Reise: Wanderschäfer auf der Alb 365 Tage im Jahr

Von Patricia Wohlgemuth 

Hans Buck ist Schäfer und wandert mit seiner Herde über die Schwäbische Alb. Urlaub gibt es für ihn nicht.

Seit 50 Jahren ist Hans Buck mit Schafen unterwegs. Einen Nachfolger hat er nicht. Foto: Markus Kirchgessner
Seit 50 Jahren ist Hans Buck mit Schafen unterwegs. Einen Nachfolger hat er nicht. Foto: Markus Kirchgessner

Stuttgart - Man glaube es oder glaube es nicht: Sie halten sich an keinen Mindestabstand und blöken laut in dicht gedrängten Grüppchen. Sie reisen wie seit Jahren gewohnt und verbringen die Nächte keineswegs in separaten Zimmern. Hierbei handelt es sich um keine Corona-Party und überhaupt ist das Treiben dieser Spezies absolut legal.

Der über Jahrzehnte erfahrene Leiter dieser besonderen Gruppenreise hört auf den Namen Hans Buck.

Es ist Mitte April und Buck durchwandert seit Ende Februar die Halbhöhen rund um Esslingen. Ein halbes Jahrhundert schon bevölkert er mit seinen ungefähr 300 wollknäueligen Schafen und den dazugehörigen Lämmern die Wiesen und Hänge im Gebiet Wäldenbronn alle Frühjahre wieder. Lange bevor die Bau­gebiete in Wiflingshausen, Obertal und Liebersbronn aus dem Boden schossen, war Hans Buck mit „Buh“ und „Mäh“ schon vor Ort. Vor 40 Jahren dann, als auf den Hügeln im Nordosten das Grün weniger wurde, gönnte die Stadt Esslingen dem Wanderschäfer als Dreingabe Streuobstwiesen am Fuße der Katharinenlinde. Ein weites Gebiet, das bis an die Grenzen Uhlbachs und somit an die Stadtgrenze Stuttgart reicht.

Gerangel unter einer alten Birne

Die Herde im Blick, steht Schäfer Buck wie ein Monument auf einer steilen Wiese am „Alten Berg“. Zwischen den zart bis überschäumend blühenden Obstbäumen schmatzen leise blökend Mutterschafe und Lämmer in durchgängigen Konfektionsgrößen. Prinz, der unentbehrliche Hütehund, und Esel Lola, die Lastenträgerin, gehören mit zur vierbeinigen Gesellschaft.

Unter einer alten Birne gibt’s Gerangel: drei Böcke, die durch rüpelhaftes Verhalten auffallen. Sie balzen um ein läufiges Schaf, rammen sich die Köpfe gegenseitig an die Flanken, schubsen, raufen und bespringen das Weib, um gleich danach weiter zu toben. Die Buben unter den Lämmern machen es den Alten nach. „Die üben schon mal“, kommentiert der Schäfer.

Besonders tut sich ein prächtiger braunköpfiger „Dorper Bock“ hervor. Ein Bock mit Migrationshintergrund. Mit afrikanischen Genen ausgestattet, macht er die Nachkommenschaft robuster und befähigt sie zudem auch dazu, mit trockenem Gras auszukommen. „Das vermischt sich gut mit dem Merinoschaf und ergibt saftigeres und kräftigeres Muskelfleisch“, erklärt Hans Buck.

Knabbern an blühenden Kirschzweigen

Die Lämmer kommen bevorzugt im Winter zur Welt, der gesünderen Jahreszeit für das Schafvolk. „Im Sommer gibt’s zu viele Fliegen und hier nur Ärger“, stöhnt Buck mit wissendem Lächeln. „Die Städter beschweren sich bei der Polizei oder schicken mir den Tierschutzbund, wenn sie ein Neugeborenes auf der Wiese sehen. Ich habe mir schon mein Lamm im Tierheim wieder abholen dürfen.“

Kaum sichtbar hebt Hans Buck den Zeigefinger und schon weiß Prinz, ein Altdeutscher Schäferhund, was zu tun ist. Als spanne er unsichtbare Fäden um das zottelige Volk, treibt er die noch kauenden Nachzügler zum Kern der Herde. Die Gruppe zuckelt ins Nachtlager, eine Wiese auf der anderen Seite des Wegs.

Den letzten Tag, bevor die Reise von Esslingen aus weitergehen wird, verbringt das wollige Grüppchen noch mal am Kirschbuckel. Die Nummer 24, ein besonders elegantes, langhalsiges Tier, gönnt sich noch einen Leckerbissen und knabbert an blühenden Kirschzweigen.

