Als Ana Maria Goncalves aus Angola floh, war es vom Krieg zerrüttet. Nun ist Angola Partnerland der CMT. Ein Besuch und ein Porträt eines Lebens in der Fremde, die Heimat geworden ist.

Ich liebe Stuttgart. Sagt sie. Ganz einfach. Ohne Umschweife. Ohne Zusatz. Ohne Ironie. Ohne wenn und aber. Ich liebe Stuttgart. Man ahnt, Ana Maria Goncalves ist nicht in Stuttgart geboren. Sie sagt diesen Satz bei der Reisemesse CMT am Stand ihres Geburtslandes Angola.

 
Angola präsentiert sich bei der CMT. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

1993 war sie aus einem zerrissenen Land geflüchtet. Angola liegt in Westafrika, war 1975 unabhängig von Portugal geworden. Der Befreiungskrieg gegen die Kolonialmacht mündete in einen drei Jahrzehnte dauernden Krieg zwischen der MLPA, unterstützt von der Sowjetunion und Kuba. Und der Unita, finanziert von den USA und Südafrika. Ein Stellvertreterkrieg klassischer Art, der den Kalten Krieg überdauerte. Eine halbe Million Menschen starben, das Land war zerstört. Noch heute ist das Pflügen gefährlich, alte Minen explodieren immer wieder.

Der Tourismus soll angekurbelt werden

Diese Geschichte wollen die Angolaner überwinden. Bisher finanzieren sie sich mit Bodenschätzen: Öl und Diamanten. Tourismusminister Márcio Daniel reist durch die Welt, redet Gutes und ist bei der CMT allgegenwärtig. Dort ist Angola Partnerland. Daniel will sein Land unabhängig machen von der Ölförderung. Tourismus sei das „neue grüne Öl“. Und so flimmern am Stand in der Halle 4 tolle Bilder über die große Videowand. Von den Kalandula-Wasserfällen, von Tieren, von Tänzern, von endlosen Stränden.

Wir sind mit Ana Maria Goncalves (55) und ihrer Tochter Tamara (19) dort hin gegangen. Schauen, wie sich Angola präsentiert. Ob das mit den Bildern in Goncalves‘ Kopf zusammenpasst. Und der Geschäfte wegen. Denn die Familie Goncalves hat eine Firma gegründet – Kahombo. Hausgemachte Soßen und Gewürze. Und weil sich Ana Maria Goncalves mit Fleiß und Geschäftstüchtigkeit eine Existenz aufgebaut hat, sieht sie im Auftritt Angolas eine Chance. Machen, nicht zaudern ist ihr Lebensmotto. Mehr darüber später. Also spricht sie die Leute am Stand an, erzählt von sich und ihren Produkten. Und voila: Jeden Tag gibt es nun eine Verkostung.

Die spanische Mama half

Machen, nicht zaudern. So kam sie nach Deutschland. Nach Stuttgart, Obwohl sie aus einer wohlhabenden Familie stammte, der Vater war Leiter eines Polizeireviers in der Hauptstadt Luanda, sie besaßen mehrere Plantagen, auf denen Maniok und Kochbananen wuchsen. Aber Gewalt war allgegenwärtig. Die junge hochschwangere Journalismusstudentin sah keine Aussicht auf ein friedliches selbstbestimmtes Leben. Sie flog nach Russland, schlug sich nach Deutschland durch, landete in Singen. Sie lernte eine spanische Familie aus Gammertingen kennen. „Die haben mich quasi adoptiert“, sagt sie, „meine spanische Mama.“ Sie halfen ihr, mit ihrer neuen Schwester ging sie auf Partys, „Schlager“, sagt sie und lacht. Sie liebt die Musik bis heute, sie ist ein großer Fan von Peter Maffay. „Bei zwei Konzerten war ich“, sagt sie.

