Der Harlekin liegt auf dem Boden und streckt frech die Zunge zur Decke. Teuflische Gestalten lassen den Kopf hängen, riesige Fische glotzen ins Leere. Die Figuren aus Kunstharz sind umringt von Requisiten, die sich meterhoch auftürmen. Schirme mit Federbüscheln, glitzernde Kostüme in Plastiksäcken, prächtig-bunter Kopfschmuck.
Ein paar Schritte weiter stehen die großen Festwagen – eng an eng eingeparkt wie Lkw auf einer Raststätte, die das sonntägliche Fahrverbot abwarten. Ein Besen lehnt an der Wand. Kehraus bei der Samba-Schule Academicos do Grande Rio.
Endlich wieder Lebensfreude – nach all dem Leid
Nach zwei Jahren Coronapause hat der berühmte Karnevalsumzug von Rio de Janeiro dieses Jahr wieder stattgefunden, wegen Omikron allerdings erst Ende April. „Es war ein besonderes Fest. Nach all dem Leid haben wir endlich wieder Lebensfreude gespürt“, sagt Cecilia Bulcão de Moraes (63).
Die Pandemie hat Brasilien besonders hart getroffen. In den letzten zwei Jahren kamen mehr als 600 000 Menschen ums Leben. Wegen dieser Tragödie mussten die tollen Tage 2021 abgesagt werden. Inzwischen sind über 90 Prozent der Einwohner am Zuckerhut vollständig geimpft, und der Wille, mit dem Kostümfest weiterzumachen, ist riesig.
Aus logistischen Gründen sind die Hallen in der Nähe des Sambodroms
Cecilia Bulcão de Moraes führt seit fünf Jahren Besucher durch die Cidade do Samba Joãosinho Trinta, die Stadt des Samba. In dem großen Gebäudekomplex in der Nähe des Hafens von Rio befindet sich die Keimzelle des Karnevals.
In der Samba-Stadt kann man das rauschende Fest das ganze Jahr über erleben: Jede der zwölf Samba-Schulen der Grupo Especial, der ersten Liga, hat hier eine eigene dreistöckige Halle mit Werkstatt, Lager und Schneiderei. „Das hat logistische Gründe. Die Gruppen kommen ja zum Teil von weit her aus den Favelas in und um die Stadt, und von hier ist es bis zum Sambodrom nicht weit“, sagt Cecilia.
Das Sambodom Marques de Sapucai ist die große Bühne der Karnevalisten. Die 700 Meter lange Anlage – mehr eine Straße als eine Arena – bietet auf den Tribünen Platz für fast 90 000 Menschen und wurde von keinem Geringeren als Brasiliens Stararchitekten Oscar Niemeyer entworfen. Seit 1984 finden hier die großen Umzüge statt.
Von wegen nur Party: Karneval ist ein Wirtschaftsfaktor
Das Defilee ist der Höhepunkt der Feierlichkeiten. Beim Wettstreit der zwölf besten Samba-Schulen zeigt jede, was sie kann, und zieht mit den gigantischen Prunkwägen, Trommlern, Standartenträgern, Tänzern, Bands und einem Heer von Statisten an Zuschauern und Jury vorbei. 70 Minuten haben sie dafür Zeit.
„Bis zu 5000 Teilnehmer sind pro Schule dabei. Beim Karneval beweisen wir ansonsten chaotischen Brasilianer erstaunliches Organisationstalent“, sagt Cecilia Bulcão de Moraes und lacht.
„Karneval ist nicht einfach nur eine große Party, es ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. Man kann es mit eurer Fußball-Bundesliga vergleichen: Es geht um viel Geld und viel Ehre. Und wie beim Fußball kann man auf- und absteigen“, erklärt die 63-Jährige.