Egal ob Hitze, Schnee oder Hagel

Morgen, wenn die Karawane weiterzieht, bleibt erst mal nicht viel Zeit für solche Naschereien. Den Sommer verbringen Esel und Schafe ihrer Natur entsprechend auf der Alb, dort ist es frischer und die Herde kann sich der Aufgabe als Landschaftsschützer widmen. Über Esslingen-Zell, Altbach und Plochingen wird die Reisegruppe in wenigen Tagen in Ebersbach ankommen.

In Ebersbach wurden ab Ende Januar viele der Lämmer geboren und nächste Woche wird den Tieren dort die Wintergarderobe abgenommen. Ebersbach liegt nahe genug bei Notzingen, wo Hans Buck mit seiner Familie und der Landwirtschaft lebt. Ja, Landwirt ist der Reiseleiter auch noch. Im Sommer treibt er die Schafe frühmorgens, wenn das Gras noch feucht ist und die Erde frisch atmet, zum Fressen auf ihre Plätze. Sobald es heiß wird, dürfen die satten Schäfchen im Schatten der Bäume ausgiebig Siesta machen, während Schäfer Buck sich um Getreide und Heu für den Wintervorrat kümmert. Ein Sommertag bei Hans Buck beginnt morgens um 5 Uhr, um Mitternacht geht er zu Bett. Ein junger Mann mit 18 Lenzen war der Schäfer, als er 1968 mit der ganzjährigen Wanderschaft begann. Gelernt hat er beim Großonkel, dessen Herde er schließlich übernahm.

„Einfach so macht man das nicht, 365 Tage bei jedem Wetter, egal ob Hitze, Schnee oder Hagel“, erläutert der stolze Schäfer, da musst du erst mal die passende Frau finden, die das mitmacht. Da gibt’s keinen Urlaub – das will doch heutzutag’ niemand mehr.“ Die passende Frau hat er gefunden und zwei Söhne kamen dann auch.

Die Braut und die blökenden Schafe

Sie helfen mit, wenn die Herde durch Ortschaften getrieben werden muss. Nicht nur in Eislingen geht’s mitten durch die Fußgängerzone. So eine Reisegruppe will schließlich was sehen vom Zentrum. In Rechberghausen, wo rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche geheiratet werden darf, wurden die Vertreter der Glück bringenden Zunft eines Tages mit besonderer Begeisterung während einer Trauung empfangen. An einem Sonntagmorgen um 6 Uhr stürzte eine Braut aus der Kirche und lief mitten in die blökende Masse der spontan erschienenen Hochzeitsgesellschaft. Lukas, den die Familie Buck zu ihren alten Freunden zählt, grinst und schüttelt den Kopf: „Das Kleid der Braut war danach alles andere als jungfräulich, aber das hat der gar nichts ausgemacht!“

Lukas, ein Esslinger im gestandenen Mannesalter, wurde schon als Kleinkind von seinem Vater zu Hans Buck an die Katharinenlinde mitgenommen. Nun kommt er zusammen mit seiner Tochter Franzi. Sie lehnt versonnen an Lola, der Eselin, und erzählt, dass die 17-jährige Lola und sie miteinander aufgewachsen sind. „Mein Papa ist schon immer mit mir hierhergekommen und wir sind dabei, egal wo der Hans uns braucht.“ Just in dem Moment springt Franzis Papa auf. Auf der Wiese liegt ein Neugeborenes.

Schäfer auf Wanderschaft

Die Route des Schäfers Hans Buck geht von Esslingen weiter über Plochingen nach Reichenbach/Ebersbach ins Filstal, von dort aus ins Nassachtal, weiter über Wangen, Rechberghausen, Göppingen, Eislingen und Saalach nach Süssen. Von dort über den „Grünen Berg“ den Albtrauf hinauf. Auf der Alb passiert die Herde unter anderem Bad Überkingen, Schopfloch, Drackenstein, Westernheim, Geislingen, Donaustetten. Längeren Aufenthalt hat Hans Buck mit seinen Schafen Ende Mai/Anfang Juni und von September bis November um Schopfloch.

Wanderungen von Schopfloch aus
Zum Schopflocher Moor und Randecker Maar; Gutenberg oben und unten (Gutenberger Höhle); Von Hepsisau durch die Zipfelbachschlucht entlang des Albtraufs nach Ochsenwang, über den Breitenstein auch als Rundwanderung möglich.

Einkehr Sobald wieder offen bzw. Verkauf auf die Hand erfragen: Otto-Hofmeister-Haus, www.alpenvereinaktiv.com/de/tour/otto-hofmeister-haus

Buchtipp Jürgen Mauch, Wolfgang Roser: „Der schwäbische Vulkan, Geotope und Biotope der Vulkanalb“.

Allgemeine Informationen www.schwaebischealb.de




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