor dem Laden und sonnt sich. Neben der Tür stehen einladende Stühle, gedacht für spontane Besucher. „Hier kennt jeder jeden“, sagt Petra Fischer.
Egal, wen man im Viertel fragt, alle schwärmen von der Haidhauser Atmosphäre. „Eine schöne Gemeinschaft wie auf dem Dorf“, sagt Textildesignerin Stephanie Kahnau (35), die mit zwei Mitstreiterinnen einen Conceptstore betreibt. „Viel heimeliger als Schwabing. Vielleicht, weil es hier so schön grün ist“, findet Ulrike Brugger (65) aus dem Geschenkladen Kokolores.
Egal, um welche Ecke man schlendert, überall gibt es kleine, inhabergeführte Läden zu entdecken. Einrichtungsgeschäfte, Modeboutiquen, Kunsthandwerker. Ketten oder Filialisten? Fehlanzeige. Dafür verbirgt sich im Hinterhof manches von außen unscheinbaren Hauses bei genauer Betrachtung Verblüffendes – wie ein nettes Café, in dem man sich wunderbar vom Bummeln erholen kann.
Ein paar Schritte weiter wieder eine Überraschung: buckliges Kopfsteinpflaster, windschiefe, einstöckige Häuschen mit Blumen im Vorgarten. Ein kleines Dorf mitten in der Großstadt. „Was heute wildromantisch aussieht, hat eine traurige Geschichte“, sagt Gästeführerin Grit Ranft (52). Zur Zeit der Industrialisierung kämpfte das vorstädtische Proletariat hier ums Überleben. In den Herbergshäusern hausten Familien in schlimm beengten Verhältnissen. Viele Habenichtse aus Haidhausen verdingten sich im benachbarten Stadtteil Bogenhausen, wo schon immer die reichen Familien wohnten – die Bierbarone und Industriellen. „Haidhausen war ein Glasscherbenviertel. Dort wohnten schon im Mittelalter die armen Schlucker – Tagelöhner, Lumpensammler, Bettler –, die in der Stadt kein Bürgerrecht hatten“, erzählt die Stadtführerin.
Ironischerweise kam das Baumaterial für die ausgrenzende Stadtmauer aus Haidhauser Ziegeleien. „Der Boden hier besteht aus Lehm, aus dem man einst Ziegelsteine für die Münchner Altstadt geformt und gebrannt hat. Frauenkirche, Residenz – alles gebaut mit Ziegeln von der anderen Isarseite“, erzählt Grit Ranft.
An ein anderes längst vergessenes Kapitel Stadtgeschichte erinnert ein kleines Denkmal in der Einsteinstraße, Ecke Seerieder Straße. „Das ist die Trambahnschienenritzenreinigerin“, erklärt Grit Ranft und deutet nach oben an eine Hauswand. Bis ins 20. Jahrhundert wurden die Gleise von Hand geputzt. Mit an Stöcken befestigten Eisenspitzen kratzten vor allem Frauen den Schmutz aus den Rillen. Heute macht den Job eine Maschine, und das Wort kennen nur noch Leute, die gerne Scrabble spielen.
Bis in die 1970er Jahre war Haidhausen laut der „Süddeutschen Zeitung“ ein „Ort, wo man besser nicht hinzog“. Vor etwa 40 Jahren begann der Aufschwung. „Dann eroberten die Hippies das Viertel“, sagt Grit Ranft. Subkultur wirkt anziehend: Dass nun viele Familien hier wohnen, sieht man an den Parkplätzen für Lastenräder und an den vielen Leuten mit Kinderwagen auf der Straße.
Man sagt, das Glück habe jahrhundertelang einen Bogen um Haidhausen gemacht und wollte deshalb im Zweiten Weltkrieg wieder etwas gutmachen. Im Gegensatz zum übrigen Stadtgebiet blieb das Viertel relativ unversehrt. Dennoch sollte die alte Bausubstanz abgerissen werden. Eine Bürgerinitiative wehrte sich erfolgreich. Rund um den Wiener Platz und in der Preysingstraße sind so einige Herbergshäuser erhalten geblieben. Eine kleine Kate duckt sich an die Brandmauer der benachbarten Mietskasernen, als suchte sie Schutz. Heute gehören die Puppenstuben der Stadt, die sie an Künstler vermietet oder darin Behörden oder Kindertagesstätten eingerichtet hat.