Die Sambaschulen übernehmen auch soziale Aufgaben
Jede Schule hat ihre eigenen Farben: Das Wappen von Grande Rio ist Rot, Grün und Weiß, bei der Konkurrenz von Beija-Flor trägt man Blau und Weiß, Rosa und Grün stehen für Mangueira. Diese Farben übernehmen auch die Anhänger, um ihre Unterstützung zu zeigen. Die Samba-Schulen sind wichtige Arbeitgeber für die Menschen in den Armenvierteln, den Favelas.
Sie übernehmen soziale Aufgaben, bilden Jugendliche aus. Dem Portal Carnavalesco zufolge bringt das Spektakel der Stadt umgerechnet 620 Millionen Euro ein. Mindestens 45 000 Jobs hängen nach offiziellen Angaben von den Feierlichkeiten ab.
Erster Sieg für Grande Rio
Academicos do Grande Rio hat den Wettstreit der besten Samba-Schulen 2022 für sich entschieden – eine Premiere für die Gruppe aus Duque de Caxias im Norden von Rio de Janeiro. Sie setzte sich mit einer Präsentation zu Ehren der afrobrasilianischen Kultur und der Gottheit Exu durch. Nun stehen die ausgezeichneten Requisiten in der Samba-Stadt und warten darauf, abgetakelt zu werden. „Manche Dinge werden eingelagert, falls man sie noch braucht“, sagt Cecilia Bulcão de Moraes. Vieles landet auf dem Müll.
Kurz nachdem das eine rauschende Fest vorbei ist, beginnen die Vorbereitungen fürs nächste Jahr. Generalstabsmäßig. Ein Motto muss gefunden, Kostüme und Wagen entworfen, gebaut, geschneidert, eine Musik komponiert und Tänze einstudiert werden.
Spätestens ab Juni wuselt es in der Halle, dann wird gesägt, gehämmert und geschweißt, Dutzende Nähmaschinen rattern um die Wette. „Wir machen die Führungen durch die Samba-Stadt das ganze Jahr. Doch die beste Zeit für eine Besichtigung ist kurz nach dem Karneval.
Dann sieht man richtig viel. Zwischendurch ist die Halle fast leer, wenn die alten Sachen zerlegt und die neuen noch nicht fertig sind. Und kurz vor dem Karneval darf man nicht fotografieren“, erzählt die Touristenführerin. Denn natürlich lassen sich die Konkurrenten nicht gern in die Karten schauen. Zumal Academicos do Grande Rio einen Titel zu verteidigen hat.
Info: Anreise
Direktflüge nach Rio de Janeiro gibt es ab München mit Lufthansa, www.lufthansa.com.
Unterkunft und Veranstalter
Das Hotel Porto Bay liegt direkt an der Copacabana. Von der Pool-Bar im 20. Stock hat man einen tollen Blick auf den berühmten Strand. DZ ab 135 Euro, www.portobay.com.br.Zentral in der Innenstadt wohnt man im Hotel Vila Galé Rio de Janeiro in einem ehemaligen Palast aus dem 19. Jahrhundert, DZ ab 75 Euro, www.vilagale.com.Rio de Janeiro ist der Zielort der großen Rundreise „Höhepunkte Lateinamerikas“ des Berliner Reiseveranstalters Lernidee. Preisbeispiel: 16 Tage ab 4980 Euro inkl. Flügen ab/bis Deutschland. Man kann den Rio-Aufenthalt auch mit einer Amazonas-Kreuzfahrt verbinden. Preisbeispiel: 18 Tage ab 7420 Euro inkl. Flügen ab/bis Deutschland, www.lernidee.de.
Aktivitäten
Die Samba-Stadt kann man von Montag bis Samstag jeweils um 11 Uhr und um 16 Uhr besichtigen, die Tickets kosten 20 Euro, https://carnavalexperience.com.br Der nächste Karneval in Rio de Janeiro findet voraussichtlich vom 17. bis zum 25. Februar 2023 statt. Karten unter: www.carnavalticketrio.com.
Weitere Infos
Rio de Janeiro Tourismus, https://visit.rio/en