Prinzessin Diana lässt sich 1997 in Angola zeigen, wie Minen entschärft werden. Foto: picture alliance/dpa

Damals lag das in weiter Ferne. Geld hatte sie keines, arbeiten durfte sie als Asylbewerberin auch nicht. Was sie nicht wusste. Also zog sie nach Stuttgart, suchte sich einen Job zum Putzen in einer Küche. Doch das Geld bekam sie nicht, weil sie ja keine Arbeitserlaubnis hatte. „Aber ich wollte nicht rumsitzen“, erinnert sie sich. Doch was tun mit der Wohnung? Die Miete konnte sie ja nicht zahlen ohne Lohn. Die spanische Mama vermittelte ihr bei der Volksbank einen Kredit und bürgt für 12.000 Euro. Ein Startkapital. Und Ana Maria Goncalves war nicht zu bremsen. Sie gründete einen Kulturverein, Mozanola. Zusammengesetzt aus Mozambique und Angola, beides portugiesische Kolonien, beides mit Portugiesisch als Amtssprache. Beim Festival der Kulturen sind sie dabei, zweimal im Jahr im Festzelt beim Berger Plätzle mit eigens gegründeten Festivals.

Sie arbeitete in einer Großküche. Und nebenbei an der Selbstständigkeit. „Ich hatte den ersten afrikanischen Foodtruck in Stuttgart“, sagt sie. Zunächst stand sie beim Westbahnhof, dann beim Cannstatter Carré, mit afrikanischem Gulasch, Hühnchen. „Was sich die Deutschen unter afrikanischem Essen vorstellen“, sagt sie und lacht, „ich musste die Rezepte so interpretieren, dass die Kunden sie verstehen und mögen.“ Und damit ihr nicht langweilig wird, hat sie die Tour des CD Primeiro de Agosto nach Deutschland organisiert, ein Fußballclub aus ihrer Heimatstadt Luanda. Denn so wie sie Stuttgart liebt, so liebt sie auch den VfB. Dass mal ein Kicker aus Angola mal das Trikot mit dem Brustring trage, das wäre ein Traum. Aber so gut seien die dann doch nicht. Für den Sohn hat es auch nicht gereicht zur Karriere als Fußballer, aber bei Spieltagen da sind ihre Kinder im Stadion und schaffen. In der Gastro. Wie die Mama halt.

Doch nur als Zubrot. Tochter Tamara hat Abi gemacht, nimmt sich ein Jahr Auszeit vor dem Studium. Na ja, was bei der Familie Goncalves als Auszeit gilt, sie hilft der Mutter beim Vermarkten ihrer Produkte unter der Marke Kahombo samt Kochkursen und Catering. „Ich koche für mein Leben gerne“, sagt Ana Maria Goncalves. Kahombo heißt im übrigen auf Kimbundu, einer Sprache der Bantu, Habanero, eine scharfe Chili-Sorte. Man ahnt, dass die „very hot sauce“ was für Experten ist. Ihr Gaumen ist trotz Maultaschen und Linsen immer noch die Hitze der Heimat gewohnt.

Der Atlantik bei Luanda Foto: dpa

Nur zweimal war sie in Angola in den vergangenen 30 Jahren. Sie möchte mal wieder hin, auch Tamara mal zeigen, wo ihre Wurzeln sind. Sehen will sie weniger die Orte, die da am Stand Angolas perfekt in Szene gesetzt über die Leinwand flimmern. Sie will die Welwitschia mirabilis sehen, die seltenste Pflanze der Welt, die im Süden Angolas wächst. Sie gilt als lebendes Fossil, wird bis zu 2000 Jahre alt.

Mehrere tausend Jahre alt können auch die Mammutbäume werden, die in Stuttgart wachsen. Aber nicht nur deshalb lebt Ana Maria Goncalves gerne hier. Und schaut mit einem liebevollen Blick auf dieses Land, diese Stadt, der vielen Einheimischen mit ihren Bruddelgenen abgeht. Wer erlebt hat, wie anderswo Menschen ums Überleben, ums Essen, um ein bisschen Wohlstand ringen, der weiß zu schätzen, wie gut es einem hier geht. Geschenkt wurde ihr nichts, aber „dieses Land war gut zu mir“, sagt Ana Maria Goncalves. „Ich liebe Deutschland! Ich liebe Stuttgart!“