Ein paar Straßen weiter fühlt man sich plötzlich wie in Paris: Die Bäckerei heißt Boulangerie, über der Wirtshaustür steht Brasserie. Die südliche Ecke von Haidhausen nennt man das Franzosenviertel. Das Gründerzeitquartier entstand Ende des 19. Jahrhunderts nach französischem Vorbild mit Straßen, die sternförmig auf die Plätze zulaufen. „Belfort, Lothringen, Metz, Orléans – viele Straßen benannte man nach Schlachten aus dem Deutsch-Französischen Krieg vor 150 Jahren. Nur der Name Bordeauxplatz hat nichts damit zu tun. Das ist die Partnerstadt von München“, sagt Grit Ranft (52).
Am Weißenburger Platz sprudelt ein Brunnen, Bienen schwirren zwischen Salbeistauden, Zinnien und Löwenmäulchen umher. Auf den umstehenden Bänken sitzen Leute und unterhalten sich angeregt. An der Eisdiele stehen Dutzende Kinder Schlange. Ein Eichhörnchen klettert den Alleebaum hinauf. Hier lässt es sich aushalten.
Info
Unterkunft
Für Design-Fans: Das privat geführte Hotel Cortiina ist im trendigen Mid-Century-Style eingerichtet und hat einen sehr persönlichen Service und Charme. Im Erdgeschoss befindet sich eine lässige Weinbar namens Grapes. Doppelzimmer ab 229 Euro, www.cortiina.com.
Hier spielt die Musik: Jams nennt sich ein Boutique Hotel, dass sich ganz dem Thema Tonträger verschrieben hat. Auf den Zimmern gibt es Retro-Plattenspieler, die Wände sind mit Vinylscheiben verziert. Doppelzimmer ab 125 Euro, www.jams-hotel.com.
Wer Motiv-Tapeten und persönliche Gastlichkeite mag ist im Hotel Stadt Rosenheim am Ostbahnhof bestens aufgehoben, Doppelzimmer ab 124 Euro, www.hotel-stadt-rosenheim.de.
Essen und Trinken
Chez Fritz ist eine klassische französische Brasserie mit meterhohen Decken, Metrofliesen an den Wänden, Holztischen und einer langen Bartheke, wie man sie auch in Paris findet. Kerzenlicht verbreitet Romantik, doch die Stimmung ist eher locker und es kann schon mal laut werden. Auf der Karte stehen Austern, Muscheln, Steak frites – alles in bester Qualität, www.chezfritz.de.
Im Atelier Gourmet serviert Chefkoch Philippe Bousquet Haute Cuisine auf Sterne-Niveau, besitzt aber (noch) keine solche Auszeichnung. In Wohnzimmer-Atmosphäre genießen alle dasselbe Menü, man kann die Anzahl der Gänge wählen – drei bis sechs Gerichte zu 53 bis 67 Euro, https://ateliergourmet.de.
Stulle und Stoff ist ein liebenswertes Eck-Café mit tollem regionalem Frühstück und Mittagstisch zu günstigen Preisen, ideal für eine Shoppingpause. Inhaberin Julia Tripp ist sehr kommunikativ und liebt es, die Gäste miteinander ins Gespräch zu bringen, www.instagram.com/stulle_stoff/?hl=de.
Bayerische Klassiker wie Schweinsbraten und Knödel gibt es beim Klinglwirt, die Küche verwendet nur Zutaten in Bio-Qualität, www.klinglwirt.de.
In der kleinen Rösterei Vogelmaier kann man vom angeschlossenen Café aus zuschauen, wie die Bohnen veredelt werden. Stefan Vogelgesang und Christiane Maier haben ihre alten Jobs gekündigt und mit der eigenen Rösterei einen Traum erfüllt, www.vogelmaier.de.
In der Juliet Rose Bar herrscht das Prinzip „Im Namen der Rose“ – die Karte ist botanisch eingeteilt: es gibt blumige, holzige, fruchtige und „herbal“ Drinks. Sehr raffiniert und köstlich! www.julietrosebar.com
Aktivitäten
Mit der München Card kann man nicht nur den ÖPNV nutzen, sondern hat auch ermäßigten Eintritt in Sehenswürdigkeiten wie das Deutsche Museum (www.deutsches-museum.de), das auf einer Isarinsel in unmittelbarer Nachbarschaft zu Haidhausen liegt. Preis: 13,90 Euro (24 Stunden), Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren zahlen 5,50 Euro, www.muenchen.travel/angebote/buchen/muenchen-card.
Immer samstags um 15 Uhr gibt es in München Stadtführungen durch ein bestimmtes Viertel. Die nächste Tour durch Haidhausen findet am 25. September 2021. Kosten: 15 Euro pro Person, Infos und Buchung: www.muenchen.travel/angebote/buchen/fuehrung-viertelliebe. Touren mit Grit Ranft kann man hier buchen: www.lust-auf-muenchen.com/
Allgemeine Informationen
München Tourismus, www.muenchen.travel