Als der Bus die quirlige Metropole Tunis hinter sich gelassen hat, wird es langweilig. Draußen zieht eine eintönige Landschaft vorbei – braun die Felder, graugrün die Olivenbäume, graubraun die Dörfer. „Auf diesen Feldern wurde Geschichte geschrieben“, begeistert sich Sadok Memi und erzählt von der Schlacht bei Zama, als Hannibals Elefanten sich gegen die eigene Armee wandten, weil ihnen das Schlachtgetümmel zu viel wurde. „Damals wäre das Römische Reich fast untergegangen“, philosophiert der Fremdenführer vom deutsch-tunesischen Start-up Wildyness. Das hat sich zum Ziel gesetzt, ausländischen Gästen das wahre Tunesien zu erschließen.
Mächtige Säulen im Nirgendwo
Tatsache ist: Die Römer siegten 202 v. Chr. in Zama und richteten sich in der Kornkammer von Tunesien häuslich ein. Und wie! Mitten im Nirgendwo ragen mächtige Säulen in den Himmel, Mauerreste von gigantischen Tempeln, Thermen, Theatern und dazu ein kolossaler Triumphbogen. Rund 60 Hektar umfasst die römische Ausgrabungsstätte von Makthar und nicht nur die alten Römer lebten in Mactaris. Auch von Christen, Byzantinern, Vandalen und Phöniziern fand man Schmuck, Öllampen und Münzen, die ein kleines Museum zeigt.
In den Ruinen der einstigen Großstadt herrscht biblische Ruhe, kaum zwei Dutzend Besucher verlieren sich in dem riesigen Stein-Puzzle. Längst sind noch nicht alle Geheimnisse gelüftet. „Im März kommen wieder Archäologen aus Hamburg“, erzählt Moheddine Chaouali vom Institut des nationalen Kulturerbes.
Händler auf Eseln
Auch im nahen Berberdorf Kesra, das mit seiner Lage auf 1100 Metern den tunesischen Höhenrekord hält, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Der auf römischen Ruinen erbaute Ort schmiegt sich an den Rand eines Felsplateaus und bei manchen Häusern weiß man nicht so genau, ob sie noch im Bau oder schon im Verfall begriffen sind. Durch die Gassen streunen Katzen, in Tonscherben gedeiht verschwenderische Blumenpracht und bei einer Panoramawanderung begegnen einem Händler auf Eseln.
„Tunesien ist nicht so groß, aber vielfältig, mit 3000 Grabungsstätten von Römern, Osmanen, Arabern und natürlich Karthagern“, sagt Tunesiens Tourismusminister Moez Belhassine. Jeder kenne Hannibal, aber in Tunesien weise nur wenig auf den karthagischen Feldherren hin. Auch dass das Land acht Unesco-Welterbestätten hat, sei kaum bekannt.
Drehort von Indiana Jones
„Bis 2035 wollen wir nachhaltige Destination sein, um wieder wettbewerbsfähig zu werden“, kündigt Belhassine an und verweist auf erste Projekte wie eine Kinoroute, die zu den Drehorten von „Der englische Patient“, „Star Wars“ und „Indiana Jones“ führt. Oder eine Kulinarikroute zu Käse und Wein – beide Projekte unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit.
Das Müllproblem ist allgegenwärtig
Lange, so räumt der Tourismusminister ein, habe man sich darauf verlassen, dass der in den 60er Jahren entlang der Küste entwickelte Tourismus funktioniere, doch Anschläge und Corona verhagelten die Bilanzen der vergangenen Jahre. Auch die Demokratisierung des Landes veränderte vieles. So hänge das allgegenwärtige Müllproblem auch damit zusammen, dass noch nicht alles rundläuft im jungen Staat: „Ein Plastiktüten-Verbot existiert bereits, aber es muss noch umgesetzt werden“, sagt Belhassine.
Eine Heilige Stätte des Islam
Sehr positiv sei aber, dass die Jugend den Tourismus mit eigenen Ideen und Start-ups weiterentwickle. So wie Wildyness, die einheimische Führer mit ausländischen Gästen zusammenbringen. Oder wie Sarah Khefacha, die in der Altstadt von Monastir ein Haus aus dem 19. Jahrhundert liebevoll saniert und zu einem bildschönen Gästehaus mit fünf Zimmern umgebaut hat.
Traditionelle Künste erleben kann man in Kairouan. Mit seiner Moschee aus dem 8. Jahrhundert zählt die Stadt zu den vier Heiligen Stätten des Islam – neben Mekka, Medina und Jerusalem. In der Altstadt verschönert der Kalligraf Safouene Miled weiße Kuppeln mit bunten Buchstabenkombinationen. Die Schreibkunst wurde einst entwickelt für Koranverse, später gestaltete man auch wichtige Verträge damit. Heute dekorieren die tanzenden Buchstaben Karten, Möbel oder Mauern.
Ein paar Häuser weiter lässt sich Khalima Barrek in ihrer Patisserie bei der Zubereitung des Traditionsgebäcks Makrout über die Schulter schauen. „Das Rezept stammt aus dem 10. Jahrhundert“ verrät sie. Es kombiniert Weizengrieß, Datteln, Olivenöl sowie allerlei Gewürze und funktioniert bis heute: Die rautenförmigen Teilchen schmecken süß, fruchtig und würzig zugleich.
Unwiderstehliche Teppichhändler
In der Weberei Allani dürfen Gäste ergründen, wie mühsam die Teppichherstellung von Hand ist. Wer mag, kann selbst mal den einen oder anderen Knoten knüpfen – von zigtausenden, die ein Teppich hat. Das ganze mehrstöckige Haus ist eine Schatzkammer voller gewobener und geknüpfter Kunstwerke und es ist fast unmöglich, dem Handelsgeschick der Mitarbeiter zu widerstehen. Auch das hat Tradition in Tunesien.
Infos
Anreise
Von Stuttgart fliegt Eurowings direkt nach Tunis, www.eurowings.de Tunisair fliegt ab Frankfurt und München, www.tunisair.com
Unterkunft
Das Hotel La Kashba in Kairouan liegt direkt am Altstadtmarkt. DZ/F ab 95 Euro, www.goldenyasmin.com Das Gästehaus Dar Benti findet sich in Monastirs Altstadt. DZ/F ab 94 Euro, www.darbenti.com Das Hotel Royal Thalassa residiert in Monastir am Meer. DZ/F ab 73 Euro, www.thalassa-hotels.com Eine noble Adresse in Tunis ist das Maison Dedine. DZ/F ab 257 Euro, www.maisondedine.com
Essen und Trinken
Tunesische Spezialitäten im Dar Ben Gacem in Tunis, www.darbengacem.com Frischer Fisch im Calypso Restaurant an der Marina von Monastir, via facebook.
Allgemeine Informationen
Buchtipp: „Tunesien“ im Reise Know-How Verlag, 444 Seiten, 24,90 EuroFremdenverkehrsamt Tunesien in Frankfurt, www.discovertunisia.com