Reiseindustrie und Luftfahrt in Corona-Zeiten Ein Neuanfang ist zwingend

Das Reisen wird sich auch nach Corona stark verändern. Foto: AFP/TOBIAS SCHWARZ

Die Geschäftsmodelle der Reiseindustrie und Luftfahrt funktionieren nicht mehr, meint Klaus-Dieter Oehler.

Frankfurt - Die Ausgangslage ist eindeutig. Die Corona-Pandemie hat nicht nur Hotellerie und Gastronomie oder die Veranstaltungsbranche voll erwischt, sondern auch die komplette Reiseindustrie vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Reisebeschränkungen weltweit, Sicherheits- und Hygenieauflagen bis hin zu Beherbergungsverboten – nichts geht mehr. Milliarden wird es kosten, die davon betroffenen Betriebe zumindest für eine Weile am Leben zu erhalten. Auf Dauer aber ist das keine Lösung. Es ist daher richtig, dass das nächste Hilfspaket des Staates nicht spontan aufgestellt wird. Die Reiseindustrie und auch die Luftfahrt müssen sich die grundsätzliche Frage stellen, ob ihr Geschäftsmodell überhaupt noch richtig ist, ob es „nach der Krise“, wann immer das sein wird, eine Rückkehr zu einer, wenn auch veränderten neuen Normalität geben wird.

 

Viele Experten sind sicher, dass diese Pandemie das Verhalten der Verbraucher auch langfristig beeinflussen wird. Arbeiten im Homeoffice und Videokonferenzen werden deutlich zunehmen, Geschäftsreisen, der Kurztrip nach London zum einstündigen Meeting werden die Ausnahme, nicht mehr die Regel sein. Es ist nicht sicher, dass das auch noch in fünf oder zehn Jahren so sein wird, aber die Industrien müssen sich darauf einstellen. Fraglich ist auch, ob der Einkaufsbummel in Norditalien – für weniger als 20 Euro per Flugzeug von Stuttgart nach Mailand und zurück – jemals wieder so attraktiv werden wird wie er es in den vergangenen Jahren geworden war.

Flughäfen brauchen Argumente, um ihre Existenz zu begründen

Für eine Branche wie die Luftfahrt ist das ein völliger Neuanfang. Jahrelang gab es nur Wachstum, immer mehr Passagiere, die rund um die Welt flogen, aus reiner Reiselust oder aus geschäftlichen Gründen. Ein Ende des Booms war nicht absehbar, er ist abrupt gekommen. Nicht alle werden diesen Wandel überleben. Hotels, die bisher nur von Geschäftsreisenden und Messegästen lebten, werden überlegen müssen, ob ihre Kapazitäten nicht zu groß sind. Flughäfen, vor allem die vielen Regionalflughäfen in Deutschland, brauchen schon gute Argumente, um ihre Existenz zu begründen. Sie müssen auch erklären, warum die Passagiere nicht wenige Kilometer mit der Bahn zu einem größeren Flughafen fahren können – auch aus umweltpolitischen Gründen nicht unbedingt die schlechtere Lösung.

Ein großer, möglichst breit aufgestellter Luftfahrtkonzern wie die Lufthansa hat durchaus gute Chancen, gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen. Im Nachhinein war es geschickt, dass Lufthansa-Chef Carsten Spohr schon vor einiger Zeit den touristischen Anteil des Geschäfts ausbauen wollte. Touristen werden eher wieder reisen als dies Geschäftsleute tun werden. Daher gilt es, die Weichen neu zu stellen, die Branche auf den Bedarf der Zukunft auszurichten, nicht alte Strukturen um jeden Preis zu erhalten.

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