Reise Oh, wie schön ist Haapsalu

Von Anja Wasserbäch 

Man muss mit Kindern im Winter weder in die Berge noch in die Sonne, sondern kann auch mal an die Westküste Estlands reisen. Und dort ein kleines Bullerbü entdecken.

Das Bild an der Wand erzählt die Geschichte, wie die Illustratorin  Ilon Wikland als Kind am Bahnhof in Haapsalu ankam. Foto: Schmid 9 Bilder
Das Bild an der Wand erzählt die Geschichte, wie die Illustratorin Ilon Wikland als Kind am Bahnhof in Haapsalu ankam. Foto: Schmid

Haapsalu - Es gibt dieses bezaubernde Bild, das ein blondes Mädchen mit einem Hund und einem gelben Koffer an einem menschenleeren Bahnhof zeigt. Gemalt hat es Ilon Wikland. Wenn man sich mit der Lebensgeschichte der Illustratorin beschäftigt, dann ist das jedoch ein sehr trauriges Bild. Es zeigt Ilon selbst, im Alter von sechs Jahren. Der Bahnsteig ist der von Haapsalu, der heute immer noch genauso aussieht wie auf dem Bild.

Ilon Wikland wurde von ihrer alleinerziehenden Mutter, die vom Leben als Mutter in Tallinn überfordert war, zu ihren Großeltern in die estnische Gemeinde an der Ostsee geschickt. Allein. Oma und Opa wussten aber nichts von ihrer Reise. So kam sie also an in diesem Städtchen, 100 Kilometer westlich der Hauptstadt.

Heute ist Haapsalu vor allem eine Sommerstadt. Das merkt man gerade dann, wenn man im Winter hierher reist. Gegen den Strom. Manche Restaurants haben geschlossen. Die Hauptattraktion, die Ruine der Bischofsburg, ist menschenleer. Allein auf dem Spielplatz sind ein paar Kinder, nur Esten. Vielleicht sind es auch Russen, von denen leben auch einige hier. Sie suchen in Estland ihr Glück. Das liegt auf der Hand: Estland ist Vor­reiter in vielen Dingen. Zum Beispiel in Sachen Digitalisierung. Wer hier wählen geht, muss nicht aus dem Haus, sondern kann das am Schreibtisch erledigen. Im Urlaub merkt man das mit dem Fortschritt daran, dass es überall WLAN gibt. Für umsonst. Die Hauptstadt Tallinn wurde schon als „Silicon Valley Europas“ bezeichnet. Mit dem Auto sind es vom Flughafen der Hauptstadt gerade mal 90 Minuten nach Haapsalu.

Weite Moore, Wälder und Meer statt Ostblock-Assoziationen

Wenn man den Menschen davon berichtet, dass man in Estland im Urlaub war, schauen die meisten stutzig. Es weckt Ostblock-Assoziationen. Spätestens wenn man von der Landschaft (weite Moore, Wälder, Meer), der Kultur (diese Holzhäuschen), Kulinarik (Borschtsch und Unmengen an Fisch) und Kinderfreundlichkeit schwärmt, werden sie hellhörig. Und es ist wirklich nicht übertrieben: Man kann von allem sehr viel und sehr Gutes bekommen. Und umsonst obendrauf gibt es im Winter hier das, was man unter dem Modewort Entschleunigung versteht. Hier ist es einfach sehr lange dunkel: Gegen 10 Uhr geht die Sonne auf, um 16 Uhr dämmert es schon wieder. Aber so richtig hell ist es eigentlich nie im Winter. Das kann für manche Trübsal bedeuten. Als Eltern sieht man aber auch die guten Seiten: Kinder schlafen hier einfach mehr. Und man muss die Tage nicht so vollpacken, weil sie kürzer sind. Abends noch eine Nachtwanderung durch den wunderbaren estnischen Wald, ein bisschen Lagerfeuer. Das war’s.

Tagsüber gibt es nicht viel zu tun: Schwimmbad, Spaziergänge am Meer, vorbei an Jugendstilvillen und bunten Holzhäuschen, eine Schlenderei in den Ruinen der Bischofsburg, die Ilon Wikland zu ihrer Matisburg in „Ronja Räubertochter“ inspiriert haben soll. Dazwischen noch etwas essen im gemütlich-schicken Restaurant Dietrich, in dem Elchleber auf der Tageskarte steht, Spiel- und Malsachen für die Kinder selbstverständlich und die Kindergerichte eben nicht Pommes oder „Captain Iglu“ sind. Für ein paar Euro gibt es Schnitzelchen und Gurkenrädchen, Bratkartoffeln mit Kräuterquark. Spielsachen liegen sowieso überall bereit. Willkommen im Wunderland.

Die Bilder kennt man aus den Büchern von Astrid Lindgren

Danach plant man noch einen Besuch im Museum „Ilons Sagoland“ ein, wo Karlsson vom Dach wohnt, gebastelt und gespielt wird und alles so aussieht, als wäre man hier in Bullerbü gelandet. Das Museum ist ein einziger Spielplatz. Es wurde der Illustratorin Ilona Wikland zu Ehren 2009 eröffnet. Hier entdecken Kinder kleine Türchen in der Wand, basteln und malen, schauen, wo Karlsson vom Dach wohnt, wo sein kariertes Hemd an der Wäscheleine hängt und bewundern natürlich die vielen schönen, gemalten Bilder von Wikland, die man aus Büchern wie etwa „Ronja Räubertochter“, „Lotta aus der Krachmacherstraße“ oder „Karlsson vom Dach“ kennt.

Ilon Wikland hatte selbst keine Bullerbü-Kindheit. Sie erlebte die sowjetische Okkupation Estlands, sah, wie die deutschen Truppen einmarschierten und 1944 setzten sie ihre Großeltern in ein Flüchtlingsschiff nach Schweden. Als Erwachsene lernte sie in einem Verlag die Empfangsdame Astrid Lindgren kennen. Lindgren hat in ihrer Schublade das Manuskript für „Mio, mein Mio“, für das Wikland Probezeichnungen machen soll. Das war 1953. Der Rest ist beste Kinderbuchgeschichte. Erst viele Jahre später erfahren die Esten, dass Ilon Wikland ihre Landsmännin ist. Und als Wikland in den 1990er Jahren Haapsalu wieder besucht, bemerkt sie, dass sie unbewusst immer die Orte ihrer Kindheit gezeichnet hat.