Wer nicht aufpasst, zahlt unnötig zu viel
Wie wichtig aber unabhängige Beratung ist, zeigen die geschilderten Fälle. Dabei geht es um das beliebte 9-Euro-Ticket, das 98 Prozent der Deutschen laut DB-Angaben kennen und das allein im Juni von mindestens 30 Millionen Menschen genutzt wurde. Damit kann man bundesweit einen Monat lang den Regionalverkehr bundesweit kostenlos nutzen. Doch wer sich nicht gut auskennt oder nicht aufpasst, zahlt bei der Deutschen Bahn dennoch unnötig zu viel.
Hinweis, dass es günstiger geht, fehlt
Das liegt an den Buchungssystemen des Konzerns und der für Außenstehende schwer verständlichen Aufteilung von Fern- und Regionalverkehr in Deutschland seit der Bahnreform. Wer auf den DB-Seiten im Internet oder im DB-Navigator am Smartphone zum Beispiel kurzfristig die Urlaubsfahrt von Berlin an den Chiemsee in Bayern buchen will, bekommt viele Tickets vom Start bis zum Ziel angeboten, die bis zu 200 Euro in der 2. Klasse kosten, wenn man bei Zug und Abfahrtszeit flexibel bleiben möchte. Dabei fehlt allerdings der Hinweis, dass es auch deutlich günstiger geht. Denn in den angezeigten Ticketpreisen ist nicht nur die ICE-Fahrt bis München enthalten, sondern auch die Weiterfahrt im Regionalzug nach Prien am Chiemsee.
Wer aber ein 9-Euro-Ticket kauft oder wie viele Bahnkunden schon besitzt, muss für diese Anschlussfahrt eigentlich nichts extra bezahlen. Der Konzern stellt die Fahrt dennoch in Rechnung, wenn man so bucht, wie angeboten.
Im Beispielfall zahlt ein Kunde mit 9-Euro-Ticket so rund 60 Euro zu viel. Denn die ICE-Fahrt Berlin-München kostet im betreffenden Zug knapp 140 Euro, wie eine getrennte Abfrage in den DB-Systemen zeigt. Es reicht also, diese Fahrt bis München zu buchen und dann kostenlos mit dem 9-Euro-Ticket den Anschlussregionalzug an den Chiemsee zu nutzen. Doch darüber wird der Bahnkunde bei der Online-Buchung nicht hinreichend aufgeklärt.
Das grenze an Täuschung und „zeigt, wie wichtig vernünftige persönliche Beratung besonders für nicht so erfahrene Bahnnutzer ist“, sagt Michael Kotzurek von der Agentur GBFR-Reisen in Berlin, die unter anderem auf Zugreisen spezialisiert ist. Solche Beratung bringe aber auch dem Konzern „echten Mehrwert“. Denn die Verärgerung von Kunden werde vermieden, wenn sie ahnungslos mehr zahlen als nötig.
Hinweise auf kostenfreie Nutzung des 9-Euro-Tickets fehlen
Nicht nur Kotzurek vermutet, dass die Sache System hat und der hoch verschuldete Konzern an den teuer verkauften Anschlussfahrten kräftig verdient. Die GBFR-Experten haben sich die Mühe gemacht, mehr als ein Dutzend Online-Angebote der DB zu vergleichen, und festgestellt, dass die Hinweise auf kostenfreie Nutzung des 9-Euro-Tickets bei Anschlussfahrten systematisch fehlen.
Zum Beispiel bei den Strecken Berlin-Neckarsulm über Mannheim, Berlin-Eckernförde über Hamburg oder Hamburg-Zinnowitz über Berlin. Selbst bei Tickets mit Supersparpreisen zahlen Kunden dann schnell 30 Euro und mehr zu viel.
Die Behauptung, die Bahn würde Kunden online abzocken, entbehre „jeglicher Faktenlage“, erklärt eine Sprecherin. Seit Verkaufsstart Ende Mai informiere die DB auf ihren Kanälen „ausführlich zu allen Besonderheiten des 9-Euro-Tickets, auch zur Kombination mit Fernverkehrstickets“. Um Kunden bei der Suche nach der optimalen Verbindung und dem niedrigsten Preis zu unterstützen, gebe es im DB-Navigator oder auf bahn.de die „Bestpreissuche“, die transparent und einfach den günstigsten Preis anzeige. Zudem könne der DB-Kundenservice telefonisch und im Reisezentrum helfen.
Warum aber fehlt der Hinweis, dass die Buchung des Fernzugs bis zum Umstieg in den Regionalzug genügt, wenn man ein 9-Euro-Ticket hat? Der Konzern beruft sich darauf, dass man wie alle Bahnen nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz zur sogenannten „Durchtarifierung“ nach Paragraf 12 AEG verpflichtet sei. Das bedeute, dass man Kunden eine durchgängige Fahrkarte vom Beginn bis zum Ende der Reise zu einem bestimmten Tarif anbieten müsse.
Bahn: Tarifstückelung unzulässig
Deshalb sei das „Stückeln“ mehrerer Tarife gesetzlich nicht zugelassen, also den Tarif der DB AG und den Deutschlandtarif für das 9-Euro-Ticket getrennt anzubieten, heißt es. Zudem käme es dadurch in vielen Fällen zu falschen oder zu teuren Preisangaben, argumentiert der Konzern. Denn oft biete der Fernverkehr, wie auf der Strecke Berlin-Eckernförde, Sparpreise ab 21,90 Euro, in denen auch Nahverkehr und Cityticket am Zielort enthalten seien. Ein zusätzliches 9-Euro-Ticket mache die Reise dann sogar teurer, weil der Fernzug allein nicht billiger wäre. Eine Änderung der kritisierten Praxis ist also bisher offenbar nicht vorgesehen – zumindest lässt der Konzern auch entsprechende Nachfragen offen.